Gisèle Freund

Eine kleine, schwatzhafte Person

Künstlerin wollte sie nicht genannt werden: Zum 100. Geburtstag der Fotografin Gisèle Freund

18.12.2008 – von Christian BuckardChristian Buckard

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von Christian Buckard

Der Anruf kam um Mitternacht. „Was verstehen Sie eigentlich unter dem Begriff ,Jude‘?“, fragte aus Paris die Fotografin Gisèle Freund den verdutzten Hans Joachim Neyer, Kurator ihrer 1988 gezeigten Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. „Warum haben Sie geschrieben, ich sei 1908 als Tochter des jüdischen Textilkaufmanns Julius Freund in Berlin-Schöneberg geboren worden? Meinen Sie das religiös, rassisch oder wie?“ Die Erklärung Neyers, dass man in einer biografischen Skizze ja auch auf die christliche Konfession eines Menschen verweise, akzeptierte die resolute Dame überhaupt nicht. In ihrer Familie habe die jüdische Tradition ohnehin kaum eine Rolle gespielt. Und so wurde in der knappen Biografie des Ausstellungskatalogs schließlich mit keinem Wort erwähnt, dass Gisèle Freund Tochter jüdischer Eltern war.
Was die jüdische Identität anderer Menschen betraf, nahm es die Fotografin, deren Geburtstag sich an diesem 19. Dezember zum hundertsten Mal jährt, nicht so genau. So faselte sie in einem Radio-Interview schon mal über Professoren mit „jüdischem Blut“. Neyer erinnert sich auch, dass Gisèle Freund immer wieder zu bemerken pflegte, dass dieser oder jener Jude sei. Wenn der Kurator dann wissen wollte, was die Fotografin damit genau meine, zuckte sie mit den Schultern: „Das weiß ich auch nicht.“
Ebenso wie Gisèle Freund es überflüssig oder sogar unpassend fand, als Jüdin bezeichnet zu werden, reagierte sie auch mit Unverständnis, wenn man sie eine Künstlerin nannte. „Mein Lebtag habe ich mich dagegen gewehrt, als Künstler angesehen zu werden“, sagte sie einmal. „Die Leute halten das für falsche Bescheidenheit, doch ist es meine tiefe Überzeugung: Fotografie ist nicht Kunst. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen, zum Beispiel Nadar.“ Sie selbst betrachtete sich als Fotojournalistin. Das war schon schwer genug und reichte ihr vollkommen.
Dass Gender-Fetischisten ihr dabei einen „weiblichen“ Blick unterstellen wollten, konnte die frühe Feministin Freund nicht recht verstehen. „Es gibt keine typisch männliche oder weibliche Fotografie“, erklärte sie, die ihr Leben lang mit Frauen zusammengelebt und nie Kinder gehabt hatte. „Bei der Bildbetrachtung kommt kein Mensch auf die Idee, sich zu fragen: Ist der Fotograf ein Mann oder eine Frau? Das ist der Beweis, dass sich in unserem Metier die Frau mit genauso viel Stärke und Talent ausdrücken kann wie der Mann.“
Gisèle Freund verfügte allerdings über mehr als nur „Stärke und Talent“. Vor allem besaß sie großen moralischen und physischen Mut: In den Jahren zwischen 1931 und 1933, als sie in Frankfurt bei Theodor W. Adorno und Norbert Elias Soziologie studierte, dokumentierte die junge Frau als Mitglied der KPD-nahen Roten Studentengruppe die politischen Straßenkämpfe und fotografierte nach der Machtergreifung Hitlers Folteropfer der Nazis. Die Aufnahmen schmuggelte die überzeugte Linke dann unter Einsatz ihres Lebens nach Frankreich, wo Willi Münzenberg, der Propagandachef der Kommunistischen Internationale, die Bilder der gemarterten Studenten in seinem berühmten Braunbuch veröffentlichte (das die Studenten als „Proletarier“ bezeichnete).
Im Pariser Exil und während mehrerer Aufenthalte in London entstanden die meisten jener einzigartigen Fotos, für die Gisèle Freund bis heute weltberühmt ist – Porträts von Schriftstellern, Künstlern und Kunstliebhabern. Alle Kulturgrößen ihrer Zeit hat sie verewigt: Walter Benjamin, James Joyce, Arthur Koestler, George Bernard Shaw, Jean Cocteau, André Malraux, Louis Aragon, Gustav Regler, Anna Seghers, André Gide, Romain Rolland, Paul Valéry und Virgina Woolf. Mit Walter Benjamin, den sie schon zu Berliner Zeiten im Romanischen Café flüchtig kennengelernt hatte, verband sie eine Art Freundschaft. Benjamin schätzte „die kleine, schwatzhafte Person“, wie er sie einmal nannte, als Fotografin, noch mehr aber als Soziologin. Nachdem er ihre Dissertation über „Photographie und Gesellschaft“ gelesen hatte, entfuhr ihm der Ausruf: „Gisèle, ich hätte nie geglaubt, dass Sie so etwas schreiben können!“
Was Gisèle Freunds viele Benjamin-Fotos so besonders macht, ist nicht in jedem Fall ihre künstlerische oder handwerkliche Qualität, sondern schlicht die Tatsache, dass sie überhaupt existieren. Das Farbporträt aus dem Jahre 1938 bestimmt bis heute unser Bild dieses Mannes, ist ins kollektive Bewusstsein eingegangen. Bewundern kann man die Auf- nahme zur Zeit in einer Gisèle-Freund-Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus. Auch wenn diese Schau leider nur relativ wenige Fotos zeigt, darunter Aufnahmen von Gisèle Freunds Freundin Adrienne Monnier sowie Farbporträts von Frida Kahlo und Arthur Koestler, so erhält der Betrachter doch einen faszinierenden Einblick in die Arbeit der Fotojournalistin Freund. Eine zeitgleiche Ausstellung im Stadtmuseum Berlin konzentriert sich derweil auf Freunds „Wiedersehen mit Berlin 1957–1962“. Es sind, dem Sujet angemessen, triste Bilder. Mit klarem Blick erkannte die soziologisch geschulte Fotografin, dass „in Deutschland die ehemaligen Nazis wieder obendrauf sitzen und die, die gegen den Faschismus gekämpft haben, die werden misstrauisch angesehen und sind zertreten.“ Einen Besuch wert ist die Schau auch und vor allem wegen der dort ausgestellten Originalbriefe von Gisèle Freund an ihren Bruder sowie Max Slevogts Porträt ihres Vaters Julius Freund.
Wer mehr über diese große Fotografin erfahren möchte, dem seien ihr endlich neu aufgelegtes Buch Photographien & Erinnerungen sowie Bettina DeCosnacs Gisèle Freund. Ein Leben empfohlen. Letzteres ist die längst überfällige erste Freund-Biografie. Dass nach der Lektüre immer noch viele Fragen offen bleiben, liegt auch daran, dass ein großer Teil des Freund-Nachlasses aufgrund von Erbstreitigkeiten auf unabsehbare Zeit unter Verschluss ist.
Gegen Ende ihres bewegten Lebens – sie starb im März 2000 in Paris – sagte Gisèle Freund einmal: „Jetzt macht man das ganze Trara um meine Person. Wissen Sie, das berührt mich aber nicht wirklich. Na gut, man muss ein Auge haben, aber vor allem muss man sich für die Menschen und ihre Probleme interessieren.“

„Gisèle Freund: Reportagen und Porträts zum 100. Geburtstag“. Bis 17. Januar 2009 im Willy-Brandt-Haus Berlin
www.willy-brandt-haus.de

„Gisèle Freund. Wiedersehen mit Berlin 1957–1962“. Bis 8. Februar 2009 im Stadtmuseum Berlin
www.stadtmuseum.de

gisèle freund: photographien & erinnerungen
Schirmer/Mosel 2008, 221 S., 49,80 €

bettina decosnac: gisèle freund.
ein leben
Arche 2008, 297 S., 24,00 €

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