Kulturwochen

Zeit der Festivals

Klezmer-Rock aus Israel: Die Jewish Monkeys spielen am 25. Oktober in Frankfurt. Foto: PR

Mit dem Herbst ist auch die Zeit der jüdischen Kulturfestivals angebrochen. In Dresden, Frankfurt, Gelsenkirchen, Halle, Stuttgart und in Thüringen fanden oder finden in diesen Tagen traditionell jüdische Kulturtage und -wochen statt. Den Anfang machte das wohl älteste jüdische Kulturevent in Frankfurt.

Die seit 1981 stattfindenden Jüdischen Kulturwochen sind aus der städtischen Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Dies zeigten die steigenden Besucherzahlen deutlich, erklärte die Organisatorin Doris Adler. Unter dem Motto »Wir sind da« bieten sie »Einführungen in die jüdische Religion, in Traditionen und Lebensweisen, in das Gestern und Heute, in Philosophie und Kultur des Judentums«, erklärt Adler.

Nach dem fulminanten Auftaktkonzert mit Shmuel Barzilai, dem Oberkantor von Wien, und dem Frankfurter Kantor Yoni Rose, folgen auch am letzten Festivalwochenende weitere Höhepunkte: Einmal einen Blick in die Küche eines Spitzenkochs zu werfen, macht Avi Steinitz bei seinem Showkochen am Donnerstag, 22. Oktober, im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum ab 19.30 Uhr möglich.

Der Justitiabrunnen am Römerberg ist am Sonntag, 25. Oktober, um 11 Uhr Treffpunkt für eine Spurensuche in der Altstadt. Die Jewyish Monkeys spielen ebenfalls am Sonntag ab 18 Uhr im Gemeindezentrum zum »Klezmer Rock aus Israel« auf. Die Fotoausstellung »Jüdisches Leben im Dialog« mit Bildern des Fotografen Rafael Herlich ist jeweils zu den Veranstaltungen im Gemeindezentrum geöffnet.

halle Ein relativ junges Festival sind hingegen die Hallenser Jüdischen Kulturtage, die vom 26. Oktober bis 11. November mit einem umfangreichen Programm aufwarten. Zum dritten Mal laden die Organisatoren und der künstlerische Leiter Andreas Schmitges an die Saale ein. 25 Programmpunkte in der ganzen Stadt offerieren Stadt- und Synagogenführung – in diesem Jahr erstmals mit einem Spezialitäten-Büfett –, Musikworkshops, Filmen und Konzerten mit jüdischer, jiddischer und chassidischer Musik ein.

Am kommenden Wochenende starten in Dresden die »Jüdische Musik- und Theaterwoche« und in Thüringen die »Tage der jüdisch-israelischen Kultur«. »Heimat | Babylon« hat Dresden sein Kulturevent überschrieben, das in diesem Jahr zum 19. Mal stattfindet. Es widmet sich dem Gegensatz von Heimatwunsch und babylonischer Entwurzelung. »Denn seit Jahrhunderten sind Juden auf Wanderschaft. Allein die tiefe Spiritualität und der Glaube an Traditionen ließen dieses Volk seine Identität wahren«, schreiben die Veranstalter. Entstanden ist dabei eine vielschichtige Kultur, die weit über die Anpassungsmechanismen der erzwungenen Diaspora hinausgeht.

»Heimat« und »Babylon«, symbolisch für Transformation und Bereicherung, Toleranz und eine individuelle Perspektive, greift Themen wie Zuwanderung, kulturelle Überfremdung und Rassismus auf. Die Festivalmacher haben schon während der Vorbereitungszeit nahezu aktuelle Ereignisse vorweggenommen. Das Programm stellt einerseits enttäuschte Erwartungen, Anpassungsschwierigkeiten und Abgrenzungserfahrungen in den Mittelpunkt, wie beispielsweise mit der Lesung von Lars Jung und Sonnhild Fiebach oder dem Theaterstück Eigentlich wollte ich nach Finnland der UnitedOFF Productions aus Berlin. Andererseits haben die Veranstalter gezielt nach den positiven Wirkungen eines wandernden Lebens gesucht, wie bei der Band Melech Mechaya, die Klezmermusik mit portugiesischen Texten singt, oder der Lesung aus Der Russe ist einer, der Birken liebt. Der Roman von Olga Grjasnowa zeigt eine neue Generation von selbstbewussten jungen Einwanderern, die sich in zwei Welten und mehreren Sprachen zu Hause fühlen. Obwohl sie mit der eigenen Identitätsfindung beschäftigt sind, erklären sie ihren Eltern die »neue« Welt.

»Es gibt keine Auswanderung, kein Exil ohne Leiden und Enttäuschung. Aber die Hoffnung, in einer oft fremden Welt eine neue Heimat zu finden, führt zu vielen positiven und bereichernden Entwicklungen für sich selbst und für die neue Umgebung«, heißt es im Programm.

Workshops Hören, Mitmachen und Selbermachen sind bei den »Klezmerwelten« in Gelsenkirchen angesagt. Konzerten zu lauschen und sich in Workshops diese Musik zwischen Melancholie und sprühender Lebenslust selbst zu erarbeiten, steht dabei im Vordergrund. Auch in diesem Jahr haben wieder viele Kinder – und erstmals auch Erwachsenen – am einwöchigen Klezmer-Workshop teilgenommen, der mit einigen der besten Musiker des Genres eine direkte Begegnung mit jiddischer Musik ermöglichte. Weitere interaktive Angebote laden zum Mitsingen und Tanzen oder zum Besuch des Schabbatgottesdienstes in der Synagoge ein. Die »Klezmerwelten« wagen den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Tradition und Innovation ständig neu, erklären die Veranstalter, zu denen auch die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen gehört.

Am 24. Oktober beginnen die 23. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur. Das ist das dritte jüdische Kulturfestival in diesem Jahr im Land. Nach dem erfolgreichen Yiddish Summer in Weimar und der Premiere der Achava-Festspiele in Erfurt kommt im Herbst das älteste Fest jüdischer Kultur nach Thüringen. Doch der Förderverein Alte und Kleine Synagoge als heimischer Veranstalter hat keine Sorge, dass die Besucher ausbleiben könnten oder das Publikumsinteresse abflacht, sagt Karin Sczech. Die Archäologin vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege gehört zum Vorstand des Fördervereins. Die rund 100 Veranstaltungen der vierwöchigen Kulturtage finden an 13 verschiedenen Orten statt.

Die Eröffnung wird in Gera sein – der Stadt am Rande Thüringens, in der im Frühjahr dieses Jahres erstmals Stolpersteine für jüdische Opfer der Nazidiktatur verlegt wurden. In Gera laden unter anderem der Interkulturelle Verein, die Evangelische Kirche, Stadtmuseum, Stadtjugendring und die Bibliotheken zu Veranstaltungen der Kulturtage ein. Eröffnet werden sie mit einem Konzert der »Drei Kantoren«.

Wahrnehmung Seit 1991 gibt es die Tage der jüdisch-israelischen Kultur. Auch Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, ist froh über das dritte Festival in diesem Jahr. »Je öfter über verschiedene Aspekte der jüdischen Kultur gesprochen wird und sie damit auch öffentlich wahrgenommen werden können, umso mehr wächst der Selbstwert der Mitglieder der Gemeinde«, ist Schramm überzeugt. Jüdisches Leben dürfe nicht auf die zwölf Jahre Nationalsozialismus reduziert werden, betonte er. Vielmehr gehe es um Erfolge der jüdischen Kultur heute und auch um Probleme der Akzeptanz. Das sei mit derzeit 800 Gemeindemitgliedern regelrecht überlebensnotwendig, betont er.

»Natürlich sind diese Tage und Wochen für die Welterbe-Bewerbung ein guter Impuls«, sagt Maria Stürzebecher, eine der beiden UNESCO-Beauftragten der Stadt, sicher. Denn diese Tage seien in erster Linie in Thüringen entstanden. Und auf die Verbindung der Vergangenheit mit dem Heute werde von der Welterbestättenkommission Wert gelegt. Generell wolle man in diesem Jahr die 4000-Gäste-Grenze vom vergangenen Jahr überbieten. »Wir rechnen in diesem Jahr sogar mit 7000 Besuchern«, sagt Projektleiterin Caroline Fischer.

50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel und 70 Jahre Neugründung der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart bilden das Fundament, auf dem die Jüdischen Kulturwochen in Stuttgart aufgebaut sind. Traditionell eröffnen sie mit dem WIZO-Basar, dessen Erlös dem Theodor-Heuss-Familientherapiezentrum in Herzliya zugute kommt. Lesungen, Gespräche, Soirees und Matinees, Stadtrundfahrten und Spaziergänge, Vorträge und Dokumentarfilme stehen auf dem rund 40-Punkte-Programm. Sie enden am 15. November, so, wie das Frankfurter Festival begonnen hat: mit einem Synagogenkonzert ab 19 Uhr in der Hospitalstraße 36.

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