Interview

»Wir werden Erfolg haben«

»Keine Zeit zu verlieren«: Vera Szackamer Foto: Christian Rudnik

Frau Szackamer, Zentralratspräsident Dieter Graumann hat angekündigt, ein neues lebendiges Judentum aufbauen zu wollen. Dazu gehört auch und besonders die Bildung, für die Sie im Präsidium verantwortlich zeichnen. Was wollen Sie tun?
In der Tat hat der Zentralrat konkrete Pläne für eine Bildungsinitiative. Sie sind in den vergangenen Monaten inhaltlich gereift und nehmen jetzt Gestalt an. Dank des neuen Staatsvertrags stehen dafür auch die finanziellen Mittel zur Verfügung.

Welche Pläne sind es konkret?
Gegenwärtig planen wir mehrere große Projekte. Die Institutionalisierung eines jüdischen Bildungswerkes nach dem Vorbild der Bildungsakademien von Kirchen, politischen Stiftungen oder Gewerkschaften ist eines davon. Die Ausarbeitung von Lehrplänen und Unterrichtsmaterialen für jüdische Schulen und für den Religionsunterricht in den Gemeinden ist ein weiterer Schwerpunkt.

Wer berät Sie dabei?
Mit der Formulierung von Lehrplänen sind sachverständige Männer und Frauen aus den Gemeinden und Landesverbänden so- wie von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS) befasst. Wir arbeiten darüber hinaus mit verschiedenen Autoren zusammen an einem Lehrbuch zur jüdischen Ethik. Das geschieht in Kooperation mit den Gemeinden in der Schweiz und Österreich. Das Buch wird Ende des Jahres fertig sein. Und dann wollen wir die jüdische Bildungsarbeit in Deutschland mit dem internationalen Netzwerk verknüpfen.

Und das alles soll gleichzeitig gelingen?
Es wird gelingen. Wir haben nämlich keine Zeit zu verlieren. Das spornt an. Außerdem sind wir auf dem Gebiet Bildung ja keine Neulinge. Wir setzen in diesem Sommer mit weiteren Seminarangeboten unsere erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre fort und bauen sie weiter aus.

Sie sprechen die Seminare an, die der Zentralrat schon seit einigen Jahren anbietet?
Genau, das sind Seminare in den Bereichen Gemeindemanagement, Rhetorik, Wahlen und Satzungen, Sicherheitsfragen, Bekämpfung von Antisemitismus, Kulturmanagement, Ehrenamt, Sponsoring, Umgang mit neuen Medien und politische Bildung. Hinzu kommt das »Jewish Life Leaders Programm«, das wir ab Herbst dieses Jahres in Kooperation mit der Lauder Foundation, aber nun unter der Federführung des Zentralrats, dauerhaft durchführen werden.

Und wie kommen die internationalen Netzwerke darin vor?
Vonseiten des Zentralrats arbeitet die HfJS bereits seit Längerem erfolgreich mit dem europäisch-jüdischen Bildungsprogramm »Paideia« in Stockholm zusammen. Das wollen wir noch enger gestalten. In dieses Netzwerk gehören die Zusammenarbeit mit der Lauder Business School in Wien, aber auch das »Taglit«-Programm, das wir nicht nur federführend durch den Zentralrat finanzieren. Vielmehr errichten wir auch ein Alumni-Netzwerk, um die jungen Leute nachhaltig an uns und an Israel zu binden.

In welcher Form geschieht dies?
Es wird ein erstes Alumni-Treffen im Dezember, organisiert vom Zentralrat, in Düsseldorf geben. Als weiteren Pfeiler der Bildungsarbeit werden wir in diesem Jahr nicht nur das E-Learning-Netzwerk des Zentralrats mit entsprechenden technischen Einrichtungen in den Gemeinden weiter ausbauen, sondern auch inhaltlich mit Leben füllen. Hierzu sind Kooperationen mit Partnern in Israel und den USA geplant. Schließlich ist für dieses Jahr in Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen Partnern auch die Realisierung des Konzepts der Hillel-Häuser in Deutschland vorgesehen. Entsprechende Gespräche führt Generalsekretär Stephan J. Kramer gerade in Israel. Der Zentralrat wird darauf achten, dass die Häuser offen für alle Denominationen sind, ganz in der Tradition, in der die Idee in Nordamerika entstanden ist und bis heute praktiziert wird.

Sie meinen, dass alle Gemeinden etwa im Religionsunterricht dasselbe Material nutzen können, orthodoxe wie liberale, etablierte alte wie relativ junge?
Ja, es gibt einen sehr großen gemeinsamen Fundus an jüdischem Wissen, der für alle Strömungen wichtig ist und gleichermaßen gilt. Wir wollen Angebote machen, denen niemand widerstehen kann.

Was wird für die Jüngsten angeboten?
Für sie werden wir im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit amerikanischen Partnern das »Summer Camp Am Echad« veranstalten, um die transatlantischen Beziehungen und den Austausch noch weiter zu stärken. Schließlich werden wir das erfolgreiche Projekt der »PJ Library« aus den USA nach Deutschland holen. Hierbei werden bereits die Kleinsten durch Kinderbücher an jüdisches Basiswissen herangeführt. Diesbezüglich gibt es schon konkrete Absichtserklärungen und Planungen.

Wie sieht es mit Mitarbeitern aus, die das Ganze umsetzen?
Personell werden wir die Bildungsarbeit im Zentralrat neu aufstellen. Ein Fachmann wird die Koordination und pädagogische Konzeption in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär und mit mir übernehmen. Schließlich werden wir unsere Bildungsinitiativen in einem jüdischen Bildungswerk institutionell zusammenfassen. Hierbei handelt es sich nicht um eine universitäre Einrichtung, dafür haben wir die Hochschule in Heidelberg, sondern um eine Stätte des freien Lernens und der Erwachsenenbildung.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wird das Bildungswerk setzen?
Die Inhalte werden nach den Interessen und Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ausgerichtet. Ein wichtiger Schwerpunkt wird sicherlich die pädagogische Fortbildung von Lehrkräften sein, auch um den zahlreichen Besonderheiten jüdischer Bildungsarbeit in Deutschland Rechnung zu tragen. Wir wollen aber auch jüdisches Wissen vermitteln. Als Erstes würde ich jüdische Multiplikatoren ansprechen: Gemeindevorstände, Mitglieder der Gemeinderäte, Mitarbeiter von Gemeinden und anderen jüdischen Einrichtungen, Intellektuelle und Journalisten.

Sehen Sie für das Bildungswerk auch noch weitere Zielgruppen vor?
Wenn es sich erst einmal etabliert hat, würde ich weitere Zielgruppen, jüdische wie nichtjüdische, einbeziehen wollen. In jedem Fall muss und wird das Bildungswerk die Gemeinden und andere jüdische Einrichtungen an der Planung intensiv beteiligen. Wir denken sogar über regionale Außenstellen in den Landesverbänden nach.

Inwiefern werden Sie die Themen Antisemitismus oder Israel inhaltlich aufgreifen?
Es wäre aus meiner Sicht wichtig, unseren Gemeindemitgliedern Argumente an die Hand zu geben, die ihnen bei der Abwehr von Antisemitismus und der Delegitimation Israels helfen können. Ich meine keine tagesaktuelle Polemik, sondern Hintergrundwissen, etwa, wenn die Schechita als barbarisch diffamiert wird oder jemand behauptet, Juden hätten in Israel einen Staat ge- gründet, ohne die historischen palästinensischen »Besitzer« des Landes zu fragen, dann müssen wir darlegen können: Die eigentlichen »Ureinwohner« des Landes Israel sind Juden, deren Präsenz in Kanaan seit 3.000 Jahren ununterbrochen nachgewiesen ist.

Wir haben zu 80 Prozent Zuwanderer in den Gemeinden. Sehen Sie eine politische Bildung vor?
Die Wissensvermittlung über das politische Leben und die demokratischen Strukturen in Deutschland sind eine wichtige Aufgabe für uns. Schließlich leben wir als Juden in diesem Land und wollen unsere Rechte und Pflichten als Bürger wahrnehmen. Ich glaube, dass die Gemeinden für Material – auf Deutsch und Russisch – dankbar wären.

Welchen zeitlichen Rahmen haben Sie sich für dieses Vorhaben gesetzt?
Wie gesagt: Wir haben schon einiges in der Planung. Auch die Gemeinden und Landesverbände haben bereits eine Grundlage, auf der wir aufbauen können. Außerdem müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Es gibt ausreichend gutes Material in den USA, Israel, aber auch in anderen jüdischen Gemeinden in Europa. Wir werden hier die Kooperation suchen und darüber hinaus selbst neue Ideen umsetzen. Wir sind als Zentralrats-Team gut aufgestellt, und meine eigenen Erfahrungen als Sozialpädagogin werde ich ebenfalls einbringen können. Ich bin überzeugt, dass wir Erfolg haben werden.

Mit dem Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden sprach Wladimir Struminski.

Vera Szackamer ist seit 2010 Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dort ist sie für den Bereich Bildung zuständig und wirkt in der Kultuskommission mit. Die Diplom-Sozialpädagogin ist darüber hinaus Mitglied der Integrations- und Rentenkommission. Vera Szackamer kommt aus München und ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

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