Akademie

Zedaka in Mitte

Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem war gleichbedeutend mit der Vernichtung eines Herzstücks der jüdischen Seele. Es war ein Ereignis, welches das Judentum nachhaltig verändert hat«, sagt Jonathan Schorsch und blickt in die Runde. Im Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Oranienburger Straße sitzen in akkurat aufgestellten Stuhlreihen 30 meist junge Menschen.

Es ist Tischa beAw, der traditionelle Fastentag zur Erinnerung an die Zerstörung des Ersten und Zweiten Jerusalemer Tempels. Jonathan Schorsch, Professor für Jüdische Religions‐ und Geistesgeschichte an der Universität Potsdam, hat ihn ganz bewusst als Auftakt für die von ihm ins Leben gerufene »Jewish Activism Summer School« (JASS) ausgewählt.

kerngedanke »Die Trauer um das Verlorene hat ihren berechtigten Platz. Wir dürfen uns davon aber nicht paralysieren lassen, sondern müssen Wege finden, aus dem tiefen Gefühl der Trauer neue schöpferische Kraft für unseren Alltag zu tanken«, sagt der 54‐jährige gebürtige New Yorker.

Im Publikum nicken viele zustimmend. Die meisten der 18‐ bis 30‐Jährigen, die am Ausklang von Tischa beAw zu der Eröffnungsveranstaltung der Sommerakademie gekommen sind, nehmen am JASS‐Programm teil. Sie sind aus den USA, Israel, Lateinamerika und verschiedenen europäischen Ländern nach Berlin angereist, um sich einen Monat lang mit sozialpolitischen Projekten zu beschäftigen.

»Junge Menschen haben oft den Impuls, sich sozial zu engagieren, brauchen aber Anleitung und Gleichgesinnte, um dies effektiv zu tun«, erklärt Schorsch.

Der Kerngedanke der Sommerakademie, die in diesem August zum ersten Mal stattfindet, sei daher, politisches Engagement und jüdische Tradition miteinander zu verbinden. »JASS zeigt die neuesten Ansätze, die solch einen Einsatz wirkungsvoll machen«, sagt Schorsch, der seit 2014 am Potsdamer Universitätsinstitut für Jüdische Theologie lehrt.

erfahrungen Zugleich gehe es um die Frage, welche Erfahrungen die jüdische Geschichte und Tradition für soziales Engagement bieten – das verdeutlicht auch das Beispiel von Tischa beAw, das später an diesem Abend weiterentwickelt wird. »Wenn soziales Engagement auch als spirituelle Aufgabe gesehen wird, kann es mehr verändern – in der Welt, aber auch für die, die sich engagieren«, sagt Schorsch.

Vier Wochen lang wird der Dozent zusammen mit den JASS‐Teilnehmern soziale Einrichtungen, Praxisseminare, Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden in Berlin besuchen. Bestandteil des abwechslungsreichen Programms sind neben Orten jüdischen Lebens etwa der Besuch der Prinzessinnengärten in Kreuzberg, einem lokalen Projekt zum städtischen Anbau von Obst und Gemüse, sowie der Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft.

Zum Auftakt hatten die Veranstalter eine Rednerin in die Oranienburger Straße eingeladen, die den Teilnehmern von sich und ihrer Form des sozialpolitischen Engagements berichtete: Pari Ibrahim, eine in den Niederlanden aufgewachsene Aktivistin für die religiöse Minderheit der Jesiden.

»Wir Jesiden werden in unserer Heimatregion im Nordirak schon seit Jahrhunderten diskriminiert, verfolgt und ermordet«, erzählt sie. Als 2014 Tausende Jesiden von einem Völkermord durch den sogenannten Islamischen Staat bedroht wurden, wollte die junge Frau nicht länger schweigen. Kurzerhand habe sie damals Arbeit und Studium unterbrochen, um in den kurdisch kontrollierten Nordirak zu reisen und dort zusammen mit einem niederländischen Reporterteam die Verbrechen der Islamisten an ihrer Volksgruppe zu dokumentieren. Sie bereiste auch jene Stätten, an denen IS‐Kämpfer Massenexekutionen an jesidischen Jungen und Männern verübt hatten.

stiftung Was Ibrahim antreibt, ist der unbedingte Wille, die Weltöffentlichkeit über das Schicksal der Jesiden zu informieren. Auch möchte sie mit ihren Berichten zum engagierteren Handeln gegen die Islamisten aufrufen, wie sie sagt. »Die internationale Gemeinschaft muss verstehen: Auch mehr als 70 Jahre nach der Schoa gibt es noch Genozide auf der Welt – die versuchte Ausrottung der Jesiden hält an, der IS ist immer noch im Irak und in Syrien aktiv«, mahnt Ibrahim.

Mit der von ihr gegründeten »Free Yezidi Foundation« setzt sie sich daher für die Menschen in den Flüchtlingslagern im Nordirak ein. Mit den gesammelten Spenden fördert die Organisation dort den Aufbau von Schul‐ und Bildungszentren sowie spezielle Angebote für Frauen.

Pari Ibrahim sei »ein leuchtendes Beispiel für überaus mutiges gesellschaftliches Engagement«, meint Akademieleiter Schorsch. Das finden auch viele der JASS‐Teilnehmer. Ein junger Mann aus Amerika etwa möchte von ihr wissen, wie sie persönlich damit umgeht, wenn sie die Geschichten aus dem Nordirak hört oder ein Massengrab besichtigt.

»Es ist unglaublich schwer«, gesteht die junge Frau. »Als ich das erste Mal vor einem solchen Grab stand und die sterblichen Überreste von Angehörigen meines Volkes gesehen habe, bin ich zusammengebrochen.« Ohne psychologische Hilfe hätte sie die Erlebnisse später nicht verarbeiten können. Trotz allem sei ihr aber immer klar gewesen: »Ich muss weitermachen – für meine Brüder und Schwestern«, sagt Ibrahim.

vorbild Auch David Wojahn findet, dass Ibrahim ein Vorbild ist. »Sie ist eine mutige Frau – ihre Arbeit ermuntert, sich ebenfalls aktiv zu engagieren«, sagt der 22‐Jährige. Er selbst nimmt in diesem Jahr zwar nicht an der Sommerakademie teil – er kam auf Empfehlung eines teilnehmenden Freundes zu der Eröffnungsveranstaltung –, hofft aber, dass JASS auch im kommenden Jahr stattfinden wird. Dann möchte er gerne mitmachen.

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