Porträt der Woche

»Wir machen das zusammen«

Shirly Dorn studiert im ersten Semester Medizin und hilft ehrenamtlich bei Corona-Tests

von Annette Kanis  31.01.2021 08:14 Uhr

»Meine Abiturzeit war von Corona geprägt«: Shirly Dorn (19) lebt in Düsseldorf. Foto: Jochen Linz

Shirly Dorn studiert im ersten Semester Medizin und hilft ehrenamtlich bei Corona-Tests

von Annette Kanis  31.01.2021 08:14 Uhr

Medizin war mein Traum, schon als ich klein war. Ich möchte gerne Kinderärztin werden. Zum einen mag ich das Arbeiten mit Kindern, zum anderen habe ich ein großes Interesse an der Medizin entwickelt. Beides zu vereinbaren, klingt für mich wie ein Traum. Deswegen hatte ich auch als Leistungskurs Biologie. Mein anderes Leistungskursfach war Englisch, weil ich schon wusste, ich würde wahrscheinlich im Ausland studieren. Letztes Jahr habe ich Abitur gemacht, und im September hat mein Medizinstudium in Vilnius begonnen.

Uni Seit November bin ich aber wieder zurück in Düsseldorf, weil aufgrund von Corona die Uni geschlossen wurde und der Unterricht online stattfindet. Neben dem Lernen helfe ich jetzt in unserem Elternheim, dem Nelly-Sachs-Haus, bei den Corona-Testungen der Besucher und Mitarbeiter. Meine Schwester, die Zahnmedizin studiert, und ich machen das zusammen, ich morgens und sie nachmittags.

Als ich nach Vilnius kam, war die Umstellung groß, da ich aus einem Haus komme, das ständig laut ist mit vielen Geschwistern und viel Besuch. Traditionell treffen wir uns jeden Freitagabend mit der gesamten Familie, auch mit Cousins und Großeltern, zum Schabbatbeginn, und in Vilnius war ich freitagabends eben ganz alleine.

Sehr, sehr schön aber ist: Meine beste Freundin, mit der ich seit meinem zwölften Lebensjahr ganz eng bin, studiert auch in Vilnius. Sie kommt aus Berlin, ich habe sie auf Machane kennengelernt. Wir haben damals schon davon geträumt, irgendwo gemeinsam Medizin zu studieren.

Semester Freundschaften konnte ich in den ersten Wochen in Vilnius auch superschnell schließen, dort sind irgendwie alle Semester miteinander verbunden und befreundet. Und dann war auch noch Rosch Haschana. Da wurde ich von jüdischen Organisationen eingeladen – das war ein schöner Anknüpfungspunkt für mich, dadurch kam ich mit der jüdischen Community dort in Verbindung.

Meine langjährige beste Freundin studiert auch in Vilnius.

Bevor ich nach Vilnius gezogen bin, war ich Jugendleiterin in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und für die Zentralwohlfahrtsstelle. Früher als Kind war ich immer Teilnehmerin an den Jugendfreizeiten und später dann selbst Jugendleiterin. Das ist wirklich ein großer Teil meiner Identität, es macht mich auf jeden Fall aus, ich lebe dafür.

Zum ersten Mal in der Geschichte konnte es jetzt kein Winterferienlager geben, das war für uns alle ganz hart, aber wir haben etwas sehr Schönes daraus gemacht. Wir haben die Machanot online angeboten, und ich konnte sie mitgestalten. Mehr als 300 Kinder waren täglich dabei. Morgens fing es an mit gemeinsamem Gebet, dann haben wir Sport gemacht, gebastelt, uns unterhalten.

JUDENTUM Das Judentum spielt eine ganz wichtige und essenzielle Rolle in meinem Leben. Eigentlich habe ich keine strenge religiöse Erziehung genossen, aber meine Erziehung ist jüdisch geprägt, und ich hatte schon immer ein großes Interesse am Judentum, an unserer Geschichte. Häufig setze ich mich heute noch abends mit meinem Vater zusammen, und wir reden, philosophieren und diskutieren.

In der Jugendarbeit ist es mir wichtig, dass man neben dem Spaß, den man mit den Kindern hat, auch jüdische Werte vermittelt. Ich bin der festen Überzeugung, dass generell die Tora, aber auch die anderen Schriften darauf aus sind, uns zu guten Menschen zu machen. Das versuche ich, den Kindern mit auf den Weg zu geben: wie man ein guter Mensch sein kann und dass es in der Religion von uns erwartet wird.

Religion ist für mich kein stures Auswendiglernen, sondern ich finde es faszinierend, dass schon vor 3000 Jahren Menschen gesagt haben, man soll nicht nachtragend sein. Dieses Thema habe ich kürzlich mit den Kindern behandelt. Wenn ich mit den Kindern darüber philosophiere und einen Text Wort für Wort auseinandernehme, bin ich immer wieder erstaunt, was man da alles gemeinsam herausholen kann. Grundsätzlich finde ich den Wert wichtig, wie man die beste Version von sich selbst sein kann – und das bezogen auf unsere Geschichte und unsere Leitgedanken der Religion. Und ich liebe unsere Traditionen.

SCHULZEIT Mein Freundeskreis in Düsseldorf ist jüdisch geprägt, und durch die Jugendfreizeiten habe ich gute Freunde in ganz Deutschland. Für die Oberstufe hatte ich innerhalb von Düsseldorf das Gymnasium gewechselt. Zum einen war da der geografische Aspekt, weil wir viel näher an der neuen Schule, dem Leibniz-Montessori-Gymnasium, wohnen und ich wusste, in der Oberstufe werde ich immer wieder Freistunden haben. Und zum anderen wollte ich einen Neustart.

Ich habe das Gefühl, dass das Schulsystem von Schubladendenken geprägt ist. Ich war nicht superschlecht, aber ich war auch nicht so gut, um Medizin zu studieren. Und in der Mittelstufe dachte ich mir schon, wenn du weiter eine Zweier- und Dreierkandidatin bleibst, dann wird das nichts. Daraufhin habe ich mich mehr angestrengt, aber ich hatte oft das Gefühl, die Lehrer wollten mir aus Prinzip keine besseren Noten geben. Ich war generell unglücklich mit den Lehrern dort.

Hinzu kommt, dass ich auch schlechte Erfahrungen gemacht habe. In der fünften Klasse zum Beispiel, da bekam ich für ein Referat ein Thema, das ein anderer haben wollte. Und dann sagte er etwas wie: »Hitler hätte euch alle vergasen sollen.« Das war das Härteste. Außerdem störte mich, dass immer, wenn ein Referat über Judentum oder Israel gehalten werden sollte, ich das machen sollte – für mich ist das Antisemitismus.

Ich war natürlich am Boden zerstört, dass uns wegen Corona Sachen genommen wurden wie Motto-Woche oder Abiball.

Bis heute war es die beste Entscheidung, für die Oberstufe auf das andere Gymnasium zu wechseln. Ich war superglücklich dort, ich habe mich dort auch wohler gefühlt. Von Anfang an habe ich mich angestrengt und einen guten Eindruck gemacht, habe Referate gehalten, und so kam ich raus aus der schlechteren Schublade. Man hat mir auch mehr zugetraut. Und ich hatte das Gefühl, ich wurde mehr toleriert. Vonseiten der Mitschülerinnen und Mitschüler gab es interessante Nachfragen zu meinem Judentum, aber keine komischen Bemerkungen wie vorher.

Meine Abiturzeit war dann von Corona geprägt. Ich bin ein sehr selbstständiger Lerntyp, mir kam es entgegen, dass ich mich zu Hause einsperren und entscheiden konnte, wann ich anfange zu lernen und wie viel ich lerne. Das war cool, und ich habe mich auch gefreut, mich intensiv auf die Prüfungen vorzubereiten. Auf der anderen Seite war ich natürlich am Boden zerstört, dass uns Sachen genommen wurden wie Motto-Woche oder Abiball.

SEHNSUCHTSORT Ich habe eine jüngere und eine ältere Schwester, sie sind meine besten Freundinnen. Geboren bin ich in Köln, aber aufgewachsen bin ich in Düsseldorf. Meine Eltern haben hier ein familiengeführtes Hotel. Gerade dieses Familiäre, den Kontakt zu den Gästen, finde ich sehr schön. Ich arbeite zwar gerne mit Menschen, es ist nicht so, dass ich das nicht interessant finden würde, aber ich habe diese Version von mir im Beruf der Kinderärztin. Mit dem Gedanken bin ich ganz fest und glücklich.

Wo ich später leben werde, ist auf jeden Fall noch offen, aber ich spiele schon seit meiner frühesten Kindheit mit dem Gedanken, mal in Israel zu leben. Für mich ist es meine Heimat, ein Sehnsuchtsort. Meine Eltern versuchen, so häufig wie möglich mit uns dorthin zu fliegen.

Ich träume davon, mit meiner ganzen Familie in Israel zu leben.

Wir haben eine Wohnung in Tel Aviv, wir müssen also nichts mieten oder teure Hotels bezahlen. Weil ich jetzt lange durch Corona nicht dort war, habe ich wirklich so eine schmerzhafte Sehnsucht nach dem Land. Ich kann das gar nicht mit Worten beschreiben. Ich bin dort nicht aufgewachsen, ich spreche die Sprache nicht perfekt, aber es ist einfach ein Heimatgefühl.
Aber ich denke auch, es ist schwer, dort zu leben, weil es doch ein recht teures Land ist. Ich weiß nicht, ob ich meinen Kindern denselben Lebensstandard bieten könnte, den ich ihnen hier mit demselben Beruf bieten könnte.

Wenn ich eine ideale Welt sehen würde, ohne über Geld und solche Sorgen nachzudenken, sehe ich mich mit meiner Familie, mit meinen vier Kindern, in Israel in einem Haus, das unmittelbar neben den zwei Häusern meiner beiden Schwestern und deren Kindern steht. Und ein Haus meiner Eltern ist auch in der Nähe. Wir haben einen Garten, der ist verbunden mit uns allen, und darin steht eine riesige Tafel. Jeden Freitag treffen wir uns alle dort und haben unseren Schabbatabend. Und: Wir haben ein Gemeinschaftspraxishaus – ich bin in der Mitte die Kinderärztin, meine große Schwester ist als Zahnärztin oben drüber und meine kleine Schwester als Tierärztin unten drunter. So sehen wir uns jeden Tag und sind viel zusammen. Das ist meine Traumwelt von der Zukunft.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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