Oktoberrevolution

Blutiger Putsch

Während des Umbruchs rissen die Bolschewisten die Macht an sich. Die meisten Juden waren keine glühenden Anhänger

19.10.2017 – von Simone BrunnerSimone Brunner

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Als die Revolution ausbricht, erhebt Julius Martow noch einmal seine Stimme. Ein letzter Appell, doch nicht Waffen, sondern Worte sprechen zu lassen. Laut und nahe klingen schon die Schüsse vom anderen Ufer der Newa, die selbst hier, im Smolny-Institut hinter der barocken Fassade wie aus gelbem Zuckerguss, die Fenster zum Erzittern bringen.

Fast flehend klingt seine Stimme, um doch noch eine politische Einigung zu finden und die Gewalt zu stoppen. Doch es ist Leo Trotzki, selbst wie vom Donner gerührt, der ihn anherrscht: »Geht doch dorthin, wo ihr hingehört – auf den Kehrichthaufen der Geschichte!«

Trotzki Eigentlich standen Martow und Trotzki jahrelang auf einer Seite der Geschichte: gegen den Zaren, für den Sozialismus, für die Revolution. Doch in dieser Nacht kommt es im Rätekongress zwischen dem gemäßigten Demokraten Martow und dem schroffen, radikalen Revolutionär Trotzki zum offenen Bruch – in jener denkwürdigen Nacht des 25. Oktober 1917 (nach dem Julianischen Kalender), als die Bolschewiken in der russischen Hauptstadt Petrograd (Sankt Petersburg) den Winterpalast stürmen und die Macht mit Waffengewalt an sich reißen.

Eine Nacht, die als die »Oktoberrevolution« in die Geschichte eingehen sollte und dem kurzen demokratischen Experiment nach der Februarrevolution mit der »Diktatur des Proletariats« ein krachendes Ende setzt.

Doch abgesehen von ihrer linken Prägung gibt es noch etwas, das Martow und Trotzki verbindet: ihre jüdische Herkunft. Wie viele andere Schlüsselfiguren der russischen Sozialisten auch, von Grigorij Sinowjew über Lew Kamenew bis hin zu Jakow Swerdlow, sind sie Juden.

Die Geschichte Russlands im Revolutionsjahr 1917 ist somit auch eine jüdische Geschichte, aber eben nicht nur: Anders als die rechte und später auch die nationalsozialistische Presse immer wieder über den »jüdischen Bolschewismus« schrieb, der bis heute noch als antisemitischer Topos durch politische Debatten geistert, waren jüdische Intellektuelle in allen sozialistischen Lagern vertreten. Wie eben Martow, geborener Zederbaum, der Sprecher der gemäßigten Menschewiken, der sich in dieser Nacht offen gegen die Revolution stellte.

Aufstand In Russland war es die zweite Revolution innerhalb weniger Monate. Bereits im Februar hatte ein Aufstand das Zarenreich hinweggefegt und eine provisorische Regierung an die Macht gebracht.

Die russischen Juden hatten gleich mehrere Gründe, das Ende der Monarchie zu bejubeln: Immerhin war es gerade die Romanow-Dynastie, unter der die Juden seit Jahrhunderten mit besonderer Härte isoliert, diskriminiert und sogar verfolgt wurden. Seit 1791 durften sich die Juden nur in sogenannten Ansiedlungsrayons niederlassen. Zugleich mussten sie Sondersteuern abliefern, wie etwa für koscheres Fleisch oder rituelle Kerzen.

Dass viele Juden in den Ansiedlungsrayons in bitterer Armut lebten, machte sie für die Ideen des Sozialismus empfänglich. Oder zu Aussiedlern: Es wird geschätzt, dass in den Jahren zwischen 1880 und 1920 mehr als zwei Millionen Juden Russland, vor allem in Richtung USA, verlassen haben.

Die späte Zarenzeit war aber vor allem eine Zeit der Gewalt. So kam es 1881/82 und 1903 in den Westgebieten des Russischen Reichs zu zahlreichen Pogromen. Einen traurigen Höhepunkt bildete der Erste Weltkrieg, als zwar 500.000 Juden an der Front in der Armee des Zaren kämpften, während auf dem Rückzug der Armee viele jüdische Siedlungen geplündert und Hunderttausende Juden vertrieben wurden.

»Braucht es eine bessere Vorbereitung auf die Revolution?«, schreibt der fiktive Held in Simon Dubnows Geschichte eines jüdischen Soldaten aus dem Jahr 1916. »Der nationale Protest verschmolz mit dem Sozialismus, und die Revolution wurde meine Religion.«

Zarismus So war es aber die Februarrevolution und nicht die Oktoberrevolution, die den Juden die lang ersehnten bürgerlichen Freiheiten brachte. »Die russischen Juden begrüßten den Sturz des Zarismus im März 1917 als einen Sieg über das drückende antisemitische Regime«, schreibt Mario Kessler vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam in einem Beitrag für die Ausstellung Genosse. Jude., die ab 6. Dezember im Jüdischen Museum Wien zu sehen sein wird. Gleich 650 antisemitische Gesetze wurden im April 1917 unter der provisorischen Regierung aufgehoben – und die Juden zu gleichberechtigten Bürgern. »Das Hochgefühl und der Freudentaumel in der jüdischen Welt sind nicht in Worte zu fassen«, zitiert der amerikanische Historiker Zvi Gitelman einen Juden, der damals aus den USA nach Russland reiste.

Doch bei dieser Revolution sollte es nicht bleiben. Zumindest nicht, wenn es nach einem Mann ging, der damals im Zürcher Exil über der Frage brütete, wie es denn jetzt mit Russland weitergehen sollte: Lenin.

Es war ausgerechnet Martow, der jüdische Sprecher der Menschewiken, der damals ebenso in Zürich im Exil war und der die Idee unterstützte, Lenin unter Absprache mit Deutschland mit dem Zug nach Russland zu schicken. Doch als sich Lenin, in Russland angekommen, weiter radikalisierte und im Herbst zur zweiten Revolution innerhalb weniger Monate aufrief, wurde Martow zu seinem Gegner.

Wie die sozialistische Revolution zu verlaufen hatte, davon hatten Lenin und Martow nämlich ganz unterschiedliche Vorstellungen: Während Lenin es legitim fand, eine Revolution »von oben« – durch Berufsrevolutionäre – durchzuboxen, sollte es laut Martow nur »von unten«, basierend auf einer breiten Bürgerbewegung, geschehen. Eine Frage, über die sie sich schon auf dem Parteitag 1903 verkracht hatten, der die Partei in die radikalen »Bolschewiken« (Lenin) und die gemäßigten »Menschewiken« (Martow) gespalten hatte.

Arbeiterbund Wie Martow, so standen auch die meisten jüdischen Organisationen auf der Seite der Gemäßigten. »Die Ideologie der Bolschewiki war bei der Mehrzahl der Juden nicht populär«, schreibt der russische Historiker Oleg Budnizkij. Im Januar 1917 waren nur 4,3 Prozent der bolschewistischen Mitglieder Juden, das entspricht rund 100 jüdischen Mitgliedern. Demgegenüber zählte der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund, der den Menschewiken nahestand, im Jahr 1917 mindestens 10.000 Mitglieder.

Auch die jüdische Presse lehnte die Oktoberrevolution zumeist ab: »Im März hatten wir es mit einer echten Revolution des Volkes zu tun«, schrieb damals das zionistische Togblat, »jetzt handelt es sich um eine bloße Soldatenverschwörung.«

Von einer »Verschwörung« spricht auch Martow in jener denkwürdigen Nacht, als er im Smolny-Institut noch einmal alles in den Ring wirft und Trotzki ihn auf den »Kehrichthaufen der Geschichte« wünscht. »Dann gehen wir!«, schleudert Martow dem Bolschewiken am Ende genervt entgegen und stürzt aus dem Saal.

»Und wir haben gedacht, dass Martow bis zum Ende bei uns bleiben wird«, wendet sich noch an der Türschwelle ein Arbeiter, die Verachtung ins Gesicht geschrieben, zu Martow. »Eines Tages werdet ihr verstehen, an welchem Verbrechen ihr hier teilgenommen habt«, schnaubt ihm Martow entgegen. Dass er in einem »Anfall von Wut« den Bolschewiken endgültig die politische Bühne überließ, sei wohl etwas, das »ihn den Rest seines Lebens gequält haben dürfte«, bemerkt der britische Historiker Orlando Figes.

Charisma Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn sich Martow in der Nacht des 25. Oktober durchgesetzt hätte? Wenn es ihm gelungen wäre, eine breite Koalition der linken Kräfte zusammenzuzimmern? Zeitgenossen beschreiben ihn als charismatisch, ehrlich und korrekt, aber auch zögerlich, mit einem »starken Glauben an Argumente und die Überzeugungskraft« sowie als »fair, selbst gegenüber politischen Gegnern«, wie später der deutsch-jüdische Historiker und Martow-Biograf Israel Getzler, nicht ohne Bewunderung, schreiben wird.

Dass Martow der sanftere Lenin gewesen wäre, der die Bolschewiken nicht zuletzt wegen ihrer brutalen Rohheit ablehnte, davon sind nicht wenige Historiker überzeugt. »Aber seine Unentschlossenheit hinderte ihn daran, ein politischer Führer zu sein, der es mit Lenin und Trotzki aufnehmen konnte«, so Getzler weiter.

So soll Trotzki den gescheiterten Martow später einen »Hamlet der Sozialdemokratie« genannt haben. Eine tragische Figur, wie aus der Zeit gefallen. Ein Mann des Wortes statt der Tat. Anders als die Bolschewiken, die in diesem »Roten Oktober« skrupellos nach der Macht griffen und auch später nicht davor zurückschreckten, die Oktoberrevolution, die eigentlich ein Putsch gewesen war, propagandistisch als spontane Erhebung des Volkes auszuschlachten. 1920 emigrierte Martow nach Deutschland, wo er 1923, noch ein Jahr vor dem Tod Lenins und lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, starb.

Pyrrhussieg Mit der Oktoberrevolution scheint die Machtübernahme der Bolschewiken, die »Diktatur des Proletariats«, besiegelt. Doch es ist ein Pyrrhussieg. Er wirkt wie ein Dammbruch, der alle Kräfte entfesselt und wenig später in einen blutigen Bürgerkrieg zwischen der Roten und der Weißen Armee mündet. Ein Krieg, in dem die Juden wiederum zu den logischen Verbündeten der Roten werden – sind sie es doch, die keinerlei Grund haben, die Uhr auf die Zeit vor 1917, als sie Bürger zweiter Klasse waren, zurückzudrehen.

Im März 1919 hält Lenin eine Rede über antijüdische Pogrome, in der er den Antisemitismus als Versuch geißelt, »den Hass der Arbeiter und Bauern von den Ausbeutern auf die Juden zu lenken«. Während des Bürgerkriegs werden rund 2000 Pogrome verübt, vor allem von Weißgardisten.

Doch selbst dann, als der Bürgerkrieg 1922 zu Ende geht, folgt eine wechselvolle Zeit für die sowjetischen Juden. Antisemitismus wird zwar als konterrevolutionär verpönt, und erstmals ist es Juden auch erlaubt, in den Staatsdienst einzutreten. Die jüdische Kultur erlebt eine Blüte, jiddische Verlage werden gegründet, im Fernen Osten Russlands soll gar ein sowjetisches Zion entstehen. Doch unter Stalin kehrt der Antisemitismus wieder zurück, der spätestens im »Großen Terror«, dem vermeintlichen Kampf gegen »Volksverräter«, darunter auch »wurzellose Kosmopoliten«, zur paranoiden Obsession wird.

»Die Freiheit, die da dämmert / lasst uns preisen / dies große, dieses Dämmerjahr«, heißt es in einem Gedicht, das der jüdische Dichter Ossip Mandelstam fünf Jahre nach der Oktoberrevolution veröffentlichte. Ob Mandelstam dabei die Morgen- oder die Abenddämmerung meinte, bleibt offen. Mandelstam selbst fiel Stalins Säuberungen zum Opfer und kam 1938 in einem sowjetischen Lager ums Leben.

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