Berlin

Wie’s Brezelbacken

Oren Dror ist in Tel Aviv geboren, kam vor elf Jahren eher durch Zufall in die Stadt. Jetzt sagt er: »Ich bin ein Berliner.« Foto: Stephan Pramme

Nach Meinung des Instituts für die Qualitätssicherung von Back‐waren (IQBack) kommen die besten Brezeln Deutschlands aus Heidelberg. Wie das Zeit‐Magazin in der vergangenen Woche berichtete, erhielten dort im vergangenen Jahr vier Hersteller eine Auszeichnung für ihr Laugengebäck. Ungeachtet dieser Statistik der freiwilligen Bäcker‐Kontrolle ist sich Oren Dror absolut sicher, dass »die besten Brezeln Berlins« aus Kreuzberg kommen.

Vor knapp einem Jahr hat der Israeli seinen Laden in der Friesenstraße eröffnet, mittlerweile verkauft er dort bis zu 3.000 Stück pro Tag. Er beliefert Bäckereien und Privathaushalte, und auch für die Berlinale gingen Bestellungen bei ihm ein.

Man kann sagen, dass Oren Dror mit seinen 32 Jahren eine ganz besondere Beziehung zu Brezeln pflegt. Die Teigrollen aus Laugenteig mit Salz, Schokosoße oder Butter obendrauf haben es ihm angetan.

Eigentlich wollte er nie nach Berlin, sondern nach Amsterdam. »Wir feiern da Silvester, aber machen ‘nen kurzen Zwischenstopp in Berlin«, sagte ein Freund damals zu ihm. Aus dem Zwischenstopp sind mittlerweile elf Jahre geworden. Amsterdam hat Oren bis heute nicht gesehen. »Ich bin ein Berliner«, sagt er, lacht, und setzt sich an einen der zierlichen Tische in der »Brezel Bar«. Der Sohn einer jemenitisch‐deutschen Familie wuchs in Tel Aviv auf.

Sein Großvater Heinz Wolf war in Hamburg ge‐
boren und 1941 nach Schanghai geflüchtet. 1951 wanderte er nach Israel aus. Der heute 86‐Jährige ist stolz auf seinen Enkel. »Ich war der Erste in der Familie, der Deutsch bei uns lernte«, sagt Oren und rührt in seinem heißen Orangensaft.

Karriere Oren Dror ist zierlich, die dunklen Haare locken sich auf dem Kopf, die ausgeprägten Lippen schnellen hoch und runter beim Sprechen. Er kam 2000 nach Berlin, mietete sich ein Zimmer in der Danziger Straße in Prenzlauer Berg – »graue Ödnis, Häuserfassaden und eine Tram, die direkt vor meinem Fenster hielt«. Oren machte einen Sprachkurs und verliebte sich in eine Deutsche. Für sie schrieb er sich in Betriebswirtschaftslehre ein, an der Universität in Freiberg. Doch BWL war nichts, stattdessen jobbte er jahrelang als Tellerwäscher und Kellner.

Ein Freund brachte ihn dazu, Brezeln in großen Körben zu verkaufen. Man kennt die Brezelverkäufer, die vor der Oper oder dem Hotel stehen und Kunden ihre Ware anbieten. Bei Oren war es auch so, aber bald hatte der Israeli ein dichtes Netzwerk aufgebaut. 2003 begann der Boom der Strandbars in der Stadt, und er ließ sich die Chance nicht entgehen: Immer wenn ein Laden neu aufmachte, war er der Erste vor Ort.

Bald hatte er Verträge mit den Gastronomen abgeschlossen und 16 Mitarbeiter. Die Zahl hat sich bis heute nicht geändert. Die Brezel‐Vormachtstellung erweiterte er schließlich um Catering‐Angebote. In der hüpfenden Technomasse zwischen Großem Stern und Ernst‐Reuter‐Platz aßen die Love‐Parade‐Teilnehmer Brezeln und tranken Caipirinha. Hinzu kam die gastronomische Versorgung in der Columbia‐Halle bei Konzerten, die Oren bis heute macht.

Lounge Die »Brezel Bar« ist auch Leselounge. Am Eingang gegenüber der gläsernen Vitrine stehen Magazine und Tageszeitungen in einem Hängeregal. Ein paar Bücher stapeln sich auf freskenartigen Eckpfeilern unter der Decke. Unerreichbar, aber vorhanden. Ob jemand lesen möchte oder nicht, sei gar nicht so wichtig, sagt Oren: »Die Leute sollen sich wohlfühlen und das machen, worauf sie Lust haben.« Aber die Angebote seien eben entscheidend.

Im gesamten Laden, der einer schlauchförmigen Einzimmer‐Wohnung gleicht, gibt es allein 20 Steckdosen, W‐Lan für alle. Die Wände erinnern an bessere Zeiten – oben kahl, irgendwie abgewetzt, unten eine Tapete mit prächtigen dunkelblauen Emblemen. So als hätte jemand versucht, einen Ballsaal zu kreieren und es sich dann doch noch anders überlegt.

»In dieser Bar ist alles vereint, was Berlin für mich ist: Hausbesetzerszene, aber auch Prunk und Hotel Adlon«, sagt Oren. An den Wänden hängen bunte Collagen einer dänischen Künstlerin. Die Ausstellungen wechseln alle sechs Wochen. Also nichts da mit Zufällen, alles hat seinen Sinn.

Freunde Im Bergmannkiez ist Oren bekannt wie ein bunter Hund. Auf dem Weg zu seiner Bäckerei um die Ecke grüßt er Männer und Frauen. Motka, seine Labrador‐Golden‐Retriever‐Hündin, wedelt dabei freudig mit dem Schwanz.

Oren schließt die Eingangstür auf. Eine Menora steht auf dem Wandregal. »Die hab ich hier in Berlin gefunden«, sagt Oren fast entschuldigend und lächelt. Religiös ist er nicht, aber »eine emotionale Bindung zu meinem Jüdischsein habe ich schon«. Dennoch, im Gegensatz zu vielen anderen Israelis in der Stadt hat Oren kaum jüdische Freunde. »Zu Anfang wollte ich das nicht, ich wollte Abstand zu Israelis«, sagt er. Jetzt freue er sich darüber, wenn er andere Israelis kennenlerne. Wichtiger sei ihm aber der Mensch an sich, sagt er.

Das wird auch deutlich, wenn er über soziale Verantwortung redet, über Bio‐Milch und Nachhaltigkeit. Im März will Oren daher ganz Kreuzberg mit Biomilch‐Cappuccinos beglücken. Aber das Brezelbacken bleibt seine Hauptbeschäftigung. Die Kunden freut’s: »Zwei mit Butter, bitte«, sagt eine Frau in der Bar und steckt die Tüte dann in ihren Beutel.

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