Porträt der Woche

»Zeichen faszinieren mich«

»Mein Sinn für Kunst folgt dem Gefühl der ewigen Spaltung«: Imola Nieder-O’Neill im »Museum Brandhorst« in München Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

»Zeichen faszinieren mich«

Imola Nieder-O’Neill ist Kunsthistorikerin und möchte ihre eigene Galerie eröffnen

von Katrin Diehl  22.01.2022 22:54 Uhr

Die größte Kunst besteht darin, etwas wegzulassen», sagt mein Vater oft. Von ihm habe ich meine Leidenschaft für die Moderne mitbekommen. In einer einfachen, mit der Hand gezogenen Linie kann ich das Erzählerische entdecken und mich vergessen, und eben das ist es auch, was ich in einer bloßen Betonwand erkenne. Jede Kleinigkeit hat eine Bedeutung. Zeichen, Gesten. Jeder Ton und jeder Pinselstrich hat eine Aussage.

Die erste Sprache, der ich begegnet bin, war das Zeichensystem der architektonischen Zeichnung. Pläne konnte ich lesen, bevor ich die Buchstabenwelt kennenlernte. Mir ist früh klar geworden, dass jedes Zeichen eine Funktion hat. Das faszinierte mich komplett. Ich fand heraus, welchen Grad an Präzision es ausdrückt und in welchen Winzigkeiten es sich von anderen Zeichen unterscheiden kann.

ELTERNHAUS Geboren wurde ich in Ungarn, in Budapest, dem «Paris des Ostens». Meine Kindheit und Jugend erlebte ich direkt in der Innenstadt. Budapests klassizistische Paläste, einst Schauplatz der Revolution für Unabhängigkeit, lösten in mir eine unbändige Begeisterung für die Idee der Freiheit aus.

Mein Elternhaus lag so zentral, dass ich von dort aus alles ganz einfach erreichen konnte: unseren Bolzplatz an der Donaupromenade mit dem Postkartenblick über den Fluss, die Bauhaus-Schwimmhalle auf der Margareteninsel, Theater, Oper, die Bibliothek oben in der Burg mit dem verzaubernden Ausblick auf Häuser und Straßen zu ihren Füßen. Ich konnte die Stadt umarmen.

Bei meinen Reisen haben mich immer Sätze von meinem Großvater begleitet.

Über die Magie jedes Bauwerks erzählte mir mein Vater Gute-Nacht-Geschichten, und ich hatte wirklich das Gefühl, diese Stadt gehöre mir ganz alleine. Budapest hat aber auch eine unlautere Seite. Bestimmte Straßen erscheinen mir bis heute vor meinem inneren Auge immer nur in Schwarz-Weiß.

Anders unser Zuhause. Da stand, wie eine Art Symbol, der große Esstisch, um den immer weniger Menschen herum saßen. Und als ich dann selbst als Kleinkind mit am Tisch sitzen durfte, saßen wir nur zu fünft da: meine Großeltern väterlicherseits, meine Eltern und ich.

Von legendären Erzählungen in der Familie kannte ich aber auch jeden anderen: meine Großeltern mütterlicherseits, Großtanten, Großonkel und Cousinen. Über alle, die nicht in unserer Mitte waren, haben wir wieder und wieder dieselben witzigen Geschichten erzählt, sodass es uns gelang, so etwas wie einen Familienmythos aufrechtzuerhalten.

BUDAPEST Ich selbst fühle mich zwischen den Gestalten meiner zwei Großmütter zerrissen: der zierlichen pflichtbewussten Annusch, die ihrem Schicksal trotz ihres Schutzpasses in der Hand nicht entgehen konnte, und der wagemutigen Elsa, die mit meinem Vater an der Hand aus dem Ghetto geflohen war.

Die Familie meines Vaters lebte auf der Buda-Seite – die hügelig-grüne, die Seite, die für das bürgerliche Leben stand. Meine Mutter dagegen kam aus Pest, der Innenstadt, wo sich die intellektuelle Schicht zu Hause fühlte. Und dazwischen die Donau.

Die Familie meines Vaters lebte auf der Buda-Seite. Meine Mutter dagegen kam aus Pest.

Als Kind überquerte ich den Fluss manchmal mehrmals am Tag und malte ihn und seine Brücke auch immer wieder. «Urahne bin ich, der sich vielfach spaltet», schrieb einmal der Dichter Attila József.

Es kann sein, dass mein Sinn für die Kunst ebenfalls diesem Gefühl der ewigen Spaltung folgt. Die Kunstgeschichte bildet sich ja aus einer Kette von nacheinander geborenen Werken aus. Mich beschäftigen Künstler auf einer übergeordneten Ebene. Ich stelle ihre Werke gegeneinander.

Kunst und Text konnte ich nie richtig voneinander trennen. Mit Wörtern herumzuklecksen, habe ich immer genossen. Nach meinem ersten Studium, das mich Richtung Semiotik gesteuert hat, lebte ich in England. London ist mir unter die Haut gegangen, und entsprechend inspirierend waren diese Jahre. Ich habe regelmäßig eine Filmkritik-Kolumne gefüllt und zeitgenössische Theaterstücke übersetzt.

Zu übersetzen, begreife ich als das Aufeinanderprojizieren zweier Welten, zweier Zeichensysteme. Beim Reisen erlebt man die Distanz, beim Übersetzen schlägt man eine Brücke darüber. Im Reisen sehe ich die Möglichkeit einer Konfrontation mit neuen Welten. Damit beuge ich dem Einnisten von gewohnten Gedanken vor.

KINDHEIT Bei meinen Reisen haben mich immer Sätze von meinem Großvater begleitet und mich beschützt. Als kleines Kind habe ich sehr viel Zeit mit meinen Großeltern väterlicherseits verbracht, und wenn ich meinem Großvater etwas über einen neuen Spielkameraden aus dem Kindergarten oder vom Spielplatz erzählt habe, hat er immer mit derselben Frage reagiert: «Ist er jüdisch, ist sie jüdisch?»

Das war für ihn als religiösen Juden sehr wichtig. Der jüdische großelterliche Alltag war für mich das Normale. Mit dieser Frage, ob eine Freundin, ein Freund jüdisch seien, konnte ich aber als Kind nicht wirklich etwas anfangen. In meinem Kopf hat sich dennoch seit dieser Zeit das Wort jüdisch mit Worten wie freundlich, warm, sympathisch, kommunikativ konnotiert.

Wenn jemand mir wehtut oder mich verletzt, denke ich deshalb auch sofort: Dieser Typ hier ist einfach kein Jude. Ich lasse ihn stehen und gehe weiter. Auf der anderen Seite ordne ich jemanden, der nichtjüdisch ist und den ich sympathisch finde, gleich als «Ehrenjuden» ein.

Mit Deutschland, wohin ich 1991, da war ich 26, von England aus gegangen bin, kehrte ich zwar zurück in die für mich heimische, mitteleuropäische Mentalität, hatte dabei allerdings außer Acht gelassen, was dieses Land noch in mir auslösen konnte.

Eigenartigerweise habe ich mich am meisten als Außenseiterin in der hiesigen jüdischen Gemeinde gefühlt.

In England hatte ich meinen Mann kennengelernt. Wir zogen nach München, wohnten dort in der Innenstadt, und da hörte ich immer wieder nachts die Betrunkenen vor unserem Fenster herumgrölen. Diese Sprachfetzen stellten für mich ein unartikuliertes Deutsch-Geschrei dar, das bei mir lange für schlimme Albträume gesorgt hat.

Eigenartigerweise habe ich mich am meisten als Außenseiterin in der hiesigen jüdischen Gemeinde gefühlt, wahrscheinlich weil man genau dort Fremdheit besonders empfindlich spürt, wo man eigentlich hingehört. Bei uns in Ungarn gab es eben keine Challa, sondern Barches, und der war zuckersüß. Alles war so bekannt und eben doch nicht dasselbe. Die ersten jüdischen Feiern habe ich mit amerikanischen Freunden in der Augsburger Kaserne erlebt.

OHEL-JAKOB-SYNAGOGE Ich wollte zu Deutschland, zu München eine positive Verbindung herstellen und verschrieb mir daher sozusagen selbst eine Therapie, die darin bestand, dass ich nach schönen Assoziationen suchte. Die Erinnerung an die mit gotischen, deutschen Buchstaben gefüllten Bücher aus der Familienbibliothek stiegen in mir auf.

Ich beschäftigte mich mit einem Großonkel, der als Maler während der Weimarer Republik in Berlin tätig war, recherchierte dazu. Dabei tauchten berühmte Künstlerporträts und Theaterzeichnungen von ihm auf. Und jetzt betreue ich nebenbei seinen Nachlass.

Heute kann ich sagen, dass es eine Liste von Münchner Schätzen gibt, die wie starke Pflöcke für mich sind und die mich hier halten.

Heute kann ich sagen, dass es eine Liste von Münchner Schätzen gibt, die wie starke Pflöcke für mich sind und die mich hier halten. Wirklich stolz macht mich die Ohel-Jakob-Synagoge. Nicht nur, dass ich mich darüber freue, dass es sie einfach gibt, ich bin auch davon überzeugt, dass dieses Gebäude zu einem der besten Bauten in München gehört. Ich finde, es sollte noch viel mehr in seiner architektonischen Wertigkeit als eine besondere Sehenswürdigkeit herausgestellt werden.

Meine Neugierde für Ausstellungen teile ich übrigens mit meinem 17-jährigen Sohn, auch die für Gebäude, während wir zusammen eine Stadt durchwandern, ebenso die Leidenschaft fürs Reisen oder die, uns zur Entspannung ein Basketball-Spiel anzusehen.

KURATORIN Bei meiner Arbeit als Kunstkuratorin kann ich aus der breiten Palette meiner Erfahrungen schöpfen. Das gleichzeitige Verständnis für Raum, Text und Bild sehe ich da als essenziell an. Das Kuratieren betrachte ich als eine Art von Gesamtkunstwerk, vergleiche es mit einer Oper, bei der ich alles, vom Knopf am Kostüm, der Wärme einer Stimme bis zur Dramaturgie, selbst bestimmen darf.

Nach verschiedenen Ausstellungen, die ich in europäischen Großstädten gemacht habe, möchte ich als Nächstes mit den Künstlern, deren Arbeiten ich in den letzten Jahren kuratiert oder die ich entdeckt habe, meine eigene Galerie eröffnen. Dafür heißt es also jetzt, einen passenden Raum zu finden.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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