Zuwanderung

Zwischen den Stühlen

Das am häufigsten genannte Motiv für eine Einwanderung von Israelis nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten. Foto: JA

Junge Israelis haben die Auswanderung nach Deutschland entdeckt, so scheint es. Gut 70 Jahre nach dem Holocaust leben Schätzungen zufolge rund 20.000 zugewanderte Israelis im Land der Täter. »Israelis kommen wegen der Uni, dem Beruf oder der Liebe nach Deutschland«, sagt Adi Hagin. Bei der Wirtschaftsjournalistin war es Letzteres. Sie lernte einen Deutschen kennen und zog nach zwei Jahren Fernbeziehung vor drei Jahren aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main.

Die junge Frau war schon als Kind mit der Familie nach Deutschland gereist und hatte beruflich in Berlin zu tun. »Ich fühle mich hier willkommen«, sagt sie. Kulturell fühlt sie sich nahe, da ihre Vorfahren als Aschkenasim aus Europa stammten. Mit der Familie ihres Mannes gebe es keinerlei Probleme, da sie und ihr Mann säkular eingestellt seien. Ganz praktisch spreche für Deutschland: »In Israel wäre eine säkulare Heirat nicht möglich.«

herkunft »Ich bin nicht religiös, das Jüdischsein ist meine kulturelle Herkunft«, sagt Hagin. Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegt sie daher nicht: »Ich fühle mich einem israelischen Araber näher als einem in Deutschland aufgewachsenen Juden.« Allerdings fragt sie sich, wie sie später ihren Kindern erklären soll, dass die Vorfahren des Vaters Täter und die der Mutter deren Opfer waren.

In Israel hat Hagin nach eigenen Worten an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete teilgenommen. Mit ihrer Heimat geht sie hart ins Gericht: »Ich könnte wegen des Rassismus gegen Nichtjuden jetzt nicht in Israel leben.« Dennoch hält sie fest: »Tel Aviv wird immer meine Heimat sein.«

Hagin sei durchaus typisch für jene Israelis, die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik eingewandert sind, sagt die Wuppertaler Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz. Sie hat anhand von 800 Befragungen und demografischen Daten eine Studie darüber erstellt. Die große Mehrheit sei jünger als 40, habe einen Hochschulabschluss, sei säkular eingestellt, politisch »moderat bis links« und habe europäische Vorfahren. Gut die Hälfte habe Vorfahren, die den Holocaust erlebt und überlebt hätten. 30 Prozent seien Nachkommen deutscher Juden.

motivation Das am häufigsten in Kranz’ Studie genannte Motiv für eine Einwanderung nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten, gefolgt von Entdeckerlust und Interesse an deutscher Kultur. An dritter Stelle nennen die Befragten die Bildungsmöglichkeiten in Deutschland. Entsprechend stehe bei den Gründen für die Auswanderung aus Israel die negative Einschätzung der beruflichen Entwicklung ganz oben. Ihr folgen die Unzufriedenheit über den Einfluss der Religion auf das Privatleben in Israel sowie über die politische Situation und Unsicherheit.

Der Zuzug aus Israel ist nach Kranz‘ Untersuchungen vor allem seit 2009 steil nach oben gegangen. Bei den begehrten Städten lag Stand Ende 2015 Berlin mit 6900 israelischen Einwanderern vorn, gefolgt von München mit 1500 und Frankfurt mit 1200. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht schwer sei, in Deutschland zu leben, trotz des Wissens, dass während der NS-Diktatur sechs Millionen Juden ermordet wurden. Viele hätten deutsche Freunde, mehr als die Hälfte der verheirateten Israelis sei mit Deutschen verheiratet.

Allerdings berichtet auch ein Fünftel der Befragten von Erfahrungen mit Antisemitismus – häufig in Bezug auf israelfeindliche Einstellungen. Die israelischen Migranten säßen in Israel wie in Deutschland politisch zwischen den Stühlen, erläutert Kranz. In Israel fühlten sie sich als säkulare Linke heimatlos. In Deutschland unterstütze die Rechte die von den Migranten meist abgelehnte, rechtsnationalistische israelische Regierung, während die deutsche Linke die eingewanderten Israelis wegen der Politik der israelischen Regierung angreife.

mentalität Mordechai Barak kam als Kommunikationswissenschaftler vor neun Jahren nach Frankfurt, um eine Stelle bei einer Fluggesellschaft anzutreten. An Deutschland gefallen ihm Wetter und Mentalität: »In Israel ist es nicht nur heißer, auch schneller und hektischer – in Deutschland geht es ruhiger zu.« Vor eineinhalb Jahren stieg Barak beruflich um: »Ich machte meinen Traum wahr.« Er eröffnete in Frankfurt ein Café mit angeschlossener Bäckerei.

Den Namen setzte er aus seinem Spitznamen und Schokolade zusammen: Café Morcolade. Ein Café trage zu seinem Wunsch nach Weltfrieden bei, ist Barak überzeugt: »Schokolade und Kuchen entspannen Körper und Geist.« In seinem Café gibt es deutschen Kuchen und israelische gefüllte Teigtaschen oder süße Hörnchen. Der Kundenzulauf belohnt seine Fusion der Kulturen, inzwischen bestellt auch ein anderes Café seine Leckereien. Mordechai Barak hat inzwischen einen deutschen und einen israelischen Pass – und feiert die deutschen und israelischen Feste gleichermaßen.

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Carolin Bohl sel. A.

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026