Statistik

Wie viele sind es wirklich?

3000 oder 30.000? Die Schätzungen liegen weit auseinander. Foto: Montage: Marco Limberg

Freitagabend in Prenzlauer Berg: In den Imbissen rund um den U-Bahnhof Eberswalder Straße versorgen sich Nachtschwärmer mit einer festen Grundlage für das anstehende Partyprogramm, darunter auch die beiden jungen Israelis Tal und Lea. Seit einer Woche sind sie zu Besuch in der Stadt – viele ihrer Freunde leben in Berlin. »Das Nachtleben hier ist einfach unglaublich günstig«, sagt Tal. Lea pflichtet ihm bei: »Alles hier ist billiger als bei uns zu Hause.« Sie könne schon verstehen, warum zahlreiche Israelis – zumindest vorübergehend – nach Berlin ziehen.

Doch wie viele gehen diesen Schritt tatsächlich? In den vergangenen Wochen ist viel über die Zahl der Israelis in Berlin berichtet worden, ausgelöst durch einen Schokopudding aus einem Weddinger Supermarkt. Der Israeli Naor Narkis hatte ein Foto davon bei Facebook zusammen mit dem Kassenbon gepostet. 19 Cent kostete der Becher, ein Bruchteil dessen, was man in Israel bezahlen müsste. Narkis verband sein Posting mit dem Aufruf, nach Berlin auszuwandern.

zweitpass Seither tobt eine Diskussion, in die sich allerhand Zahlen mischen. So schrieb etwa die »Berliner Zeitung« von 20.000 Israelis in Berlin, der deutsche Botschafter in Israel, Andreas Michaelis, sprach von 17.000, und die »Süddeutsche Zeitung« nannte in einem Artikel gleich 30.000. Gemein haben diese Angaben, dass sie grobe Schätzungen sind. Denn nicht alle Israelis müssen sich in der hiesigen Botschaft melden, viele besitzen einen europäischen Zweitpass, mit dem sie einreisen, und etliche israelische Studenten melden sich nicht offiziell bei der Stadt an. Die Suche nach einer belastbaren Zahl wird so zur umständlichen Spurensuche.

Den Anfang macht eine Anfrage beim Berliner Senat: Hier greift man auf die Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg zurück, denen zufolge zum Stichtag 30. Juni 2014 3655 israelische Staatsbürger in der Stadt lebten. Minimal höher wird diese Zahl, wenn man beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachfragt: Laut der Behörde lebten 3681 israelische Staatsangehörige zum Stichtag 30. November 2014 in Berlin, in ganz Deutschland seien es 11.858. Aus den bereits genannten Gründen können diese Angaben als Mindestgrößen gesehen werden.

Auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin kann nicht mit Gewissheit sagen, wie viele Israelis wirklich in Berlin wohnen. So erklärt ihr Pressesprecher Ilan Kiesling, dass die Synagogen der Gemeinde keine Statistiken bezüglich ihrer Beter führten. »Die meisten der aus Israel nach Berlin gezogenen Israelis sind jedoch eher säkular und besuchen nur selten eine Synagoge«, weiß Kiesling. Zudem nähmen viele Israelis die Gemeinde – abgesehen von Kulturveranstaltungen und Feiern – als rein religiöse Institution wahr. Dies ändere sich meist erst, wenn die Kinder einen Kita- oder Schulplatz brauchen.

Stammtisch Für den 64-jährigen Berliner Ilan Weiss gibt es allerdings noch einen anderen Grund, warum die Jüdische Gemeinde und die zugezogenen Israelis eher wenige Berührungspunkte haben. »Die Gemeinde hat kein Interesse an der Eingliederung der Israelis«, meint Weiss. Vor einigen Jahren gründete der Versicherungsmakler deshalb einen Stammtisch für Israelis in Berlin und erstellte eine Website sowie eine Facebook-Gruppe für die Zugezogenen. Für sie würde er sich ein stärkeres Engagement der Gemeinde wünschen, etwa in Form von Ateliers für israelische Künstler.

Zu diesen zugezogenen Künstlern gehört auch Ruthe Zuntz. Sie kam bereits vor 23 Jahren nach Berlin und geht von 15.000 Israelis in der Stadt aus. Die Fotografin hatte zu Beginn kaum Kontakt zur israelischen Community, doch seit der Geburt ihrer Tochter hat sich das geändert. Ihr ist es wichtig, dass diese mehr über ihre Herkunft Bescheid weiß und auch Iwrit spricht. Ruthe Zuntz’ Eindruck ist, dass die israelische Gemeinschaft stetig wächst. »So oft wie zurzeit habe ich in Berlin noch nie Hebräisch gehört!«

Dass die Pudding-Diskussion nun so hohe Wellen schlägt, hat für sie vor allem einen Grund: »Israel hat gemessen an der Einwohnerzahl eine unglaublich hohe Dichte an Journalisten.« Entsprechend schnell wird ein Thema zum Hype, ist sie überzeugt. Dabei stehe Berlin auch in anderen Ländern sehr hoch im Kurs, darüber werde aber weniger berichtet. Diese Urbanität macht für sie die Attraktivität der Stadt aus: »In Berlin wirkt es wie in New York oder Tel Aviv so, als könne man noch ein Kapitel der Geschichte mitschreiben.«

Internationalität Ähnlich äußert sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit: »Berlin ist eine Stadt, die momentan Menschen aus aller Welt magnetisch anzieht.« Im Falle der hinzugezogenen Israelis sei das vor dem Hintergrund der Geschichte alles andere als selbstverständlich. Warum die Stadt derzeit bei ihnen so angesagt sei, könne er jedoch nicht sagen: »Es werden letztlich aber die gleichen Gründe sein, die auch für junge Menschen aus vielen anderen Ländern gelten: Hier gibt es Entwicklungsmöglichkeiten zu bezahlbaren Bedingungen, die Internationalität der Stadt ist anregend, ihr Kulturangebot sowieso.« In Berlin werde nicht gefragt, wo jemand herkomme, sondern wo jemand hinwolle.

So oder so geht der Trend nach oben, bestätigt auch die Israelische Botschaft in Berlin und zitiert Schätzungen in einer Größenordnung von 15.000 bis 20.000. Auch Chabad Lubawitsch schätzt die Zahl der Israelis auf 20.000. »Es ist aber sehr schwer, das genau zu sagen«, betont Evgenia Pipenko, Pressesprecherin von Chabad Berlin. Dennoch bietet die orthodoxe Gemeinde für die Israelis ein spezielles Programm an. So gibt es für sie am Alexanderplatz einen eigenen Treff samt Gottesdienst und Festen zu den Feiertagen.

Nicht das einzige Angebot: Auf vielen Facebook-Seiten werden Tipps und Tricks ausgetauscht. Und mit »Spitz« gibt es sogar ein eigenes hebräisches Stadtmagazin. Dessen Chefredakteurin Tal Alon hält die derzeitig in den Medien genannten Zahlen für falsch: »Menschen, die die israelische Community wirklich kennen, gehen davon aus, dass sie nicht größer als 10.000 ist.«

Mehr als 6000 seien registriert, hinzu kämen rund 4000, die einen europäischen Zweitpass hätten. Selbst, wenn diese Kalkulation zu 50 Prozent falsch sei, käme man nur auf 15.000, betont Alon. »Ich glaube, dass jede höhere Angabe übertrieben ist.«

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Frankfurt

Erst Rivalinnen, dann Freundinnen

Israelische Nachwuchsfußballerinnen aus sieben Jugenddörfern spielen gegen Makkabi

von Katja Sturm  08.10.2026

Münster

Rote Linien für die Roten

Bei einer Veranstaltung mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi und Zentralratspräsident Josef Schuster verspricht Gregor Gysi, innerhalb der Linken klare Grenzen gegen Antisemitismus zu ziehen

von Stefan Laurin  08.10.2026

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026