Porträt der Woche

Zufälle und Glück

»In Chile wurde ich geboren, in Argentinien wurde ich erwachsen. Doch in Deutschland habe ich meine Heimat gefunden«: Peter Feldmann (66) Foto: privat

Porträt der Woche

Zufälle und Glück

Peter Feldmann arbeitete als Manager und hat wieder angefangen zu studieren

von Christine Schmitt  17.06.2023 23:06 Uhr

Nun werden also Stolpersteine für meinen Vater, meine Tante und meine Großeltern verlegt, die vor den Nazis fliehen konnten. Ehrlich gesagt, hatte ich anfangs Bedenken. Mir persönlich sind die Stolpersteine nicht wahnsinnig wichtig, dennoch ist es ein Versöhnungsakt für die Nachkommen und auch ein Teil der Erinnerungsgeschichte für Görlitz, wo meine Familie gelebt hat.

Dort findet ab dem 19. Juni die Jewish Remembrance Week Görlitz/Zgorzelec statt, zu der etliche Nachfahren der jüdischen Görlitzer angereist kommen. Filmaufführungen, Konzerte, Diskussionen, Vorträge, eine Schabbatfeier stehen auf dem Programm. Es kommen Familien aus England, den USA, Südamerika, Israel und sogar aus Australien.

familie Bis zur sogenannten Machtergreifung war mein Großvater Geschäftsführer der Strumpffabrik »Louis Cohn A.G.«. Allein aus meiner Familie werden sich für die Gedenkwoche 16 Leute auf den Weg machen, darunter auch meine jüngere Schwester, die in Argentinien lebt. Ich werde auch dabei sein – gerade weil ich es versäumt habe, meine Eltern und Großeltern zu ihren Erlebnissen von damals zu befragen, was ich heute sehr bedauere.

Deshalb weiß ich nur wenig über diese Zeit. Mein Vater und mein Opa wollten darüber nicht sprechen, viele Auswanderer haben ja geschwiegen. Da kann man geteilter Meinung sein. Ich hätte es wichtig gefunden, nach einer so langen Zeit des Schweigens darüber zu reden. Aber bitte auf eine versöhnende Weise, Schuldzuweisungen bringen uns nun nicht weiter.

Jüdischsein bedeutete in Buenos Aires keine Ausgrenzung, denn es war etwas Normales.

Als die Nazis an die Macht kamen, war meine Tante die Erste aus meiner Familie, die Görlitz verlassen durfte. Sie wurde 1933 von der Schule verbannt und gelangte über Tschechien, die Schweiz und England ins damalige Palästina. Dort heiratete sie, bekam Kinder, und mittlerweile gibt es 32 Urenkel. Sie ist vor ein paar Jahren hochbetagt gestorben.

visum Mein Vater erhielt ein Visum für Uruguay und konnte in letzter Sekunde von Hamburg aus mit dem Schiff emigrieren. Er war 19 Jahre alt und ging schließlich nach Argentinien. Meine Großeltern schafften es 1939 nach Chile. Die Familie war also sehr verstreut. Mein Vater lebte erst in Argentinien, besuchte dann seine Eltern in Chile, die er zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, und lernte dort seine zukünftige Frau, meine Mutter, kennen.

Sie stammte aus Berlin und war noch bei dem Aufstand an der Rosenstraße, der sogenannten Fabrikaktion, dabei. Letztendlich überlebte sie die Zeit als Kind in einer sogenannten Mischehe und emigrierte dann nach Lateinamerika. Und sie hatte im Gegensatz zu meinem Vater kein Problem, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Ich wurde in Chile geboren und lebte dort meine ersten 13 Jahre. Ich hatte meinen Freundeskreis und besuchte die Schweizer Schule – der deutschen Sprache wegen.

FLUCHT Als Salvador Allende an die Macht kam, fürchtete mein Vater, dass die Grenzen geschlossen werden könnten – wie kurz zuvor in Kuba. Da er gerade rechtzeitig aus Deutschland herausgekommen war, wollte er so ein Risiko nicht noch einmal eingehen. Er arbeitete damals bei einer Import- und Exportfirma in der Textilindustrie. Meine Mutter hingegen durfte in Deutschland nur eine Lehre machen und bildete nun als Friseurmeisterin chilenische Friseurinnen für Wella weiter aus.

In Buenos Aires, wo wir schließlich lebten, gab es damals eine große jüdische Community. Mein Opa war religiös, mein Vater hingegen nicht. Und ich wuchs damit auf, dass Religionen oft trennen und abgrenzen und somit eher etwas Negatives sind. Mit der Zeit lebte ich mich ein, aber da ich Spanisch mit einem chilenischen Akzent sprach, fiel mir die Integration in die deutsche Pestalozzi-Schule, obwohl sich dort die Schülerschaft zu 80 Prozent aus deutsch-jüdischen Kindern zusammensetzte, nicht besonders leicht

Das Jüdischsein bedeutete in Buenos Aires keine Ausgrenzung, denn es war etwas Selbstverständliches. Wir besuchten den Sportklub der Jüdischen Gemeinde, meine Freunde waren größtenteils jüdisch. Obwohl wir nie über die Religion sprachen, führten uns die Gemeinsamkeiten zusammen.

STUDIUM Nach der Schulzeit studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen. Da musste ich viel lernen und habe es tatsächlich in der Mindestzeit durchgezogen. Ich war anscheinend ein guter Student, sage ich heute immer schmunzelnd. Aus wirtschaftlichen Gründen wohnte ich während des Studiums weiter bei meinen Eltern – was damals ganz normal und kein Drama war. Sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern sind über 80 Jahre alt geworden. Natürlich traf ich mich während des Studiums zum Kaffee mit Freunden, die Kaffeekultur war in Argentinien sehr ausgeprägt, und unternahm auch sonst viel mit ihnen.

Bei einer Niederlassung von Bertelsmann fand ich meinen ersten Job. Deutsche Firmen zogen mich an. Vier Jahre blieb ich als Manager bei diesem Unternehmen. Ich spürte immer den Wunsch, Deutschland kennenzulernen, und besuchte das Land.

Bei einem Seminar in Argentinien unterhielt ich mich mit dem Vertriebsleiter des Wella-Konzerns und erzählte ihm, dass meine Mutter für diesen gearbeitet hatte. Kurz darauf unterschrieb ich einen Vertrag mit Wella für Marketingmanagement in Argentinien. Nach zwei Monaten erfuhr ich, dass ich nach Deutschland gehen könnte – worauf ich Lust hatte. Aber vorher gab es noch eine schwere Entscheidung, denn ich war verliebt in meine Freundin und bat sie, für zwei bis drei Jahre mitzukommen. Wir sind uns auf dem Tennisplatz begegnet, und als es einmal ein Unwetter gab, wurden die Partien unterbrochen. Wir suchten Schutz vor Donner und Blitz. Ich spiele heute noch leidenschaftlich gern Tennis, meine Frau hingegen nicht mehr.

nähe Damals fragte sie ihre Eltern, was sie davon hielten, wenn sie mich begleite. Ihre Mutter hätte sie lieber in ihrer Nähe gewusst, aber wegen der wirtschaftlichen Lage empfahl sie ihr, mitzugehen. Später hat mich meine Frau immer damit geneckt, dass ich sie mit der zeitlichen Angabe betrogen hätte, denn wir leben immer noch in Deutschland, allerdings mit einer Unterbrechung von vier Jahren, in denen wir in Mexiko waren, als ich als Vertriebsleiter für Wella gearbeitet habe.

Lebensbrüche können bereichern und den Horizont erweitern.

Ich finde, dass das Leben eine Anreihung von Perlen ist, die sich durch Suchen, Zufälle und etwas Glück ergeben. Lebensbrüche können dabei bereichern und den Horizont erweitern.

19 Jahre lang war ich danach bei Bosch angestellt und nahm den Stress auf mich, von Darmstadt nach Stuttgart zu pendeln. Drei Tage war ich immer bei meiner Frau und unseren beiden – mittlerweile erwachsenen – Kindern, vier Tage im Büro.

PERSPEKTIVEN Doch nun bin ich pensioniert. In Frankfurt besuche ich Veranstaltungen in der Uni, die sich an Menschen im dritten Lebensalter wendet. Ich interessiere mich für alles Mögliche, für Buddhismus, Soziologie oder Kunstgeschichte. Ich möchte nach wie vor meinen Horizont erweitern, und andere Perspektiven bereichern meinen Geist. Neben Tennis spiele ich auch Volleyball, was eine Mannschaftssportart ist, die ich auch sehr schätze. Jüngst habe ich noch einmal ein Start-up-Unternehmen beraten. Es gibt also immer etwas zu tun.

Die Corona-Zeit habe ich genutzt, um meine eigene Biografie aufzuschreiben. Ich möchte sie nicht publizieren, sie ist nur für Freunde und Verwandte und meine Kinder gedacht, falls sie sich für mein Leben interessieren. Denn ich habe erlebt, wie es ist, wenn es zu spät ist und man nicht mehr fragen kann.

In Chile wurde ich geboren, in Argentinien wurde ich erwachsen. Dort habe ich auch studiert. Doch in Deutschland habe ich tatsächlich meine Heimat gefunden. Nicht der Geburtsort ist meine Heimat, sondern der, wo ich meine sozialen Netzwerke habe und meine Kinder, Frau und Freunde leben.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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