Journalismus

Symbol der Sesshaftigkeit

Eine Blattkritik des Psychologen, Stress-Experten und »Zeit«-Autors

30.06.2016 – von Louis LewitanLouis Lewitan

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Die Jüdische Allgemeine feiert ihren 70. Geburtstag – ein guter Grund, der betagten, aber immer noch sehr agilen Grande Dame des jüdischen Journalismus in Deutschland herzlichst zu gratulieren. Darüber hinaus bietet es sich an, über die Frage nachzudenken, was Judentum und Journalismus miteinander verbindet. Denn Gemeinsamkeiten gibt es reichlich.

Juden und Journalisten beherrschen gleichermaßen die hohe Kunst des Erzählens, des Schreibens sowie der Deutung von Ereignissen. Die heiligen Schriften, die Prophezeiungen, Gottes Willensoffenbarung am Berg Sinai und die Auslegung seiner Worte sind Zeugnis des traditionellen Stellenwerts der Sprache im Judentum. Anspruchsvoller Journalismus legt zudem Wert auf sprachliche Qualität, beleuchtet Zusammenhänge, greift Missstände auf und bezieht Stellung. Etwas wissen wollen und unbequem sein, Debatten auslösen und Druck widerstehen, darin gleichen sich Juden und Journalisten.

Ein weiterer Aspekt könnte »Wunder und Verwunderung« lauten. Darüber, dass es in Deutschland überhaupt Juden und eine jüdische Zeitung gibt. 1945 hätte ein jüdischer Journalist sich wohl nicht im Traum vorstellen können, in Deutschland für eine jüdische Zeitung – zumal noch in deutscher Sprache – zu schreiben. Wer unter den Überlebenden hätte erahnen können, dass ihre Nachkommen eines Tages gemeinsam mit der deutschen Fußballnationalmannschaft mitfiebern, eine deutsche Universität besuchen und eine »Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben« lesen würden?

Normalität Offensichtlich haben sich 70 Jahre nach der Schoa die Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland ihre Art von Normalität aufgebaut, mit allem, was dazugehört: Kindergärten und Gymnasien, orthodoxe und liberale Synagogen. Juden tragen die Dauerkarte ihres Lieblingsfußballvereins im Herzen, die Anstecknadel von Maccabi aber am Revers. Man liest eine überregionale Tageszeitung, vielleicht noch ein Magazin, und schaut doch in die Jüdische Allgemeine, die pünktlich jeden Donnerstag ins Haus kommt. Darin erfährt man, worüber die anderen nicht berichten.

All die Symbole der Sesshaftigkeit und Normalität sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Juden auf dem alten Kontinent vermehrt ein mulmiges Gefühl der Unsicherheit und Entfremdung mit sich tragen. Gerade deshalb kommt der Jüdischen Allgemeinen eine wichtige Bedeutung zu: Sie soll konfliktbeladene Themen aufgreifen, aufklären und – wenn nötig – Missstände anprangern.

Gründe gibt es reichlich. Menschenmassen, die lautstark gegen »Asylanten«, »den Islam« und »die Lügenpresse« hetzen, Araber, die auf Demonstrationen die Vernichtung Israels fordern, und Neo-Nazis, die ihren Antisemitismus herausposaunen. Sie alle flößen Angst ein. Ebenso die Tatsache, dass Teile der Bevölkerung achselzuckend hinnehmen, dass es mittlerweile No-go-Areas für Juden, Homosexuelle oder Ausländer gibt. So können selbst in der Bundeshauptstadt Menschen nicht überall offen Davidstern und Kippa zeigen. All das ist vielen Medien keine Meldung mehr wert. Sie ignorieren einen rechtswidrigen Zustand und haben damit Anteil an der vielerorts zu beobachtenden gesellschaftlichen Indifferenz.

Nicht darüber zu berichten, würde dem Extremismus den Boden entziehen, heißt es immer wieder – eine fatale Schlussfolgerung, die sich die Jüdische Allgemeine niemals zu eigen gemacht hat. Oft blieb sie am Ball, als andere schon längst aufgehört hatten, über ein Thema zu berichten.

Themenmix Erzählt werden in der Jüdischen Allgemeinen deshalb nicht nur Plotkes und Bobe-Mayses. Es gibt tagesaktuelle Analysen, geistreiche Glossen und kurzweilige Kommentare jüdischer wie nichtjüdischer Autoren. Sie alle sind mit viel Herzblut bei der Sache und berichten wöchentlich über Deutschland und die Welt aus einer ganz spezifisch jüdischen Perspektive.

Und in bewegten Zeiten wie diesen erfüllt eine jüdische Wochenzeitung gleich mehrere Funktionen: Sie klärt auf, sie ordnet tagespolitische Ereignisse in einen gesellschaftspolitischen Kontext ein, bezieht Stellung und rüttelt auf. Solange Juden daran erinnert werden, dass sie allenfalls »Mitbürger« sind, ist sie Plattform für ein tiefes Bedürfnis nach Einspruch. Dass inmitten des großen deutschen Blätterwaldes auch ein jüdisches Blatt leise zu rascheln vermag und sich dem harmonischen Klangteppich einer ressentimentbeladenen Israelkritik entzieht, spricht ganz klar für sie. Schließlich sind atonale Töne keinesfalls Misstöne.

Leserschaft Zu glauben, die Leserschaft beschränke sich ausschließlich auf eine jüdische, wäre naiv. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass auch andere sich für koschere Handys und die Frisur von Sara Netanjahu interessieren. Es sollte uns durchaus schmeicheln, wenn dubiose Philosemiten erleichtert aufatmen, dass Strauss-Kahn vom Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen wurde.

Generell ist es zu begrüßen, dass Nichtjuden sich für »jüdische« Angelegenheiten interessieren. Dennoch könnte man gerne auf das Interesse des einen oder anderen Anti- und Philosemiten verzichten. Allerdings unterscheidet sich deren Nachrichtenkonsum grundlegend von dem anderer Gruppen. Während Juden sich an Berichten über entlegene jüdische Gemeinden zwischen Goa und Elmshorn erfreuen, entdecken Antisemiten darin den Beweis für ihre Weltverschwörungsfantasien. Emsig suchen sie nach der Zauberformel, wie es Juden seit Jahrtausenden gelingt, Banken, Medien oder gleich die ganze Galaxie zu beherrschen.

Selbstverständnis Die Judenfrage bleibt wohl auf ewig ein »gojisches« Problem, das leider immer wieder zum Problem der Juden wird. Beschneidungsdebatte oder Boykottaufrufe gegen Israel haben gezeigt, wie hoch die mentalen Barrieren sind. Das Judentum erscheint Teilen der Bevölkerung nach wie vor als suspekt. Das Selbstverständnis der Juden ist deshalb weit davon entfernt, mit dem ihrer nichtjüdischen »Mitbürger« kongruent zu sein, wie die mitunter sehr gehässig geführten Debatten beweisen. Wäre dem nicht so, dann hätten wir Juden ein anderes Problem: Macht es überhaupt Sinn, Jude zu sein, seine Kinder jüdisch zu erziehen und eine jüdische Zeitung zu lesen, und das in einer Welt, deren Parole »Alle Menschen werden Brüder« lautet? Spätestens dann würden wir wohl alle beim (jüdischen) Psychotherapeuten landen.

Judentum und Journalismus durchleben derzeit schwierige Zeiten, da die Gegner der Demokratie stets juden- und pressefeindlich sind. In totalitären Staaten versteht man unter sauberem Journalismus daher auch eine Presse ohne Juden. Auch heute erschallen bei Pegida-Demonstrationen Rufe wie »Juden- und Lügenpresse«, Medienvertreter werden angegriffen, Fotoapparate zertreten. In der Türkei werden Zeitungen geschlossen, in Russland, Polen und Ungarn steht die freie Presse unter Druck. Wieder machen antisemitische Verschwörungstheorien die Runde, Menschen werden als Juden beschimpft und liberale Journalisten mundtot gemacht. Wer jüdisch und Journalist ist, hat es besonders schwer.

qualitätsjournalismus Das Leseverhalten im digitalen Zeitalter hat sich signifikant verändert. Zeitungen und Bücher wandern in die virtuelle Welt ab. Die vormals öffentlich zur Schau gestellte Belesenheit neigt sich ihrem Ende zu. Eine Zeitung unter dem Arm zu tragen, sieht heutzutage völlig retro aus. All diesen Veränderungen versucht die JA Rechnung zu tragen. Trotz der Bandbreite an Themen, Auszeichnungen und einem engagierten Journalistenteam leidet sie ebenso an Auflagenschwund.

Die klassische Printmedienlandschaft gibt wenig Grund zu Optimismus. Sowohl das Judentum als auch der Journalismus müssen darauf überzeugende Antworten finden. Letztendlich gilt es, Strategien zu entwickeln, um weiterhin Qualitätsjournalismus zu bieten, die mediale Präsenz auszubauen und eine loyale Leser-Community zu bedienen. In einer Wissensgesellschaft ist der Unwissende stets im Nachteil. Ohne Wissen keine Weisheit, ohne Weisheit kein Überleben. Wissen über all das, was die Juden betrifft, auf niveauvolle und unterhaltsame Weise zusammenzutragen, es aufzubereiten und zu publizieren, sind die Aufgaben einer jüdischen Zeitung.

Die Jüdische Allgemeine kann es sich daher nicht leisten, dort, wohin die jungen Leser abgewandert sind, keine Präsenz zu zeigen. Es wäre ein Fehler, die Internetforen, auch wenn sie keine wirklich anspruchsvolle Dialogplattform bilden, zu vernachlässigen. Zugegeben, soziale Netzwerke gleichen eher Deponien zur Endlagerung vorgefasster Meinungen mit hohem Schadstoffgehalt. In diesen oftmals menschenverachtenden virtuellen Landschaften blüht der ganz reale Hass auf Juden, Israel, die Demokratie und die freie Presse. Eine starke jüdische Stimme ist hier erforderlich. Sie muss daher mit deutlich mehr personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet werden.

Natürlich wiegt der Vorwurf einer zu großen Nähe zum Zentralrat schwer. Der Jüdischen Allgemeinen aber das vorzuwerfen, verkennt, wer die finanzielle Bürde für sie trägt. Leider ist die Warteschlange unter den zahllosen deutsch-jüdischen Verlegern, die sich darum reißen, eine alternative jüdische Zeitung zu gründen, äußerst begrenzt – mit anderen Worten: Es gibt niemanden.

Wandel Möge die Jüdische Allgemeine die großen Herausforderungen des digitalen Wandels mit Weitsicht meistern, kluge Köpfe mit spitzer Feder als Autoren gewinnen und mit scharfsichtigen Analysen und erhellenden Berichten ein wenig Licht in diese düsteren Zeiten bringen. Ich wünsche ihr eine treue Leserschaft mit einer stetig wachsenden Auflage.

Bevor die Elogen sich dem Ende zuneigen, darf ich noch einen Wunsch äußern: Ich wünsche mir, dass die Jüdische Allgemeine öfters gegen den Strich bürstet und sich traut, unbequeme Positionen einzunehmen. Es täte ihr gut, insgesamt humorvoller, frecher und schärfer zu werden. So wird es ihr gelingen, nicht nur zu überleben, sondern ihre Leser weiterhin zu inspirieren. Und für Gesprächsstoff zu sorgen. Der Rest wird sich, da bin ich mir sehr sicher, ganz von selbst ergeben.

Von Louis Lewitan erscheint im November »Die Stress-Bibel für großartige Manager«.

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