ZWST-Seminar

Wir sind viele

Eine lebhafte Diskussionskultur scheint das Markenzeichen der Veranstaltungen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) geworden zu sein. So auch am vergangenen Wochenende in Berlin anlässlich des Seminars »2 Juden – 3 Meinungen«.

Mehr als 30 junge jüdische Erwachsene im Alter zwischen 18 und 35 Jahren aus Gemeinden in ganz Deutschland waren zusammengekommen, um sich über ein Thema auszutauschen, das offensichtlich allen unter den Nägeln brennt: die verschiedenen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und die Frage, wie man Menschen mit oft sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen sowie Vorstellungen von Religion eine Heimat bieten kann – kurzum: Pluralität in den Gemeinden.

Wie die »anderen« die jüdische Gemeinschaft sehen, darauf ging der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann ein. In seinem Vortrag »Die jüdische Gemeinschaft in den Augen der ›anderen‹« ein: Dass auch Journalisten zu der Wahrnehmung von jüdischem Leben ihren Teil beisteuerten, war nur eines seiner Anliegen. Texte zu jüdischen Themen müssten eben nicht immer mit »Kippot, Davidsternen oder schwarz gewandeten Rabbinern« bebildert sein, wenn man jüdisches Leben in Deutschland präsentieren wolle, betonte er.

Die deutsche Öffentlichkeit müsse sich daran gewöhnen, »dass jüdische Menschen Menschen wie alle anderen auch sind«. Projekte des Zentralrats wie zum Beispiel »Likrat« oder auch die gemeinsame Projektarbeit mit der Kultusministerkonferenz zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule würden dabei helfen, »das Bild der jüdischen Gemeinschaft und die Kenntnis über jüdisches Leben in Deutschland diesbezüglich zu verändern und damit auch den Blick ›der anderen‹ auf die jüdische Gemeinschaft realistisch« zu gestalten.

Generation »Mit unseren Veranstaltungen wollen wir dazu den notwendigen Input liefern«, skizziert ZWST-Projektleiterin Sabine Reisin das Ziel. »Wir sprechen damit ganz konkret die jüngere Generation an, die in den Startlöchern steht, um in unseren Gemeinden Verantwortung zu übernehmen.« Aber auch die, die bis dato vielleicht noch zögern oder womöglich skeptisch sind, will sie mit Seminaren wie diesem in Berlin erreichen. »Sie alle sollen Kompetenzen erhalten und motiviert werden, sich zu engagieren und als Juden auch in der Außenwelt Stellung zu beziehen. Uns ist es einfach sehr wichtig, dass niemand verloren geht.«

Denn wie die aktuellen Statistiken zeigen, gibt es in Deutschland ein Generationenproblem. Deswegen müssten neue Konzepte entwickelt werden, um die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft langfristig zu sichern. Foren zu schaffen, die es ermöglichen, auch unkonventionelle Ideen auszuloten, sei da nur eine Maßnahme.

Entsprechend standen bei dem Seminar Themen wie »Religiös-säkulares Judentum oder die Notwendigkeit eines neuen Dialogs zwischen religiösen und säkularen Juden« mit Rabbinerin Elisa Klapheck als Referentin oder »Strömungen im Judentum und ihre Antworten auf aktuelle Gegenwartsfragen, präsentiert von Daniel Korn, auf dem Programm.

Über «Traditionelles Judentum: Eine Religion für Erwachsene» sprach Rabbiner Daniel Fabian, der sowohl aus religionsphilosophischer als auch aus einer psychologischen Perspektive das Spannungsfeld zwischen emotionaler Zugehörigkeit, intellektueller Überzeugung und persönlichen Freiheiten im Judentum umriss. Was vielleicht erst einmal sehr trocken und akademisch klingt, lieferte aber, da sich viele junge Erwachsene angesprochen fühlten, reichlich Stoff für Diskussionen, die sich bis in den späten Abend hineinzogen.

Vaterjuden Vor allem das von der Medienwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg geleitete Gespräch «Offene Fragen. ›Vaterjuden‹ und gemischte Familien» bewegte die Teilnehmer und verlief äußerst lebhaft. Dabei waren sich fast alle einig, dass es notwendig sei, entgegen der vielerorts praktizierten Politik in den Gemeinden, Menschen, die halachisch als nicht jüdisch gelten, eine positivere Haltung entgegenzubringen, ihnen die Türen nicht zu verschließen oder zumindest den Giur zu erleichtern.

Auch im Umgang und der Integration von homo- und transsexuellen Menschen in das Gemeindeleben wünschte man sich eine entspanntere Haltung. «Ich bin doch sehr überrascht, mit welcher Offenheit hier auf dem Seminar Themen zur Sprache kommen, die vor wenigen Jahren definitiv noch ein Tabu waren», bringt stellvertretend für viele Felix aus Bamberg die Stimmung auf den Punkt. «Es hat mich wirklich gefreut, zu sehen, dass nicht nur vor Ort in den Gemeinden, sondern auch bei der ZWST und anderen Dachverbänden das Thema Pluralismus vorangetrieben wird», sagt auch ein Student aus Mannheim.

Campus Den Blick über den nationalen Tellerrand wagte Benny Fischer mit seinem Beitrag «Jung und jüdisch – die Zukunft der Gemeinden?». Als Präsident der European Union of Jewish Students und Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verwies er auf das Pluralitätsverständnis in anderen Ländern, beispielsweise auf dem Campus so mancher Universität in den USA.

Seinen Beobachtungen zufolge pflegen orthodoxe, liberale und konservative Studenten dort ein Miteinander, das die Regeln und Traditionen der anderen respektiert, ohne zugleich ihre Freiheiten in irgendeiner Form einzuschränken. Dabei steht für Fischer das Modell der Einheitsgemeinde keinesfalls zur Disposition. Für ihn ist das alles eine Frage von Empowerment – und genau das ist die Absicht des Seminars.

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