Jüdische Allgemeine | 11.10.2017 | Andreas Knobloch | http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29806

Kuba

Heimweh nach Havanna

Die Anthropologin Ruth Behar baut Brücken zwischen den Juden auf der Insel und im Exil

Die Beth-Shalom-Synagoge, das größte der drei jüdischen Bethäuser Havannas, ist an diesem Schabbat nur sehr spärlich gefüllt – Tourismus-Nebensaison auf Kuba. Ruth Behar ist trotzdem gekommen. »Ich fühle eine Verantwortung teilzunehmen. Es gibt nur wenige Juden in Havanna. Wenn sie nicht praktizieren, gehen die Traditionen verloren«, sagt sie.

Die Anthropologin und Buchautorin stammt aus dieser Gemeinde. Als Spross einer jüdischen Familie in Havanna geboren, wuchs sie in New York auf und lebt heute in Ann Arbor, wo sie an der University of Michigan Anthropologie lehrt. »Die Synagoge war fast leer, aber die Leute der Gemeinde haben mich eingeladen, nach vorn zu kommen«, erzählt Behar. Sie hatte zwei Studenten dabei und wurde gefragt, ob diese Juden seien. Als sie bejahte, wurden auch sie eingeladen. »Also haben wir drei und noch ein paar andere Leute zusammen gebetet. Das war sehr bewegend.«

Die beiden Studenten stammen wie Behar aus kubanisch-jüdischen Familien. Sie sind Anfang 20 und Teil einer größeren Gruppe kubanisch-stämmiger US-Amerikaner, die mit der in Florida ansässigen Stiftung CubaOne nach Kuba gekommen sind. Für die meisten ist es das erste Mal auf der Insel, vor allem die Literatur- und Kunstszene wollen sie erkunden. Es sind Schriftsteller dabei, Filmemacher, Akademiker. »Die Idee ist es, Brücken zu bauen zwischen dem Kuba von dort, dem Kuba der Emigranten, und dem Kuba hier auf der Insel«, sagt Behar. »Diesmal war in gewisser Weise ich eine Brücke für diese neue Generation.«

kindheit Ruth Behar fühlt sich ein wenig an ihre eigene Geschichte erinnert. Sie war knapp fünf Jahre alt, als ihre Familie 1962 Kuba verließ. »Mein Vater traf die Entscheidung, dass wir nicht länger in Kuba sein könnten und gehen müssten. Meine Mutter wollte nicht weg, aber er traf die Entscheidung, und so sind wir gegangen.« Zunächst ließen sie sich für ein Jahr in Israel nieder, dann zogen sie nach New York um, wo bereits einige Mitglieder ihrer Familie lebten.

An ihre Kindheit kann sie sich kaum erinnern. Es sind eher geisterhafte Erinnerungen, sagt sie. »Aber meine Mutter hat alle Fotos der Familie mitgenommen, sodass ich mein Erinnern über diese Artefakte aufgebaut habe: Fotos, kleine Dokumente, Hochzeitseinladungen und ähnliche Dinge.« Hinzu kamen Erzählungen vor allem ihrer Großmutter, die aus Polen stammt.

In New York wuchs Behar in einem Mix aus kubanischer und jüdischer Kultur auf. »Es gab viel Nostalgie für Kuba. Es war der Ort, an dem meine Eltern keinen Antisemitismus gespürt haben, wo sie sich sehr wohl gefühlt haben. Kuba war in gewisser Weise ihr Amerika.«

geschichte Ab den 20er-Jahren war Kuba Anlaufpunkt für Tausende Juden aus Osteuropa, die vor den Pogromen in ihren Heimatländern und später vor dem Holocaust aus Europa flohen und in Kuba sichere Aufnahme fanden. Auch wenn viele von ihnen mit dem Plan nach Kuba kamen, später in die USA weiterzuziehen, entstand binnen weniger Jahre in Havannas Altstadt ein jüdisches Viertel mit koscheren Restaurants und jüdischen Geschäften. Ende der 50er-Jahre lebten rund 15.000 Juden auf der Insel.

Nach dem Triumph der Revolution 1959 und den einsetzenden Verstaatlichungen verloren zahlreiche Juden ihre Geschäfte. Viele emigrierten, vor allem in die USA. Rund 90 Prozent der Juden haben in jenen Jahren Kuba verlassen, so auch Behars Familie.

Die ersten Jahre in New York waren von viel Nostalgie gegenüber Kuba geprägt, »aber gleichzeitig von dem Wissen: Wir sind Juden, wir bewahren unsere jüdischen Traditionen und Rituale – das aber immer in einer ganz besonderen Verbindung«, erzählt Behar lachend. »Wir haben zum Beispiel die ganze Woche über Pessach gefeiert und Mazze gegessen. Und sobald das Fest vorbei war, sind wir immer in ein kubanisches Restaurant gegangen. Das war das Erste, was wir taten!«

In ihrem kürzlich erschienenen Buch Lucky Broken Girl behandelt Behar diese Erfahrungen als kubanisch-jüdisches Mädchen in New York. Nach zahlreichen anthropologischen Studien und Dokumentarfilmen ist es ihr erster Roman. Aber auch der geht, wie ihr wissenschaftliches Werk, von der Erfahrung der Emigration aus.

»Das Buch basiert auf meiner eigenen Geschichte. Es ist aus der Perspektive eines zehnjährigen kubanisch-jüdischen Mädchens geschrieben, das gerade in New York angekommen ist. Die Familie erleidet einen Autounfall, und das Mädchen ist für ein Jahr ans Bett gefesselt. Die Beine sind eingegipst, damit sie sich erholen und gleichmäßig wachsen.«

Auch Behar hatte als junges Mädchen einen Unfall, der sie ans Bett fesselte. Den Rahmen bildet die kubanisch-jüdische Migration, aber in dem Buch kreuzen verschiedene Gruppen von Migranten den Weg. Und die Figur der Ruthie steckt zwischen den Kulturen.

»Auf der einen Seite will sie sich anpassen, auf der anderen Seite versucht sie, ihre kubanische Kultur zu bewahren. In dem Roman sieht man, dass die Mutter große Nostalgie verspürt, sie kann Kuba nicht vergessen, sie lebt sich nicht wirklich ein, sie lernt kein Englisch, sie hat viele Schwierigkeiten. Der Vater wiederum meint, man müsse Kuba vergessen und nach vorn schauen.«

Es werden verschiedene Perspektiven sichtbar über Kuba, über die Migration. »Später, als ich in den USA auf die Uni ging, musste ich immer erklären, wer ich war. Es erschien allen sehr seltsam, dass jemand Kubaner und jüdisch war.« Nicht zuletzt deshalb begann Ruth Behar, Anthropologie zu studieren und zu schreiben. »Mich hat das Thema ›Identität und Kultur‹ immer sehr interessiert«, sagt sie.

Entspannungspolitik
Ruth Behar studierte gerade in Princeton, als sich wegen der unter US-Präsident Jimmy Carter eingeleiteten Entspannungspolitik 1979 plötzlich die Möglichkeit ergab, im Rahmen einer Gruppenreise nach Kuba zu fahren. »Die Teilnehmerliste stand fest«, erinnert sich Behar, »aber ich habe gebettelt: Ich muss da mit, ich muss da mit! Und letztendlich haben sie es mir erlaubt.«

Sie und ein weiterer Mitreisender waren die einzigen Kubanisch-Stämmigen in der Gruppe von US-amerikanischen Studenten und Professoren. »Ich stellte fest, dass die Kubaner uns anders behandelten. In Kuba gab es eine große Neugier, wer wir waren, was wir dachten, ob wir für oder gegen die Revolution sind. Das war beeindruckend.« Behar hoffte, die Erlaubnis zu erhalten, wiederzukommen und in Kuba Feldforschung zu betreiben. Aber im folgenden Jahr, 1980, kam es zur sogenannten Mariel-Bootskrise, und die Türen schlossen sich wieder. So ging Behar stattdessen zu Feldforschungen nach Spanien und Mexiko.

Erst nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es erneut die Möglichkeit, Kuba zu besuchen. »Ab 1990/91 fing ich an, regelmäßig hinzureisen«, erzählt Behar. Mittlerweile ist sie zwei- bis dreimal im Jahr dort.

»Die ersten Besuche waren sehr, sehr emotional. Ich bin am Malecón entlang gelaufen und habe geweint, ich hatte Panikattacken, ich hatte große Angst, zum Teil, weil meine Familie sehr beunruhigt war.« Denn sie sei die Erste aus ihrer Familie gewesen, die wieder nach Kuba reiste.« Die Verwandten hätten ihr Angst gemacht, erzählt Behar und lacht: »Rede mit niemandem, du landest im Gefängnis!«

Die Ängste der Familie waren natürlich übertrieben. »Ich habe dann entschieden: Ich werde versuchen, meine Beziehung zu Kuba zu normalisieren – auch wenn die beiden Länder keine normalen Beziehungen unterhielten. Ich bin also weiterhin hingereist, obwohl ich etwas angespannt war. Und ich habe viele wunderbare, reizende Menschen kennengelernt.«

Gemeinde Aus ihrer eigenen Familiengeschichte heraus begann sie, Kontakt mit der jüdischen Gemeinde auf der Insel aufzunehmen. »Eigentlich dürfen wir gar nicht von Gemeinde sprechen, denn Anfang der 90er-Jahre gab es sie nicht wirklich«, sagt Behar. Nach der Revolution sei die Religionsausübung zwar nicht verboten worden, aber sie war »schlecht angesehen« und hatte Benachteiligungen zur Folge, etwa bei der Vergabe von Studienplätzen. Auch durften Religiöse nicht Mitglied der Kommunistischen Partei werden. Das betraf nicht nur Juden, sondern alle Religionen.

In den 90er-Jahren änderte sich dies. »Der Staat öffnete sich gegenüber den Religionen, und ich kam in einem Moment an, als die Gemeinde begann, sich wiederzuentdecken und wieder zusammenzufinden«, erinnert sich Behar. »Ich war zu Anfang so bewegt, dass ich diese Gemeinde nicht mit wissenschaftlicher Distanz betrachten, nicht Anthropologin sein wollte, sondern ich wollte diese Leute einfach nur kennenlernen als Menschen und ihre Geschichten hören, sehr bewegende Geschichten.«

Sie erzählt von Alberto Behar, mit dem sie zwar den Nachnamen teilt, aber nicht verwandt ist. Dessen Vater war immer sehr revolutionär. Doch plötzlich erkrankte er schwer, und als er im Sterben lag, sagte er zu Alberto: »Ich möchte, dass du mich auf dem jüdischen Friedhof beerdigst.« Sein Sohn fragte: »Aber warum? Du glaubst doch an nichts. Warum sollen wir dich jetzt plötzlich auf dem jüdischen Friedhof begraben?« Und er antwortete: »Ich bin Jude. Meine Eltern liegen auf diesem Friedhof, und ich möchte, dass du mich auf diesem Friedhof bestattest.«

Als der Vater dann starb, brachten ihn Alberto und sein Bruder auf den Friedhof. Doch sie waren mit den jüdischen Bestattungsriten nicht vertraut. Jemand, der sich auskannte, meinte zu ihnen, sie müssten das Kaddisch sagen. Er werde es vorsprechen, und sie sollten es ihm nachsprechen. Alberto aber wollte nicht nur Worte nachsprechen, ohne zu verstehen, was sie bedeuten. Das gab ihm den Anstoß, seine jüdischen Wurzeln zu erforschen. Er begann, Hebräisch zu lernen, jüdische Kultur zu studieren, und ist heute, wie Ruth Behar sagt, einer der spirituellsten Menschen der Gemeinde. Er ist es, der die Jugendlichen auf ihre Bar- oder Batmizwa vorbereitet.

»Seine Geschichte, zusammen mit vielen anderen, hat mich sehr bewegt, und ich spürte etwas sehr Starkes gegenüber dieser Gemeinde, die die Traditionen bewahrt hat über all die Jahre des Wandels«, sagt Behar.

Ende der 90er-Jahre begann sie, das Buch An Island called Home zu schreiben, für das sie Juden auf der ganzen Insel interviewte. Es gilt heute als Standardwerk über die jüdische Gemeinde Kubas. »In diesem Buch habe ich versucht, die Geschichten, die ich gehört habe, mit meinen eigenen Erfahrungen zu verknüpfen.«

Sie fühle sich der jüdischen Gemeinde auf Kuba sehr verbunden, sagt Behar. »Ich bin nicht sehr religiös, ich gehe in den USA nicht oft in die Synagoge, aber wenn ich in Havanna bin, gehe ich immer. Es wäre so schade, wenn die Traditionen verloren gingen.«

Das dürfe nicht passieren, denn Kuba habe viele Familien gerettet. Etliche, die vor den Judenpogromen in Osteuropa und dem Holocaust flohen, »überlebten, weil sie nach Kuba konnten. Die Insel war ein Zufluchtsort für viele Juden.«

Im Fall von Behars Familie blieben einige Verwandte, die nicht kommen wollten oder konnten, in Polen. Ihre Urgroßmutter zum Beispiel. Sie hatte Angst, auf Kuba ihre jüdischen Traditionen nicht leben zu können. Es wäre ein primitives Land, habe sie gemeint. »Sie blieb und war eine von jenen, die in der Schoa umgebracht wurden. Weil sie versuchte, jüdisch zu bleiben und nicht nach Kuba wollte, kam sie ums Leben.«

Jenen, die kamen, bot Kuba Zuflucht und war ein Ort, wo sie ihr Leben wieder aufnehmen konnten, »ein tropisch-jüdisches Leben«, wie Behar mit einem Lächeln sagt. »Die Insel hat es ihnen ermöglicht, zu überleben und wieder zu Menschen zu werden.«

Deshalb sei es so bedeutend, dass die Gemeinde auf Kuba die Traditionen bewahrt, dass diese Wurzeln nicht verloren gehen. Und deshalb nehme sie jedes Mal, wenn sie nach Kuba komme, teil am Schabbat, an den Gebeten. »Ich fühle manchmal, dass diese Gemeinde mir erlaubt, mir vorzustellen, wer ich geworden wäre, wenn wir hiergeblieben wären. Denn hier habe ich ein paralleles Leben. Dafür bin ich ihnen dankbar.«