Berlin

Zeitgemäß und inklusiv

Die lange Eröffnungsnacht begann mit einem festlichen Auftakt für geladene Gäste nur wenige Schritte vom Anne Frank Zentrum entfernt. Der im Rosenthaler Hof ansässige AOK-Bundesverband hatte sein Haus für die Auftaktveranstaltung des Abends geöffnet. Im dortigen Lichthof, einem Ort mit »bewegter Geschichte«, begrüßte Jens Martin Hoyer, stellvertretender Vorstand des Bundesverbandes, die Gäste, darunter zahlreiche Vertreter des politischen Berlin und des Bundes.

Der Ort war einst eines von vier Wertheim-Kaufhäusern in Berlin; es wurde 1905 eröffnet. »Hier, wo wir sitzen, befand sich damals die Haupthalle mit Verkaufsständen, Balustraden und Glaskuppel. Das Anne Frank Zentrum ist ein toller Nachbar, wir sind daher gerne Gastgeber für die feierliche Eröffnung«, sagte Hoyer in seiner Begrüßung.

Der Direktor des Anne Frank Zentrums, Patrick Siegele, freute sich, »nach zweijähriger intensiver Arbeit und sechswöchigem Umbau einen zeitgemäßen und inklusiven Lernort mitten in Berlin« eröffnen zu können. Die Ausstellung Alles über Anne richtet sich explizit an Kinder, Jugendliche und Familien. Man wolle dadurch nicht nur die Erinnerung an die Schoa wachhalten, sondern auch das Engagement von Jugendlichen fördern und ihnen ein kritisches Geschichtsbewusstsein vermitteln, sagte Siegele.

»Alles über Anne« will das Engagement von Kindern und Jugendlichen fördern.

Annes Vater Otto Frank sei ein Beispiel dafür, dass für die Überlebenden die Schoa nie endet und es für die Nachfahren keinen Schlussstrich gibt. »Das macht uns die Verantwortung klar, die die Erinnerung an Nationalsozialismus und Schoa mit sich bringt. Damit Kinder und Jugendliche entsprechend handeln können, stehen wir Erwachsene in der Verantwortung, ihnen Möglichkeiten und Räume zu geben, in denen sie sich zu mündigen, kritischen und geschichtsbewussten Bürgerinnen und Bürgern entfalten können. Diesem Anspruch wollen wir mit der neuen Ausstellung gerecht werden«, beschrieb Siegele das Konzept des Hauses.

BRÜCKEN Wie wichtig es ist, »Brücken in die heutige Welt zu schlagen«, wurde sowohl vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller als auch vom Antisemitismusbeauftragten des Bundes, Felix Klein, betont, die beide Grußworte zur Eröffnung sprachen. Vieles, was einem im Alltag begegne, auch nur ein dummer Spruch oder eine beiläufige Bemerkung, sei ausgrenzend und rassistisch, sagte Müller. Dafür müsse man sensibilisieren. »Aufklärungsarbeit kann nicht früh genug beginnen, und das Anne Frank Zentrum spielt hier eine herausragende Rolle«, sagte der Regierende Bürgermeister.

Felix Klein betonte, dass Anne Frank auch noch 73 Jahre nach ihrer Ermordung eine Brücke für uns baue, »über die wir uns einem Kapitel unserer Geschichte nähern können, das manche Teile der Bevölkerung, auch manche Politiker, gerne vergessen würden. Am Ende dieser Brücke werden wir konfrontiert mit den Konsequenzen, die Antisemitismus haben kann.«

Die Ausstellung Alles über Anne sei daher »ein bedeutsamer Impuls für die Erinnerungskultur«, lobte der Antisemitismusbeauftragte. »Solche Impulse werden immer wichtiger, denn diejenigen, die den Nationalsozialismus erlebt und überlebt haben, werden immer weniger.«

ZEITZEUGIN Eine der wenigen, die die Verfolgung überlebt haben und heute noch darüber berichten können, ist eigens zur Eröffnung nach Berlin gereist.

»Aufklärungsarbeit kann nicht früh genug beginnen.« Michael Müller

Eva Schloss wurde Anne Franks Stiefschwester, als ihre Mutter Fritzi 1953 Otto Frank heiratete. Schloss war mit ihrer Familie in unmittelbarer Nähe der Franks in Amsterdam untergetaucht. Auch sie wurden verraten und nach Auschwitz deportiert. Eva und ihre Mutter überlebten und kehrten nach der Befreiung zusammen mit Otto Frank nach Amsterdam zurück, wo sie vom Tod ihrer übrigen Familie erfuhren.

Eva Schloss berichtet in der ganzen Welt von ihren Erfahrungen. In der neuen Dauerausstellung des Anne Frank Zentrums taucht erstmalig auch sie auf. Sie habe sehr lange Zeit mit ihrem Hass gelebt, sagte Schloss im Podiumsgespräch mit Ronald Leopold, dem Direktor des Anne Frank Hauses in Amsterdam.

Es sei Otto Frank gewesen, der ihr gesagt habe, »die Leute, die du hasst, die merken das nicht, die fühlen sich nicht schlecht. Aber du fühlst dich schlecht«. Seit sie nicht mehr diesen Hass habe, sei sie ein viel glücklicherer Mensch, stellte Eva Schloss rückblickend fest.

MITGESTALTUNG Nach einem kurzen Spaziergang zum benachbarten Anne Frank Zentrum konnten die Gäste die neu gestaltete Ausstellung selbst erkunden. Diese versteht sich »als Lernort, und somit geht es, mehr als in einem Museum, um Mitmachen und Mitgestalten«, wie Direktor Patrick Siegele in den Ausstellungsräumen erklärte.

So können Besucher an vielen Stationen Beispiele und Bilder austauschen und dadurch eigene Akzente setzen und zum Nachdenken anregen. Die Brücken ins Heute werden durch immer wiederkehrende Gegenwartsbezüge geschlagen. Ein historisches Flugblatt von 1958 anlässlich der Aufführung eines Anne-Frank-Theaterstücks, das die Geschichte und Person Anne Franks als »Schwindel« und »Erfindung« angreift, wird beispielsweise in Bezug gesetzt zu aktuellen und alltäglichen Erscheinungsformen von Antisemitismus wie Hakenkreuz-Schmierereien auf einem Spielplatz.

Auch diese aktuellen Vorfälle können durch die Gäste ausgetauscht werden und stammen aus Meldungen an RIAS, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, mit der das Anne Frank Zentrum zusammenarbeitet.

Barrierefreiheit, einfache Sprache, Tastobjekte und Brailleschrift ermöglichen inklusive Vermittlung.

Aktives Mitgestalten anhand der Erfahrungen Anne Franks ist auch an einer weiteren Station gefragt, die die Themen Identität sowie Eigen- und Fremdzuschreibungen in den Mittelpunkt rückt. Auch hier können Gäste eigene Deutungen und Empfindungen ausdrücken und diese in die Ausstellung integrieren.

Die Ausstellung verfolgt in allen Teilen durch Barrierefreiheit, Tastobjekte, Brailleschrift, Übersetzungen in Gebärdensprache und die Verwendung von einfacher Sprache einen konsequent inklusiven An­satz und erschließt sich so auch Gästen mit besonderen Bedürfnissen.

Neben Führungen durch die neu gestaltete Ausstellung sowie durch das benachbarte Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt sorgten am Eröffnungsabend Lesungen der Schauspieler Aaron Altaras und Lion Wasczyk, Fachgespräche zu Vermittlungsarbeit und politischer Bildung sowie eine Afterparty für eine abwechslungsreiche »Lange Nacht der Eröffnung«.

Die Ausstellung »Alles über Anne« ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Infos unter www.annefrank.de

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