27. Januar

Wie eine Zeitmaschine

In Berlin sind sie omnipräsent. Die Rede ist von den sogenannten Stolpersteinen, die an die Opfer der Nazi-Diktatur erinnern sollen und auf ein Konzept des Künstlers Gunter Demnig zurückgehen. Rund 75.000 davon wurden seit 1996 in Deutschland und zahlreichen weiteren Ländern Europas mittlerweile verlegt. Auf einer Messingplatte an ihrer Oberseite sind der Name und – soweit verfügbar – die biografischen Daten der jeweiligen Person sowie ihr Schicksal vermerkt.

»Mir aber reichte das alles irgendwie nicht«, erklärt Nicola Andersson. »Ich hatte einfach noch Fragen und wollte unbedingt mehr über diese Menschen wissen«, sagt die 35-Jährige, die aus der Grafschaft Kent in England stammt und deutsch-schwedische Wurzeln hat. »Also fing ich an, mich mit den Geschichten dahinter zu beschäftigen.« Daraus entstand eine Idee, und zwar die Entwicklung einer App, mit deren Hilfe sich mehr über einige der Menschen erfahren lässt als nur das, was auf den Stolpersteinen steht.

TECHNOLOGIE Aber der Reihe nach. »Vor fast zehn Jahren zog ich nach meinem ›Cultural Heritage‹-Studium in Schweden nach Berlin«, erzählt Andersson. »Erste Station war der Wrangelkiez in Kreuzberg, wo ich nach mehreren Umzügen heute auch wieder lebe.« Dort bemerkte sie irgendwann die überall in den Straßen vor den Häusern eingelassenen Stolpersteine, die sofort ihr Interesse weckten. »Im Rahmen meiner Masterarbeit an der Universität von Göteborg hatte ich mich zuvor intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit sich moderne Technologien dazu eignen, ein kulturelles Erbe nicht nur zu erfassen, sondern einer möglichst breiten Öffentlichkeit auch zugängig zu machen.«

Manchmal muss man kurz über die Steine wischen, damit die App sie einlesen kann.

Und was lag da näher, als eine App zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die Lebensgeschichten der Personen, die auf einem Stolperstein genannt werden, einfach per Click auf dem Smartphone besser erschließen lassen? Die Fähigkeiten dazu brachte Andersson ebenfalls mit. »Parallel zu meinem Studium hatte ich mich schließlich intensiv mit Programmieren und der Entwicklung von Mobile Games beschäftigt.«

Rein technisch ging Andersson folgendermaßen an die Sache heran: Wer mit der von ihr konzipierten App einen Stolperstein fotografiert, bekommt automatisch ein Foto sowie eine möglichst detaillierte Biografie der dazugehörigen Person auf dem Bildschirm seines Smartphones angezeigt.

GLÜCK So zum Beispiel die von Martha Sachs, die einst mit ihrer Schwester Dorette Moratz und ihrer Nichte Ruth Moratz in der Oppelner Straße 2 im Wrangelkiez wohnte. Keine der drei sollte die Schoa überleben.

Martha Sachs wurde am 6. März 1943 via Moabit nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. »Besonders interessant ist aber das Schicksal von Ruths Sohn Ralph, für den es an gleicher Stelle ebenfalls einen Stolperstein gibt«, weiß Andersson zu berichten. Die gesamte Familie hatte zusammengelegt, um ihm die Ausreise aus Deutschland auf einem Kindertransport nach Frankreich zu ermöglichen, von wo aus er 1941 über Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten fliehen konnte.

Dort drohte ihm als Waisenkind jedoch die Abschiebung für den Fall, dass sich innerhalb von 30 Tagen keine Adoptiveltern finden lassen sollten. »Ralph Moratz hatte im allerletzten Moment Glück, fand ein neues Zuhause und machte später im Filmgeschäft Karriere«, erzählt Andersson. »Deswegen finde ich seine Biografie so wahnsinnig spannend.«

VIDEO Genau diese Faszination soll sich in der App widerspiegeln. Deshalb ist in dem Text zu Ralph Moratz auch ein Video verlinkt, in dem er von seiner Odyssee aus Deutschland berichtet. Während also der Stolperstein selbst die Bedeutung des Ortes im Gedenken markiert, liefert die von Andersson entwickelte Anwendung über die Zurverfügungstellung des Biografischen die dazugehörige Geschichte dahinter. Erst auf diese Weise, so ist sie überzeugt, kann sich für den Betrachter der gesamte Kontext erschließen. »Es ist ein wenig wie eine Zeitmaschine«, erklärt sie. »Zwei Ebenen kreuzen sich, und zwar die räumliche und die individuelle.«

Mit ihrem Konzept greift die Studentin auf Ansätze des Historikers Neil Silberman sowie des Philosophen Jeff Malpas zurück, die den Aufbau persönlicher Beziehungen als entscheidenden Faktor in der Gestaltung von Erinnerungen nennen.

Die Beschäftigung mit den Biografien verändert den Blick auf den Kiez.

Das geschieht oft beinahe ganz beiläufig. »Viele von den Stolpersteinen sind leicht verschmutzt«, sagt Andersson. »Manchmal muss man kurz über sie wischen, damit die App sie auch einlesen kann.« Wer nur einen kurzen Blick auf sie wirft, würde das wohl kaum machen. »Und so beginnt schon eine völlig andere Beschäftigung mit den Personen, um die es geht.«

Mehr als 30 Stolpersteine hat sie bereits erfasst und Näheres über die Verfolgten zusammengetragen. »So etwas verändert auch den Blick auf die eigene Umgebung. Man erfährt sehr viel über soziale Strukturen, die es einmal gab und wie sie zerstört wurden.«

HERAUSFORDERUNG Als Beispiel nennt sie den Mediziner William Ledermann, an den ein Stolperstein in der Cuvrystraße 17 erinnert. »Als junger Mediziner eröffnete er hier in einer Einzimmerwohnung seine Praxis.« Im Laufe der Jahre wurde Ledermann zum gefragten Arzt und vergrößerte seine Räumlichkeiten sukzessiv.

»Auch wenn er Glück haben sollte und noch rechtzeitig nach England fliehen konnte – all das wurde durch die Nazis beendet und zerstört.« Und so tragen Stolpersteine und App dazu bei, die soziale Topografie von einst wieder sichtbar zu machen. »Egal ob Akademiker oder einfache Leute – man fügt sie so wieder in den bestehenden Kiez mit ein.«

Knapp 1000 Stolpersteine gibt es in Kreuzberg. Für Andersson, deren App noch im Aufbau begriffen ist, eine enorme Herausforderung. Zwar steht sie mit dem Künstler Gunter Demnig in Kontakt. »Aber ohne finanziellen Support von potenziellen Unterstützern dürfte es wohl schwierig werden, möglichst viele davon zu erfassen und die Geschichten dahinter zu erzählen«, sagt sie.

Berlin

Neue Gedenkstätte für NS-Opfer in Berlin

Der Erinnerungsort am Rande der Hauptstadt sticht durch eine breite gesellschaftliche Beteiligung hervor

von Gregor Krumpholz  24.09.2021

Sachsen-Anhalt

Erste Jüdische Kulturtage

Auftakt war »Sukkot XXL« in Magdeburg – am Sonntag findet die offizielle Eröffnung in Halle an der Saale statt

 24.09.2021

Würzburg

32 neue Koffer

Die Gedenkstätte DenkOrt Deportationen wird erweitert

 24.09.2021

Chabad Lubawitsch

»Ein Mann der Tat«

Mathias Döpfner erhielt einen Preis für den Einsatz zur Stärkung jüdischen Lebens und positiven Miteinanders in Deutschland

von Christine Schmitt  24.09.2021

Projekt

»Identität ist eine Fiktion«

Frédéric Brenner über seine Arbeit, Erwartungen zu Fremdem und Vertrautem – und eine Reise zu sich selbst

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  24.09.2021

Frédéric Brenner

Vielstimmig und komplex

In seiner neuen Ausstellung »Zerheilt« zeigt das Jüdische Museum Berlin einen fotografischen Essay des Künstlers

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  24.09.2021

Solidarität

»Gemeinsam sind wir stärker«

Rebecca Blady über das »Festival of Resilience« mit jüdischen und nichtjüdischen Halle-Überlebenden

von Eugen El  23.09.2021

Halle

Jüdische Gemeinde vergibt Auszeichnung

Emil-L.-Fackenheim-Preis für Toleranz und Verständigung geht in diesem Jahr an ein Krankenhaus und die Künstlerin Lidia Edel

 23.09.2021

Votum

Alles außer AfD

Was sich Gemeindemitglieder für die kommende Bundestagswahl wünschen

von Elke Wittich  23.09.2021