Jüdische Allgemeine | 07.12.2017 | | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30279

Literatur

Das Chanukkalicht

Eine Geschichte über einen Hauslehrer in Polen, seine unerfüllte Liebe und wie unwichtig Grammatik doch ist

Ich stand da mit dem Mantel über dem Arm und konnte mich nicht entscheiden: Sollte ich, um meine Unterrichtsstunde zu geben, hingehen oder nicht? Ach, es ist so scheußlich draußen. Eine ganze Meile durch dieses furchtbare Wetter stapfen – und was dann? Ich müsste immer wieder lehren: »pakád, pakádti«, er besuchte, ich besuchte. Immer wieder, immer das Gleiche.

Der alte Herr des Hauses, zu dem ich gehen sollte, war durch seine sechzig und noch was Jahre gekommen, ohne etwas von Grammatik zu verstehen. Zehnmal war er in Leipzig, zwei- oder dreimal in Danzig, einmal wäre er fast in Konstantinopel gelandet – und doch versteht er eine solche Geldverschwendung nicht: Grammatik, ach wirklich? Ein feiner Handel!

Dann ist da der junge Chef des Hauses, der weiß, wie viel praktischer es ist, Schläfenlocken zu haben, eine Pelzmütze und einen mit Borten besetzten Kaftan zu tragen, sich mit einem »guten Juden« zu beraten und von Grammatik nichts zu wissen ... Nicht dass er selbst sonderlich orthodox wäre, aber als Kaufmann ist es seine Pflicht, sich unter die Männer zu mischen, einen Hut und ein steifes Hemd zu tragen. Dass seine Frau das Theater besucht, muss er zulassen. Auch dass seine Tochter Bücher liest. Und eben einen Lehrer für seinen Sohn anheuern ...

herzschmerzen »Mein Vater weiß es natürlich am besten! Aber man muss mit der Zeit gehen!« Er befürchtet, dass die Zeit ihn sitzen lässt! »Das Einzige, um das ich Sie bitte«, sagte er zu mir, »ist, dass Sie keinen Ungläubigen aus dem Jungen machen! Ich bezahle Ihnen so viel«, sagte er, »dass es für eine Menge Grammatik reicht, aber bringen Sie ihm nicht bei, dass die Erde sich um die Sonne dreht!«
Ich versprach ihm, er werde so etwas nie von mir hören, weil, ja, weil es der einzige Unterricht war, den ich geben konnte, und weil meine Mutter zu Hause krank war
Hingehen oder nicht hingehen? Die ganze Familie wird da sein, um zuzuschauen, wie ich meine Stunde gebe.
Sie auch? Sie sitzt im Hintergrund, immer in ein Buch vertieft. Hin und wieder hebt sie ihre langen, seidigen Wimpern, und ein wenig Helligkeit verbreitet sich im Zimmer. Aber so selten, so selten!
Und wozu soll das führen? Es kann zu nichts führen, nur zu Herzschmerzen.

»Hör zu!« Aus dem Bett dringt die schwache Stimme meiner Mutter zu mir und holt mich aus meiner Träumerei. »Der Doktor sagt, wenn ich nur ein paar warme Wollsocken hätte, könnte ich ein wenig im Zimmer umhergehen!«
Das gibt natürlich den Ausschlag.
Außer der Dame des Hauses, die ins Theater gegangen ist – wie üblich, ohne dass ihr Schwiegervater davon weiß –, finde ich die ganze Familie rund um den vergoldeten Samowar versammelt. Der junge Herr des Hauses erwidert meinen Gruß mit einem hingeworfenen »Ein gutes Jahr für Sie!« und fährt fort, Spielkarten aus dem Stapel in seiner Hand aufzudecken. Zweifellos erwartet er Gesellschaft.

roman Der alte Herr des Hauses, der eine Kappe und einen voluminösen türkischen Morgenmantel trägt, macht sich nicht die Mühe, die lange Pfeife mit ihrem Mundstück aus Bernstein aus dem Mund zu nehmen oder den Blick von seinem abgegriffenen Andachtsbuch zu heben. Er nickt mir nur zu und wendet dann seine Aufmerksamkeit wieder dem Chanukka gewidmeten Abschnitt zu.
Auch sie konzentriert sich auf ihre Lektüre, aber ihr Buch ist ein Roman. Wie immer.
Für meinen Schüler ist meine Ankunft unangenehm. »Ach, wirklich?« Er springt von seinem Stuhl am Tisch auf und senkt trotzig den schwarzlockigen kleinen Kopf. »Unterricht? Heute?«
»Warum nicht?«, lächelt sein Vater.
»Aber ist es Chanukka!«, antwortet der Junge. Er scharrt mit den Füßen und deutet auf das erste Licht im Fenster, hinter dem Vorhang, befestigt auf einem Stückchen Holz.
»Ganz recht!«, knurrt der alte Herr.
»Nun denn«, sagt der junge Herr gleichgültig. »Sie müssen ihn für diesmal entschuldigen!«
Ich habe den Eindruck, dass sie plötzlich blasser geworden ist, dass sie sich tiefer über ihr Buch beugt.

Ich wünsche allen eine gute Nacht, doch der junge Herr des Hauses lässt mich nicht gehen. »Sie müssen zum Tee bleiben!«
»Und es gibt Spitzbuben mit Mohn!«, ruft mein Schüler freudig. Er ist durchaus bereit, mit mir Freund zu bleiben, solange es nicht um »pakád, pakádti« geht.
Ich zögere, die Einladung zum Kuchen anzunehmen, doch der Junge ergreift meine Hand, und mit einem verschmitzten Lächeln auf seinem lebhaften Gesicht stellt er mir einen Stuhl hin, direkt gegenüber seiner Schwester. Hat er etwas gemerkt? Ich meine natürlich, ob er mir etwas angemerkt hat ...
Sie hingegen ist immer irgendwie geistig abwesend und in ihre Lektüre vertieft. Wahrscheinlich hält sie mich für einen Faulenzer oder gar für etwas noch Schlimmeres ... Dass ich eine kranke Mutter zu Hause habe, weiß sie nicht!

tee »Es wird Zeit, dass du dich umziehst!« ruft ihr Vater ungeduldig.
»Bald, sehr bald, Tatishe!«, antwortet sie hastig, was ihren blassen Wangen einen Hauch von Farbe verleiht.
Der junge Herr des Hauses überlässt sich wieder seinen Gedanken. Mein Schüler treibt einen Dreidel über den Tisch. Der alte Mann legt sein Buch zur Seite und streckt die Hand nach seinem Tee aus.
Unwillkürlich werfe ich einen Blick auf das Chanukkalicht im Fenster mir gegenüber. Es brennt so traurig, so klein, als schämte es sich in Anwesenheit der großen versilberten Lampe, die über dem Esstisch hängt und das elegante Teeservice festlich beleuchtet. Ich fühle mich deprimierter denn je und sehe nicht, dass sie mir ein Glas Tee anbietet.
»Mit Zitrone?«, weckt ihre melancholische Stimme mich auf.
»Vielleicht möchten Sie lieber Milch?«, sagt der Vater.
»Obacht! Die Milch ist geräuchert!«, ruft mein Schüler warnend.

Ein Ausruf entschlüpft ihr: »Wie kannst du nur so ...!« Dann wieder Stille. Nur Teeschlürfen und Löffelklirren ist zu hören. Plötzlich fällt meinem Schüler diese Frage ein: »Also, Herr Lehrer, was ist denn nun Chanukka?«
»Frag den Rabbi morgen früh in der Schule!«, sagt der alte Mann ungeduldig.
»Eh!«, ist die prompte Antwort des Jungen, »aber ich hätte doch geglaubt, ein Hauslehrer wüsste es besser als ein Rabbi!«
Der alte Mann wirft seinem Sohn einen wütenden Blick zu, als wollte er sagen: »Siehst du?«
»Ich möchte auch mehr über Chanukka erfahren!«, ruft sie sanft. »Na schön«, sagt der junge Herr des Hauses zu mir, »lassen Sie uns Ihre Version von Chanukka hören!«
»Es geschah«, hebe ich an, »in den Tagen, als die Griechen uns im Land Israel unterdrückten. Die Griechen ...« Aber der alte Mann unterbricht mich mit einem griesgrämigen Blick: »In den Segnungen heißt es: ›Das gottlose Königreich Javan‹.«
»Das kommt aufs Gleiche raus«, stellt sein Sohn klar, »was wir Javan nennen, nennen sie Griechen.«

poker »Die Griechen«, fahre ich fort, »unterdrückten uns furchtbar! Es war unsere dunkelste Stunde. Als Volk waren wir vom Aussterben bedroht. Nach ein paar unglücklich verlaufenen Aufständen schien alles Leben aus uns gewichen, der letzte Hoffnungsschimmer war geschwunden. Obwohl wir in unserem eigenen Land waren, wurden wir wie Würmer zertreten.«
Der junge Herr des Hauses hörte mir schon längst nicht mehr zu. Sein Ohr der Tür zugewandt, lauscht er auf die Ankunft seiner Gäste.
Doch der alte Herr hat seine Augen fest auf mich gerichtet, und als ich zum zweiten Mal das Wort »unterdrückt« benutze, hält er nicht mehr an sich: »Ein Mann sollte sich klar ausdrücken! ›Unterdrückt‹ – was sagt mir das? Sie zwangen uns, den Schabbat zu missachten; sie verboten uns, unsere Feste zu feiern, das Gesetz zu studieren und die rituelle Beschneidung auszuüben!«
»Spielen Sie ›Préférence‹?«, fragt der Sohn plötzlich. »Oder vielleicht sogar Poker?« Wieder fällt alles in Stille, und ich fahre fort: »Verschlimmert wurde das Unglück dadurch, dass der Adel und die Wohlhabenden begannen, sich ihres eigenen Volkes zu schämen und sich der griechischen Lebensart zuzuwenden. Sie besuchten die griechischen Gymnasien.«

Sie und der alte Herr schauen mich erstaunt an. »In den Gymnasien jener Tage«, so beeile ich mich hinzuzufügen, »wurde nicht gelernt – sie machten dort Turnübungen, nackt, Männer und Frauen zusammen ...«
Zwei Paar Augen senken sich, doch der junge Herr des Hauses richtet sich auf und funkelt mich an. »Was haben Sie gesagt?«
Ich gebe keine Antwort und erzähle weiter von den Theatern, in denen Männer mit wilden Tieren und Ochsen kämpften, und anderen griechischen Sitten und Gebräuchen, die im Widerspruch zur jüdischen Tradition standen.
»Die Griechen dachten sich nichts bei alldem. Sie waren erpicht darauf, jede unabhängige nationale Existenz zu verfolgen und auszulöschen. Sie errichteten auf der Straße ein ›Avodeh zoroh‹, ein Götzenbild, und befahlen uns, ihm zu opfern.«
»Was ist das?«, fragt sie auf Polnisch. Ich erkläre es ihr. Und der alte Mann fügt aufgeregt hinzu: »Ein Schwein! Wir sollten dem Götzen ein Schwein opfern!«

assimilation »Und es fand sich ein Jude, der sich mit einer Opfergabe dem Altar näherte«, berichtete ich weiter. »Doch am gleichen Tag kam der alte Makkabäus mit seinen fünf Söhnen von den Bergen herab. Und bevor die griechischen Soldaten eingreifen konnten, lag der elende Abtrünnige in seinem Blut, und der Altar wurde abgerissen. Wie ein Lauffeuer breitete sich der Aufstand aus. Mit einer Handvoll Männer vertrieben die Makkabäer die weitaus zahlreicheren griechischen Garnisonen. Das Volk war befreit!«
Ich fuhr fort. »Das ist der Sieg, den wir mit unserer armen kleinen Beleuchtung feiern, mit unseren Chanukkalichtern.«
»Was?« Der alte Mann springt von seinem Stuhl auf, zitternd vor Wut. »Das ist das Chanukkalicht? Komm her, du missratenes Kind!«, schreit er seinen Enkel an, der, statt zu gehorchen, angstvoll vor ihm zurückweicht.

Der alte Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser wieder klirren. »Es bedeutet, dass, als wir sie, die unreinen Söhne Javans, vertrieben hatten, nur ein kleiner Krug mit heiligem Olivenöl übrig blieb ...« Doch ein Hustenanfall stoppt ihn, und er ringt um Luft. Sein Sohn eilt zu ihm und führt ihn ins Nebenzimmer.
Ich will gehen, aber sie hält mich zurück. »Sie sind also gegen Assimilation?«
»Assimilieren«, antworte ich, »heißt verbrauchen, essen, verdauen. Wir assimilieren Rindfleisch und Brot, und andere wollen uns assimilieren. Uns aufessen wie Brot und Fleisch.«

Sie schweigt für ein paar Sekunden, dann fragt sie beklommen: »Aber wird es immer, immer Kriege und Streit geben zwischen den Völkern?«
»O nein!«, antworte ich, »über einen Punkt müssen sie sich alle am Ende einig sein.«
»Und das wäre?«
»Die Menschheit. Wenn jeder frei ist, seinen eigenen Neigungen zu folgen, dann werden sich alle einig sein.«
Sie ist in Gedanken verloren, sie will mehr sagen, aber dann, ein Klopfen an der Tür – »Mama!«, flüstert sie. Sie reicht mir – zum ersten Mal! – die Hand und entflieht.
Am übernächsten Tag, während ich noch im Bett lag, brachte der Postbote einen Brief. Der Umschlag trug den Namen der Firma ihres Vaters: »Jakob Berenholz«.
Mein Herz schlug wie ein Hammer. Im Inneren waren zehn Rubel – mein Gehalt für den angebrochenen Monat.
Auf Wiedersehen, Unterricht!

Aus: Jizchak Leib Perez, »Stories and Pictures«, 1906. Aus dem Englischen von Petra Schreyer