Glücksspiel

Roulette am Roten Meer

Kasinos sollen wieder mehr Touristen in die Badestadt Eilat bringen

25.02.2016 – von Sabine BrandesSabine Brandes

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Bisher ist Eilat bekannt für seine Korallenriffe und die im Abendrot glühenden Berge. Doch schon bald könnten überdimensionierte Plastikfiguren, blinkende Neonlichter und künstliche Wasserwege die Naturkulisse überstrahlen. Die Regierung berät über die Möglichkeit, in Eilat Glücksspiel zu erlauben. Und dann könnte der Weg frei sein für Roulettetische am Roten Meer.

Vor einigen Tagen einigten sich Regierungschef Benjamin Netanjahu und sein Tourismusminister Yariv Levin auf einen Plan, bis zu vier Kasinos bauen zu lassen, was ihrer Meinung nach die Wirtschaft in Eilat fördern würde. Doch Netanjahu stellt sich mit der Initiative gegen seine religiösen Koalitionspartner, allen voran die Schas-Partei. Und auch der Chef der Rechtspartei Jüdisches Haus, Naftali Bennett, will keine Glücksspielhallen in Israel sehen. Das letzte Wort wird ein speziell eingerichteter Hauptausschuss der Knesset haben. Der soll demnächst zum ersten Mal tagen.

Jobs Minister Levin hat schlagkräftige Argumente: die Zahlen. Jüngst veröffentlichte Statistiken der Branche zeigen einen Rückgang der Touristen um 40 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. »Es muss eine Attraktion in Eilat geben, die die Zahl der Touristen um ein Vielfaches erhöht und neue Jobs schafft. Momentan würde der neue Flughafen ziemlich leer sein«, so Levin.

Der wird gerade am Stadtrand gebaut. Das kleine Flugfeld im Zentrum steht schon zur Demolierung bereit. Sobald der neue internationale Flughafen fertig ist, rücken auf dem bisherigen die Bagger und Planierraupen an. Wenn es nach dem Tourismusministerium ginge, könnten die nach dem Abriss gleich dableiben und weiterbauen. Denn es ist der Meinung, dass ein großer Touristenkomplex auf diesem Gelände Eilat wieder auf die Landkarte der internationalen Reiseziele hieven würde. Diese Methode erwies sich bereits in Singapur, Macao und anderen Orten als effektiv. »Es wäre der Lebensretter für Eilat«, glaubt Netanjahu.

Noch ist Glücksspiel in Israel verboten, bis auf die staatliche Lotterie Mifal Hapais. Doch dass der Premierminister keine Berührungsängste damit hat, zeigt seine enge Freundschaft mit dem Kasinomogul Sheldon Adelson. Der konservative Milliardär aus den USA ist seit Jahren Netanjahus stärkster Unterstützer. Mit den Einkünften seiner Spielbanken finanziert er unter anderem die kostenlose Tageszeitung Israel Hajom, die der Regierung nahesteht.

Vor rund zehn Jahren, als Netanjahu noch den Posten des Finanzministers innehatte, tat er bereits seine Begeisterung für die amerikanische Glitzerwelt kund. »Wir planen, Las Vegas in Eilat zu reproduzieren. Das Wetter ist angenehm, und es gibt schöne Strände, die Las Vegas nicht hat«, ließ er damals wissen. Kritikern entgegnete er: »Das Wort Kasino hat einen schlechten Ruf, aber man muss wissen, dass die Einkünfte in Las Vegas zu 83 Prozent von Familienurlaubern kommen und nur zu 17 Prozent aus dem Glücksspiel.« Doch nicht alle können sich dem Enthusiasmus des Premiers anschließen. Die Polizei warnt vor der Gefahr, dass »eine neue Hochburg der Kriminalität« geschaffen werden könnte.

Kasse Das will auch der Premier nicht und erwägt daher, Zugangsbeschränkungen für Israelis zu erlassen. Komplett könne man den Einheimischen allerdings nicht untersagen, spielen zu gehen. »Denn das wäre kontraproduktiv.« Außerdem ist illegales Glücksspiel ohnehin schon ein großes Geschäft – auf Schiffen vor der Küste Eilats. Schätzungsweise 80 bis 100 Millionen Euro jährlich gehen der Staatskasse dadurch verloren.

In den 90er-Jahren gab es bereits Überlegungen seitens der damaligen Regierung, ein Kasino am Toten Meer oder in der Negevwüste zu bauen. Ein Gedi, Mizpe Ramon und Sodom in der Judäischen Wüste standen zur Debatte. Der österreichische Kasinomogul Martin Schlaff betrieb in diesen Jahren eine Spielbank in der palästinensischen Stadt Jericho – mitten im staubigen Wüstensand. Auch Israelis pilgerten in Scharen her. Doch nach dem Ausbruch der zweiten Intifada im Herbst 2000 und dem Ausbleiben der Gäste schloss Schlaff das Etablissement.

Seitdem rollt in Israel keine Roulettekugel mehr. Zumindest nicht öffentlich. In jedem Fall, betonen die Politiker, sollen die Spielbanken von der Polizei und den Finanzbehörden überwacht sowie Methoden zur Verhinderung von Geldwäsche eingerichtet werden. Die Gegner beruhigt das kaum. In einer Studie des Recherche- und Informationszentrums der Knesset von 2008 heißt es, dass sich sowohl die Polizei als auch das Sozialministerium gegen entsprechende Pläne wenden: »Glücksspiel zieht Gewalt, Drogensucht, organisierte Kriminalität und Korruption an.«

Das sieht der Großteil der ultraorthodoxen Parlamentarier ähnlich. Während Schas erklärte, dass Kasinos nur »Reichen wohltun und den Armen schaden«, meinte Mosche Gafni vom Vereinigten Tora-Judentum schlicht: »Es schafft Kriminalität und auch sonst nur Negatives. Das weiß doch jeder.«

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