Porträt der Woche

»Wir waren unbedarft«

Jacob Gutmark ist forensischer Psychologe und blickt auf ein bewegtes Leben zurück

von Gerhard Haase-Hindenberg  03.03.2022 14:52 Uhr Aktualisiert

»Wenn ich gegen einen Täter eine Aversion entwickeln sollte, darf ich den Fall nicht annehmen«: Jacob Gutmark (83) lebt in Wiesbaden. Foto: Rafael Herlich

Jacob Gutmark ist forensischer Psychologe und blickt auf ein bewegtes Leben zurück

von Gerhard Haase-Hindenberg  03.03.2022 14:52 Uhr Aktualisiert

Vor 83 Jahren bin ich in der Hadassah-Klinik von Tel Aviv zur Welt gekommen. Meine Eltern waren als junge Menschen unabhängig voneinander von Polen aus ins britische Mandatsgebiet Palästina gereist und haben sich dort kennengelernt. Ich war dann deren erstes Kind, mein Bruder Ephraim ist neuneinhalb Jahre jünger als ich und lebt heute als berühmter Raumfahrtprofessor in Cincinnati in den USA.

Nach meiner Schulzeit war ich beim israelischen Militär. Danach habe ich einen Theaterkreis besucht, mit dem Ziel, Schauspieler zu werden. Am Cameri-Theater hatte ich eine Rolle bekommen, und danach am Ohel-Theater, das inzwischen nicht mehr existiert. In dieser Zeit zog ich auch mit meiner Gitarre herum, sang an verschiedenen Orten Lieder und habe noch ein wenig Geld eingesammelt.

rückfahrtticket Eines Tages bin ich mit einem Freund nach Europa aufgebrochen. Das machten viele damals. Wir hatten nicht viel Geld, aber offiziell durfte man aus dem Land ohnehin nur 100 US-Dollar ausführen und musste auf jeden Fall ein Rückfahrtticket mitkaufen. Um noch etwas Geld zu verdienen, habe ich einen Sommer lang in Eilat die Ladung von Schiffen gelöscht. Ganz tief im Schiffskörper habe ich Säcke oder getrocknete Felle auf Plattformen geladen, die dann nach oben gezogen wurden.

Es stellte sich heraus, dass ich kein guter Geschäftsmann war.

Schließlich bin ich mit diesem Freund von Haifa aus mit dem Schiff nach Marseille gefahren. Dort haben wir uns ein Auto gekauft, eine alte Karre, die kein anderer haben wollte. Sie schluckte viel zu viel Benzin. Wir aber haben uns das andrehen lassen. Damit sind wir durch halb Europa gefahren. Jeder von uns hatte eine Liste mit Adressen, wo man übernachten konnte. In Paris lebte eine Cousine meiner Mutter, mein Freund hatte Leute in Holland und Belgien. Oft haben wir auch im Auto geschlafen, er vorn und ich hinten.

Erst in Deutschland haben wir entdeckt, dass es Liegesitze hatte, die man umklappen konnte. Zunächst aber kamen wir gar nicht nach Deutschland hinein. An der Grenze musste man nämlich eine Versicherung für das Auto erwerben, aber wir hatten dafür nicht genug Geld. Ich erinnere mich, wie wir damals mitten im Winter 1960/61 durch Unmengen von Schnee nach Gent zurückfuhren. Dort nahm ich meine Gitarre, und wir liefen durch die Kneipen, haben gesungen. Das eingesammelte Geld reichte dann, um die Versicherung zu kaufen. So kamen wir nach Deutschland.

PARADIES Ich ging noch zur Schule, als Mitte der 40er-Jahre viele Waisenkinder aus Europa nach Palästina kamen. Wir erfuhren so, warum es viele jüdische Waisenkinder gab. Als mein Freund und ich nach Deutschland kamen, wussten wir also schon, was damals passiert war. Aber daraus erwuchs bei uns kein revanchistischer Gedanke. Wir waren junge Leute und ein bisschen unbedarft. Es ist auch gar nicht unsere Absicht gewesen, in Deutschland zu bleiben. Nicht weil es Deutschland war, sondern weil wir weiter nach Amerika wollten. Wir hatten viele Ideen für eine Zukunft dort.

Es war Ende der 50er-Jahre, und da konnte man in Israel nach dem Militärdienst noch nicht viel Geld verdienen. Die USA hingegen erschienen uns als ein Paradies. Zunächst aber war ich in Frankfurt. Ich erinnere mich, dass wir in eine Bar gingen, und der Chef sprach uns sofort auf Jiddisch an, was ich verstand, weil meine Eltern oft so sprachen. Von ihm erfuhren wir, dass es in Baumholder für uns Arbeit gebe. Das sei ein Ort in Rheinland-Pfalz, an dem Tausende von US-Soldaten stationiert seien. Dort gebe es eine Menge Bars und Nachtklubs, die von Israelis geführt würden. Also fuhren wir hin, und ich fing an, in einer dieser Bars zu arbeiten. Nach und nach habe ich eigene Klubs eröffnet, aber es stellte sich am Ende heraus, dass ich kein guter Geschäftsmann war.

Eines Tages traf ich einen Freund aus Tel Aviv, und der wollte eine deutsche Frau heiraten. Er bat mich, als Übersetzer für die Papiere zu fungieren, weil er glaubte, ich könne gut Deutsch. Dieser Irrtum fiel dann beim Besuch im Standesamt auf, und man holte eine junge blonde Dolmetscherin für Englisch. Ich übersetzte also vom Hebräischen ins Englische und sie danach ins Deutsche. Diese junge Dolmetscherin wurde später meine Frau, und sie ist es bis heute.

Nachdem ich mit meinen Unternehmen nicht erfolgreich war, zogen wir Mitte der 60er-Jahre nach Wiesbaden und bekamen zwei Söhne. Obgleich die Jungen da halachisch noch keine Juden waren, habe ich den Arzt jedes Mal gebeten, eine Beschneidung vorzunehmen. Als unsere Söhne dann in die Schule gingen, hat meine Frau sie zum jüdischen Religionsunterricht begleitet. Sie lernte den Lehrer kennen, auch dessen sehr religiöse Ehefrau, und sie beschloss zu konvertieren.

GITARRE Ich hatte damals noch ein bescheidenes Lokal in Wiesbaden, in dem Studenten aus Frankfurt vorbeikamen. Ich sang Lieder zu meiner Gitarre, und es wurde nächtelang gefeiert. Im Jahr 1972 habe ich dann selbst angefangen zu studieren – dem Zeitgeist gemäß Psychologie. Ein Fach, aus dessen Geschichte bekanntlich jüdische Wissenschaftler gar nicht wegzudenken sind. Auch der Institutsleiter an der Uni in Mainz, wo ich studierte, er hieß Werner D. Fröhlich, war ein Jude.

Die traditionell jüdische Präsenz in diesem Studienfach hat mich fasziniert. Zwei Jahre lang hatte ich neben dem Studium noch mein Lokal. Als ich es aufgab, trat meine Frau in einem Krankenhaus eine Stelle als Chefsekretärin an. Aber ihr Verdienst hat nicht gereicht, und so nahm ich das Angebot an, eine Großdiskothek zu leiten. Bis spät nachts war ich damit beschäftigt, und morgens ging’s an die Uni.

Auch wenn ich furchtbare Sachen gelesen habe, gelingt es mir, eine sachliche Beurteilung abzuliefern.

Dort habe ich dann verschiedene Therapietechniken gelernt, wie ich sie später angewandt habe. Denn obwohl ich oftmals nur drei Stunden Schlaf bekam, habe ich schließlich mein Diplom bestanden. Da war ich schon 40 Jahre alt und hatte nicht damit gerechnet, noch eine Anstellung zu bekommen.

GUTACHTEN Ich habe sogar noch in Naturwissenschaften promoviert, was voraussetzte, dass man neben dem Psychologiestudium auch eine Weile in einem naturwissenschaftlichen Fach studiert hat. Bei mir war das Biologie. Schließlich fand ich Arbeit als Psychologe an einer Klinik in Wiesbaden. Mein Aufgabengebiet umfasste Psychotherapien, Gesundheitsaufklärung und Entspannungstechniken.

Noch an der Uni hatte ich Professor Johann Glatzel kennengelernt. In dieser Zeit leitete er die forensische Abteilung in der Psychiatrie. Bevor ich nach 14 Jahren die Klinik verließ, habe ich wieder mit ihm Kontakt aufgenommen. Er gab mir nun regelmäßig Aufträge für testpsychologische Gutachten, die ich dann für ihn erstellt habe. Drei Jahre haben wir eng zusammengearbeitet. Durch ihn habe ich das Handwerk der forensischen Psychologie gelernt. Im Ergebnis ging es um die Einschätzung einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit, also um die Schuldfähigkeit von Straftätern etwa bei Tötungsdelikten, aber auch bei anderen Gewalttaten wie Raubüberfällen.

Ich habe dann auch Lehrstunden gehalten, wie zum Beispiel bei angehenden Juristen, über Sachverhalte in der Forensik. Nach einer Weile habe ich mich dann selbstständig gemacht als Psychologe und mich auf Prognosegutachten spezialisiert. Es galt zu beurteilen, ob ein Strafgefangener wieder für die Gesellschaft tauglich ist und entlassen werden kann. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe besteht für sie ein Recht, das überprüfen zu lassen. Für mich bedeutete das, die Akten zu studieren, die Straftäter aufzusuchen, um psychologische Tests durchzuführen und mir eine Meinung zu bilden.

TÄTER Diese psychologische Tätigkeit übe ich nach wie vor aus, wenngleich ich hin und wieder einen Fall ablehne. Und falls ich beim Aktenstudium gegen einen Täter eine Aversion entwickeln sollte, darf ich den Fall ohnehin nicht übernehmen. Mein subjektives Empfinden darf in ein solches Gutachten nicht einfließen. In der Regel aber kann ich mich sehr zurückhalten.

Auch wenn ich furchtbare Sachen gelesen habe, gelingt es mir, eine sachliche Beurteilung abzuliefern. Und obgleich es schon 83 Jahre her ist, seit ich in der Hadassah-Klinik von Tel Aviv das Licht der Welt erblickte, habe ich aktuell wieder Aufträge angenommen. Diese berufliche Tätigkeit aber halte ich streng getrennt von meinen Funktionen im jüdischen Gemeindeleben in Wiesbaden.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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