Porträt

Talmudlernen in Braille

Die New Yorkerin Lauren Tuchman ist blind – und möchte Rabbinerin werden

14.12.2017 – von Milan ZiebulaMilan Ziebula

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Sechzig Augenpaare folgen einer Passage im Talmud. Lauren Tuchmans Augen ruhen auf einem Punkt schräg vor ihr auf dem Tisch. Die 31-Jährige liest den Text in Braille, der sogenannten Blindenschrift. Als die Kursleiterin die junge Frau dazu auffordert, einen Satz zu rezitieren, legt diese die Hände neben das Buch, reckt den Kopf leicht nach oben und sagt mit hoher, fester Stimme den Abschnitt auf, den sie gelernt hat.

»Wir Blinden sind keine Roboter. Auch mein Erinnerungsvermögen ist begrenzt«, antwortet Tuchman oft, wenn sie auf das Stereotyp des blinden Talmudschülers angesprochen wird, der sich angeblich alles merken kann. Während ihrer Rabbinerausbildung am konservativ geprägten Jewish Theological Seminary (JTS) in New York ist ihr das anfangs oft passiert. Die ersten Jahre, so Tuchman, habe sie viel Zeit damit zugebracht, ihre Mitschüler auf behindertenfeindliche Passagen in den Texten aufmerksam zu machen. Mittlerweile ist sie im fünften Jahr ihrer Ausbildung.

Tuchman hat für verschiedene Menschenrechtsorganisationen gearbeitet. Sie bezeichnet sich als Feministin und als Aktivistin. Sie kämpft für die Rechte von Menschen mit Behinderung.

»Ein Leben mit Behinderung ist lebenswert. #ADAPTandRESIST« schrieb sie im vergangenen Sommer auf ihre Facebook-Pinnwand. Ihre Freunde reagierten mit 55 »Daumen hoch« und 18 Herzen.

Facebook Tuchman ist ein Kind des digitalen Zeitalters. In den sozialen Medien teilt sie Empfehlungen für interessante Podcasts, Ansichten über den aktuellen Wochenabschnitt aus der Tora sowie Sprüche, die Menschen mit Behinderung ermutigen können.

Die junge Frau setzt sich aktiv mit den Ungerechtigkeiten auseinander, die strukturell Benachteiligten in jüdischen Gemeinden widerfahren. So spricht sie beispielsweise über das Gebet »Gesegnet seist Du, Gott, der unterschiedliche Kreaturen erschaffen hat« – eine Bracha, die gesagt werden kann, sobald man an jemandem vorbeigeht, der nicht »normal« aussieht.

Tuchman meint, es könne bedeuten: »Danke, Gott, dass es Diversität gibt«, jedoch auch: »Vielen Dank, Gott, dass ich normal bin«. Ihrer Meinung nach kann niemand einschätzen, was »normal« ist. Solche Brachot, findet sie, sollten nicht mehr gesagt werden.

Wenn Tuchman bei der Diskussion über einen Talmudabschnitt manchmal etwas länger als alle anderen über einen albernen Witz lacht oder auf Facebook zum Weltschokoladentag gratuliert, zeigt sie sich schelmisch-humorvoll, fast kindlich. Diesen Wesenszug konnte sie sich trotz vieler Verletzungen bewahren.

»Ich bin weltweit die einzige blinde Rabbinatsstudentin. Als mir das bewusst wurde, kam ich mir sehr, sehr isoliert vor«, erinnert sie sich. »Ich hatte das Gefühl, niemand sonst hat die Bedürfnisse, die ich habe, und genau dieselben Zugangsschwierigkeiten. Ich dachte: Wie soll ich das durchhalten?

Geholfen hat ihr der Rat einer Rabbinerin, die im Rollstuhl sitzt. »Sie sagte zu mir: ›Du kannst die Last nur von dir weisen, indem du annimmst, dass es noch andere Menschen gibt, die ähnlich marginalisiert sind.‹ Da habe ich verstanden: Ich muss nicht immer Aktivistin für Menschen mit Behinderung sein.«
Inklusion Tuchmans Wunsch, Rabbinerin zu werden, rührt daher, anderen Menschen mit Behinderung die Inklusion in jüdische Gemeinden zu ermöglichen. Der Weg dorthin war lang.

Vor ihrer Zeit am JTS hat Tuchman Judaistik studiert. »Ich wurde im Jahr der Finanzkrise fertig, 2008/2009. Es gab damals in dem Bereich keine Jobs.« Also entschied sie sich, im Marketing für ein kleines Unternehmen zu arbeiten. In ihrer Freizeit brachte sie sich in die jüdische Gemeinde ein.

Allmählich spürte sie, wie glücklich die Arbeit in der Gemeinde machen kann. So entschied sie sich für eine Ausbildung am JTS. »Ich wollte auf eine Schule, die mir die beste rabbinische Bildung vermittelt. Denn ich wusste: Als Frau und als Person mit Behinderung würde ich mit vielen negativen Vorurteilen konfrontiert werden.«

Tuchman sieht es kritisch, dass sie so hohe Ansprüche an sich hat. »Als marginalisierte Menschen tendieren wir dazu, uns stärker anzustrengen als andere, denn wir wollen ernst genommen werden. Meine Familie sagte oft zu mir: Geh aufs College, such dir einen Job und so weiter. Doch ich wollte nicht irgendeinen Job machen, in dem ich gut Geld verdiene. Ich wollte Rabbinerin werden.«

Mizwot Ob jüdische Gemeinden heute inklusiver werden? Auf jeden Fall, meint die angehende Rabbinerin. Heute gehe es weniger darum, wer wie viele Mizwot hält und wer welchen Platz in der Hierarchie einnimmt. »In vielen Gemeinden geht es heute vielmehr darum, dass so viele wie möglich bei so vielem wie möglich dabei sein können«, beschreibt sie die Kultur in den New Yorker Synagogen.

Schon im Talmud habe es blinde Rabbiner gegeben, erzählt Tuchman. »Weil Rabbi Josef blind war, musste er nur die Mizwot befolgen, die auch für Frauen gelten. Er forderte jedoch, auch für die Befolgung der anderen Mizwot anerkannt zu werden.«

Seit dieser Debatte, glaubt Tuchman, werden blinde Menschen in Bezug auf die Mizwot genauso behandelt wie Sehende. »Weil diese Menschen die Mizwot verstehen und ebenso kommunizieren können wie Sehende.«

Einen Gottesdienst könne man heute auch leiten, wenn man taub ist, sagt Tuchman, denn »wir haben verstanden, wie divers Kommunikation sein kann«.

Immer wieder betont sie, dass sie nur eine einzige Stimme in der Behindertenbewegung verkörpert und nicht für alle sprechen kann. Dennoch versucht sie, die Perspektiven von anderen marginalisierten Menschen stets mitzudenken.

Im nächsten Frühjahr wird Tuchman ordiniert. Ob sie danach in einer Gemeinde amtieren wird, ist offen. Sie träumt davon, eines Tages in der jüdischen Erwachsenenbildung zu arbeiten.

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