Ulm

Zurück in die Mitte der Stadt

Der 2. Dezember wird ein besonderer Festtag in Ulm: Am Sonntag eröffnet die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) eine neue Synagoge. Es ist nach dem Holocaust die dritte in Württemberg: In Stuttgart manifestierte sich schon 1952 wieder jüdisches Leben, Anfang 2012 konnte in einem Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert die Esslinger Synagoge wieder ihrem Zweck dienen. Der Ulmer Neubau ist auch Gemeindezentrum für die 450 Mitglieder zählende Ulmer IRGW-Außenstelle, deren Einzugsgebiet von Heidenheim bis zum Bodensee reicht. Unter anderem haben ein Kindergarten und ein Gemeindesaal Platz gefunden.

Gäste der Eröffnungsfeier am Sonntag werden Bundespräsident Joachim Gauck, der israelische Vize-Premierminister Silvan Schalom, der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, sein. Auch mehr als 50 ehemalige Ulmer Juden oder ihre Nachfahren nehmen teil.

Ehemalige Die Stadt hat alle jüdischen Familien mit Ulmer Wurzeln eingeladen. Etwas mehr als 50 Juden, deren Geburtsort Ulm ist, leben noch in aller Welt. Die jüdische Gemeinde zählte in der Donaustadt 1933, als die Nazis an die Macht kamen, 530 Mitglieder. 1945 lebte kein Jude mehr in Ulm.

Das religiöse Zentrum befand sich bis zur Pogromnacht am Weinhof, der als die Keimzelle der Ulmer Siedlungsentwicklung gilt. Am 9. November 1938 legten Nazis einen Brand, wenig später wurde das Gebäude eingerissen.

Kaum einen Steinwurf weit vom authentischen Ort am Weinhof entfernt, ist jetzt die neue Synagoge entstanden. Die Stadt Ulm hat der IRGW, die Bauherrin ist, den Bauplatz kostenfrei überlassen. IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub und der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik sehen darin eine »großartige Geste« und ein Zeichen, »dass die Arbeit unserer Gemeinde Anerkennung findet«. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner sagt: »Der Stadtpolitik ist es wichtig, dass die Gemeinde ein würdiges neues Haus bekommt. Und zwar mitten in der Stadt, so wie es früher war.«

Markanter Bau Die neue Synagoge, ein markantes kubisches Gebäude, ist das Ergebnis eines Architektenwettbewerbes, in dem unter zehn Arbeiten die der Kölner Professorin Susanne Gross (Architekturbüro Kister Scheithauer Gross) mit dem ersten Preis bedacht worden war. Der Neubau setzt eine Reihe zeitgemäßer Architektur fort, mit der im Zentrum seit Jahren die Reparatur der Wiederaufbauzeit läuft.

Das im Krieg zu 85 Prozent zerstörte Ulm war an vielen Stellen mit den bescheidenen Mitteln der Zeit wiederaufgebaut worden. Heute setzt die Stadt an prägenden Orten wie auf dem Münsterplatz, vor dem Rathaus oder jetzt auf dem Weinhof auf den modernen Städtebau national und international renommierter Architekten wie Richard Meier (USA), Gottfried Böhm (Köln) oder Stephan Braunfels (München/Berlin).

Unterstützung Finanziert wird die 4,6 Millionen Euro teure Synagoge vorwiegend durch die IRGW, erläutert Barbara Traub. Der Vorstand kann demnach für das Ulmer Projekt über 1,5 Millionen Euro aus IRGW-Mitteln verfügen und durfte zudem einen Zwischenkredit über zwei Millionen Euro aufnehmen. Das Land Baden-Württemberg steuert 450.000 Euro bei, die Stadt Ulm den Baugrund plus 400.000 Euro.

In Ulm existiert ein Förderverein, der den Synagogenbau unterstützt. Spendenaufrufe stießen bei Wirtschaft und Privatpersonen auf fruchtbaren Boden, die Spendensumme hat längst den sechsstelligen Bereich erreicht.

Nicht ohne Brisanz: Bei der Ulmer Synagoge handelt es sich um ein am orthodoxen Ritus ausgerichtetes Haus mit getrennten Gebetsbereichen für Männer und Frauen. Ausgerechnet der orthodoxe Flügel der IRGW aber gehört zu den Kritikern des Neubaus in Ulm, er hält ihn für zu groß und zu teuer. Hingegen unterstützen die Liberalen in der IRGW um Barbara Traub das Ulmer Projekt.

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

München

Verbunden aus Überzeugung

Die IKG ehrte Personen, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen

von Esther Martel  04.03.2026

Bedrohung

»Abstrakte Gefährdungslage«

Wegen des Kriegs im Nahen Osten sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland alarmiert. Zugleich geht der Zentralrat davon aus, dass der Kampf gegen die Mullahs langfristig Sicherheit schafft

von Helmut Kuhn  04.03.2026

»Schir Haschirim« in Berlin

Acht Kapitel Geheimnisse

In der Synagoge Pestalozzistraße wird das Hohelied Salomos in einer Vertonung des israelischen Komponisten Daniel Akiva uraufgeführt

von Christine Schmitt  04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Berlin

Zentralrat der Juden: Das Ende des Mullah-Regimes liegt in unserem nationalen Interesse

Zentralratspräsident Josef Schuster sieht in den militärischen Angriffen der USA und Israels auf den Iran die Chance, das Mullah-Regime endlich zu beenden

von Jürgen Prause  02.03.2026

WIZO

Venedig am Neckar

Purim, Frauentag und gutes tun: der erste Maskenball in Stuttgart

von Brigitte Jähningen, Helmut Kuhn  02.03.2026