Portrait der Woche

Zukunft im Rheinland

Hat noch keine konkreten Pläne für die Zeit nach seinem Examen: Jonathan Walter Foto: Philipp Rothe

Zurzeit stecke ich in den Magister‐abschlussprüfungen. Mein Wochenablauf ist daher nicht allzu aufregend. Eine willkommene Abwechslung bietet der Sport. Der Neckar in Heidelberg ist geradezu prädestiniert, um rudern zu gehen.

Ansonsten stehe ich auf, frühstücke ein wenig, schnappe mir meine Bücher und Skripte und gehe in die Bibliothek. Samstags mache ich Pause, um mal abzuschalten. Und am Sonntag kehre ich zurück an den Schreibtisch. Irgendwie müssen die Gedanken ja aufs Papier. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Regelstudienzeit einzuhalten. Nach fünf Jahren an der Uni freue ich mich auf einen neuen Lebensabschnitt und möchte endlich ins Berufsleben eintreten.

Heidelberg Das Thema meiner Abschlussarbeit ist »Die Pfadabhängigkeit in der Deutschen Außenpolitik«. Das klingt abstrakt, ist aber sehr interessant. Ich studiere im Hauptfach Politische Wissenschaft, meine Nebenfächer sind Jüdische Studien und Öffentliches Recht. Diese Fächerkombination wird in Deutschland zwar auch an anderen Orten angeboten, ich habe mich aber ganz bewusst für Heidelberg entschieden, weil die Bedingungen da gut sind.

Es gibt an der Hochschule für Jüdische Studien zehn Lehrstühle, von der Geschichte des jüdischen Volkes über Philosophie bis zu Literatur sind alle relevanten Themen vertreten. Die Betreuungssituation ist im Ver‐ gleich zu anderen Hochschulen einmalig: Auf sieben Studierende kommt ein Dozent. Die Lehrenden haben immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Studenten.

Darüber hinaus sind auch die Heidelberger Hochschulreden jedes Mal ein Highlight. Einer der letzten Gäste war Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Er hat über die Herausforderungen der Globalisierung für die Außenpolitik gesprochen. Gegen Ende des Jahres wird Thomas Gottschalk einen Vortrag halten; worüber, steht noch nicht fest. Vielleicht holt er sich ja Anregungen bei seinem Freund Günter Jauch, der vor einiger Zeit an unserer Uni über das Spannungsverhältnis von Anspruch, Quote und wirtschaftlichem Erfolg im Fernsehen sprach.

Wissenschaft Jüdische Identität ist mir sehr wichtig. Deshalb war es ein bewusster Schritt, dass ich mich auch im Studium mit dem Judentum befasse. Anfangs dachte ich, dass die Jüdischen Studien mehr oder weniger eine Fortführung des Religionsunterrichts seien, wie ich ihn aus meiner Heimatgemeinde in Köln kannte.

Doch ich stellte rasch fest, dass das Studium auf einem ungleich höheren Niveau stattfindet. Zu Beginn war es ein bisschen ungewohnt, das Judentum rein wissenschaftlich‐objektiv, also ohne Rekurse auf das eigene Verhältnis zur Religion, in den Blick zu nehmen. Doch das zentrale Kriterium der Wissenschaft ist und bleibt nun einmal Objektivität, und die Argumente für eine These müssen plausibel sein – ganz gleich, ob man religiös ist oder nicht.

Weil mir etwas fehlen würde, wenn ich neben dem normalen Leben kein jüdisches führen würde, engagiere ich mich beim Bund jüdischer Studenten Baden (BJSB). Laut Vereinssatzung stehe ich ihm als Präsident vor. Aber »Präsident« klingt so hochtrabend, deshalb lasse ich das immer ganz gerne unter den Tisch fallen. Den BJSB habe ich zusammen mit ein paar Freunden gegründet, weil es, als ich in Heidelberg anfing zu studieren, keine Angebote der hiesigen Gemeinde für Studierende gab.

Mittlerweile sind unsere Veranstaltungen sehr gut besucht. Vor einigen Monaten haben wir in Lörrach mit der dortigen Gemeinde und ihrem Rabbiner ein Wochenendseminar zu Pessach und Politik veranstaltet. Freitagabends machen wir regel‐ mäßig einen Schabbes, und an Purim und Chanukka laden wir zu Partys in den Gewölbekeller der Uni ein.

Anfang des Jahres haben wir ein Gespräch samt Diskussion auf die Beine gestellt: »Meet the Rabbi – Shmuley Boteach, Autor von Koscherer Sex«. Wohl auch wegen dieses speziellen Themas war die Veranstaltung von Juden wie Nichtjuden gleichermaßen gut besucht.

Der Gedanke dieser Treffen ist, dass man an einem Termin zusammenkommt, über jüdische Themen spricht und auf diesem Wege seine Identität stärkt. Bei einer Purim‐Lounge gelang uns dies in ganz unerwarteter Weise, als eine Studentin und ein Student sich erst kennen‐ und dann lieben lernten. Mittlerweile sind die beiden verheiratet und haben ein Kind. Vielleicht habe ich den falschen Berufsweg eingeschlagen und sollte meine Brötchen lieber als Schadchen verdienen.

Traumjob In welchem Bereich ich nach meinem Abschluss arbeiten werde, steht noch nicht ganz fest. So etwas wie einen Traumjob habe ich, ehrlich gesagt, nicht. Es gibt für mich mehrere Berufe, mit denen ich vollauf zufrieden wäre. Eine Art Horrorjob wäre für mich allerdings, 40 Jahre lang ein und dieselbe Tätigkeit ausüben zu müssen. Zum Glück gibt es solche Berufe heute nur noch selten. Selbst wenn man einer Firma über Jahrzehnte hinweg die Treue hält, arbeitet man zumeist immer wieder in einer anderen Abteilung, in denen jeweils andere Anforderungen gestellt werden.

Das ist meiner Ansicht nach der Vorteil bezüglich der Veränderungen in der Arbeitswelt. Ein Nachteil ist sicherlich, dass Geisteswissenschaftler es heute schwerer haben, einen attraktiven Job zu bekommen. Doch darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Derzeit zählt für mich nur, ein gutes Examen zu machen.

Vielleicht werde ich nach dem Magister erst einmal promovieren oder als Berater in die Politik gehen. Ein Absolvent meiner Uni, der dieselben Fächer studiert hat wie ich, ist zum Beispiel jüngster Bürgermeister Deutschlands geworden, ein anderer arbeitet als Wirtschaftsberater.

Nun muss ich nicht unbedingt Bürgermeister werden oder Unternehmen beraten, ich kann mir mehrere Wege vorstellen, um im Beruf glücklich zu werden. Ich denke, jeder Absolvent sollte sich auf jeden Fall die Frage stellen, wo er mit seinen Fähigkeiten nützlich wäre und welche Interessen er hat. Dementsprechend sollte man sich dann gezielt in diesem Bereich bewerben.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass es irgendwo einen ebenso passenden wie attraktiven Platz für mich gibt. Dass dies ganz sicher nicht in Heidelberg sein wird – davon bin ich überzeugt, und, bei aller Liebe zu dieser Stadt, auch glücklich. Zum Studieren ist Heidelberg wunderbar. Dauerhaft hier zu leben, kann ich mir allerdings nicht vorstellen, da die Stadt überwiegend von Touristen und Angehörigen der Uni bevölkert ist. Dadurch wirkt sie ein wenig wie eine Attrappe.

Freunde Schön wäre es, wenn ich nach der Beendigung meines Studiums nach Nordrhein‐Westfalen zurückkehren könnte. Im politischen Bereich gäbe es gleich mehrere Städte mit guten Arbeitsmöglichkeiten. Köln wäre natürlich klasse, weil dort meine Familie und viele Freunde aus der jüdischen Gemeinde leben, die ich ansonsten nur an den Feiertagen sehe. Auch Berlin wäre toll.

Möglicherweise könnte auch Düsseldorf mit seinem Landtag und den Agenturen für Politikberatung eine Alternative für mich sein. Das allerdings müsste ich mir als waschechter Kölner vorher gründlich durch den Kopf gehen lassen. Denn als Kölner nach Düsseldorf zu gehen, das wäre ungefähr so, als würde ein Spieler von Borussia Dortmund bei Schalke anheuern. Ein solch wichtiger Schritt will gut überlegt sein.

Aufgezeichnet von Philipp Engel.

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