ZWST

Wie rechts ist Rechts?

Der Jurist und Journalist Ronen Steinke Foto: RS

ZWST

Wie rechts ist Rechts?

Junge jüdische Erwachsene kamen in Berlin zusammen, um über den Umgang mit der AfD zu diskutieren

von Ralf Balke  07.10.2018 10:13 Uhr

Manchmal kommt es vor, dass die Organisatoren eines politischen Seminars von den aktuellen Ereignissen geradezu überrollt werden und nicht ahnen konnten, wie aktuell ihr Thema plötzlich sein wird. »Schließlich haben wir bereits vor über einem Jahr beschlossen, dass der Aufstieg der AfD sowie das Phänomen der Neu-Rechten Gegenstand unserer Bildungsarbeit mit jungen jüdischen Erwachsenen sein sollte und mit den Planungen begonnen«, skizzierte Sabine Reisin die Ausgangslage.

»Konkreter Grund dafür war damals der Einzug der AfD in den Bundestag«, so die Organisatorin von Seminaren zu sozialpolitischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). »Dann aber kam es zu den Ausschreitungen in Chemnitz. Und zuletzt sorgte die Meldung, dass nun ein Arbeitskreis für jüdische AfD-Mitglieder gegründet werden soll, für Aufregung und Irritationen.«

lebhaft All das liefert viel Stoff für lebhafte Diskussionen. Genau deshalb hatte die ZWST am Wochenende in Berlin Experten eingeladen, um unter dem Tagungsthema »Rechtspopulismus. Aufstieg der Neu-Rechten in Deutschland und Europa« über das komplexe Thema Juden und die neuen rechtspopulistischen Bewegungen fundierten Input zu liefern und Fragen zu beantworten.

Den Hauptvortrag des Seminars hielt Ronen Steinke, Buchautor und Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« mit dem Schwerpunkt Innenpolitik. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher Der Muslim und die Jüdin. Die Geschichte einer Rettung in Berlin und Fritz Bauer: oder Auschwitz vor Gericht. Die Biografie über Bauer, den mutigen Ermittler und Ankläger der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, wurde preisgekrönt verfilmt und erhielt mehrere Auszeichnungen.

»Falsche Freunde – warum die AfD sich besonders um jüdische Wähler bemüht«, lautete nun der Titel seines Vortrags bei der ZWST. Ihm war es wichtig zu zeigen, warum die AfD im Unterschied zu den zahlreichen anderen rechten Parteien in der Vergangenheit sich nicht als Eintagsfliege erweisen sollte und wie in diesem Kontext die jüdische Gemeinschaft ins Spiel kommt.

bürgerlich »Zum einen haben ihre Akteure es geschafft, nach außen ein bürgerliches Erscheinungsbild aufzubauen«, erklärte Steinke. Ideologisch dagegen verbreite die Partei weiterhin rechte bis rechtsextreme Inhalte – alter Wein in neuen Schläuchen sozusagen. »Reichskriegsflaggen oder Glatzen in Springerstiefeln lassen sich bei der AfD eher nicht finden.« Ganz bewusst werde von Gauland & Co. im öffentlichen Raum eine Art Corporate Identity gepflegt, die sich von der konventionellen rechten Symbolik abgrenzt oder sogar versucht, an antinazistische Traditionen anzudocken.

»Auf diese Weise«, so der Journalist, »hat es die AfD erfolgreich geschafft, sich in bürgerlichen Milieus als wählbar zu positionieren – und zwar genau bei den Wählerschichten, die sehr allergisch darauf reagieren, wenn plötzlich der historische Mief von vorgestern aufsteigt.« Beispielhaft werde das am Gebrauch von bestimmten Begrifflichkeiten deutlich. »Statt Rasse ist nur noch von Identität die Rede.« Gemeint sei aber oft dasselbe.

Die judenfreundlichen und israelsolidarischen Verlautbarungen sollten genau vor diesem Hintergrund zur Kenntnis genommen werden. »Sie erfüllen ausschließlich den Zweck, potenzielle Wählergruppen, die sich niemals als rechts bezeichnen würden, zu erschließen«, betonte Steinke. »Die AfD präsentiert ihnen die Juden quasi auf dem Tablett mit dem Hinweis, sie könne deshalb wohl kaum neonazistisch oder antisemitisch und sonstwie rassistisch sein.« Dabei stehe es außer Zweifel, dass ihre Programmatik genau in diese Richtung zielt.

widerstand »Die Forderungen nach einem Verbot der rituellen Schächtung sowie der Beschneidung sprechen eine klare Sprache«, ergänzte der gleichfalls anwesende Publizist und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. »Und die ist eindeutig antisemitisch.« Genau deswegen bewertet Brumlik die gemeinsame Stellungnahme des Zentralrats der Juden sowie 16 weiterer jüdischer Organisationen in Deutschland als den richtigen Schritt zur Abgrenzung.

Und damit war man auch mitten drin in der heftigen Diskussion: Darf es mit der AfD überhaupt Kontakte geben oder gehören ihre Vertreter boykottiert? Darüber gab es sehr geteilte Meinungen. Am Ende stand nur zweifelsfrei fest, dass kein anderes Thema derzeit auf so viel Resonanz und Aufmerksamkeit gestoßen wäre wie der Themenkomplex »die AfD und die Juden«.

Konzert

Neue Klangwelten

Fünf Chöre laden zu einem Abend mit hebräischer, jiddischer, israelischer und synagogaler Musik. Dirigenten und Sänger erzählen, was sie mit ihren Ensembles verbindet

von Christine Schmitt  15.02.2026

Porträt der Woche

Die Gründerin

Gabriela Fenyes war Journalistin und engagiert sich in der Hamburger Gemeinde

von Heike Linde-Lembke  15.02.2026

Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Im Philanthropin sprachen die Schoa-Überlebende Eva Szepesi und Ella Shani, eine Überlebende des 7. Oktober, über Zeitzeugen, Schüler und Erinnerungen

von Raquel Erdtmann  12.02.2026

Karneval

Ganz schön jeck

Die Düsseldorfer Gemeinde lud zum traditionellen Prinzenpaarempfang. Sie will damit ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen

von Jan Popp-Sewing  12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

Erinnerung

Verantwortung lebt weiter

In Dachau fand kurz vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag erstmals ein »March of the Living« statt

von Esther Martel  09.02.2026

Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

»Sich be-kennen«: Der Zentralrat der Juden bietet einen interaktiven Onlinekurs über die Vielfalt des Judentums für Schulen und interessierte Gruppen an

von Helmut Kuhn  09.02.2026

Berlin-Neukölln

Kritik am Kandidaten

Ahmed Abed sorgte jüngst für einen Eklat, als er einen israelischen Gast als »Völkermörder« beschimpfte. Doch bei der Linkspartei steht der Politiker mit palästinensischen Wurzeln hoch im Kurs

von Imanuel Marcus  09.02.2026