Berlin

Wer war James Simon?

Die nach zehnjähriger Bauzeit eröffnete James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel in Berlin-Mitte Foto: imago images / Hohlfeld

An James Simon kommt in Zukunft keiner vorbei. Kein Besucher der Museumsinsel in Berlin-Mitte jedenfalls. Denn die neue Galerie in einem der bedeutendsten Museumskomplexe Europas, die am vergangenen Wochenende feierlich eröffnet wurde, ist nach jenem jüdischen Philanthropen und Kunstmäzen benannt, der in der ganzen Stadt seine Spuren hinterlassen hat.

1851 in eine wohlhabende jüdische Berliner Kaufmannsfamilie hineingeboren, tritt James Henry Simon mit Mitte zwanzig in die väterliche »Leinwand-Niederlage und Baumwollwaren-Fabrik Gebrüder Simon« ein.

wohlstand Der Handel mit Baumwolle ist es, der der Familie zu einigem Wohlstand verholfen hat und Simon in seinem weiteren Leben zu einem der reichsten Bürger des Kaiserreichs und bedeutendsten Kunstsammler seiner Zeit werden lässt.

Porzellan und römischer Goldschmuck, italienische Bronzen des Früh- und Hochbarocks, Gemälde holländischer und flämischer Meister, Miniaturporträts und Wachsreliefs, Kunstgewerbe und Textilien, antike Möbel und eine üppige kunstwissenschaftliche Bibliothek – der »Nachlass Dr. James Simon, Berlin«, der am 29. November 1932 in »Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus« in der Potsdamer Straße 122 in Berlin-West versteigert wird, könnte umfassender kaum sein.

Es sind die letzten verbliebenen Stücke aus der Privatsammlung des nur wenige Monate zuvor verstorbenen Unternehmers, im Laufe eines langen Lebens angelegt, gehegt und gepflegt.

STADTBAD Wenngleich nicht übermäßig religiös, spendet Simon jahrzehntelang – ganz in der Tradition jüdischer Wohltätigkeit – in beispielloser Großzügigkeit rund ein Drittel seiner Einkünfte für wohltätige Zwecke. Den Anfang macht sein Engagement für die Berliner Arbeiter, die unter teils desaströsen hygienischen Bedingungen leben. Um diese zu verbessern, initiiert und finanziert der Kaufmann die erste Berliner Volksbadeanstalt, das heute nach ihm benannte Stadtbad Mitte in der Gartenstraße. Die Grundsteinlegung erfolgt 1880. Elf weitere Bäder folgen.

Darüber hinaus ist James Simon an der Gründung und Führung zahlreicher wohltätiger Vereinigungen beteiligt. Allein in Berlin reicht deren Vielfalt vom Verein »Mädchenhort« und dem »Verein für Volksunterhaltung« über die »Kaiserin-Friedrich-Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen« zum »Zentralverein für Schülerwanderungen«.

Anknüpfend an seinen Einsatz für den »Verein zum Schutze der Kinder vor Mißhandlung und Ausnutzung« finanziert James Simon 1899 gemeinsam mit dem Berliner Bankier Franz von Mendelssohn die Errichtung des Hauses »Kinderschutz« in der Zehlendorfer Claszeile, in dem vernachlässigte und missbrauchte Kinder Zuflucht und Bildung finden. Als Präsident des »Hilfsvereins der deutschen Juden« setzt er sich für bedürftige Ostjuden ein.

Simon spendete ein Drittel seiner Einkünfte für Wohltätigkeit.

Darüber hinaus gehört er zahlreichen weiteren Präsidien und Kuratorien an, fördert das Technion in Haifa, finanziert – ausgehend von seinem Engagement für die Deutsche Orient-Gesellschaft – Expeditionen nach Mesopotamien und Ausgrabungen in Babylon. Auch die ab 1911 durchgeführten Grabungen im ägyptischen Tell el-Amarna sind allein auf Simons Förderung zurückzuführen. Als berühmtestes Fundstück geht zwei Jahre später der Kopf der Nofretete in seinen Besitz über.

Zeitgleich wird Simon, der jüdische Weltbürger und patriotische Preuße, zu einem engen Vertrauten von Kaiser Wilhelm II. und dessen Berater in jüdischen Belangen. Bereits 1886 hat der Kunstmäzen mit seiner Gattin Agnes und den drei gemeinsamen Kindern die neu erbaute Villa Simon in der Tiergartenstraße bezogen, die während des Zweiten Weltkriegs niederbrannte.

bode Parallel dazu widmet er sich dem Aufbau mehrerer privater Kunstsammlungen, wobei ihm der Kunsthistoriker und damalige Direktor der Skulpturenabteilung der Königlichen Museen zu Berlin, Wilhelm von Bode, beratend zur Seite steht.

1904 stiftet Simon – als erste von mehreren Kollektionen – seine rund 500 Werke umfassende Renaissance-Sammlung dem Kaiser-Friedrich-Museum, das heute nach seinem damaligen Konsultanten Wilhelm von Bode benannt ist. Noch im gleichen Jahr erwirbt er 1500 japanische Farbholzschnitte und übereignet sie den Berliner Königlichen Museen.

Im Dezember 1918 stiftet er den nunmehr Staatlichen Museen seiner Heimatstadt eine weitere Sammlung, die 350 Objekte, darunter insbesondere Holzplastiken des deutschen und niederländischen Spätmittelalters sowie Gemälde und Kunstgewerbe, umfasst. 1920 schenkt er dem Museumsverbund seine ägyptische Amarna-Sammlung. Auch die ab 1926 betriebene Rekonstruktion des heute im Pergamon-Museum stehenden babylonischen Ischtar-Tors ist auf Simons Mäzenatentum zurückzuführen.

NOFRETETE Seine Schenkungen erstrecken sich heute auf zehn der 16 Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie umfassen insgesamt rund 10.000 Objekte. Zu den berühmtesten gehören die Büste der Nofretete und der »Berliner Grüne Kopf« im Ägyptischen Museum.

Die Nazis entfernten sämtliche Hinweise auf den jüdischen Kulturförderer.

1927 verkauft Simon weite Teile seiner Privatsammlung und siedelt in das später ebenfalls zerstörte Haus Kaiserallee 23 (heute Bundesallee) in Berlin-Wilmersdorf über. Er stirbt am 23. Mai 1932 im Alter von 80 Jahren in Berlin. Seine letzte Ruhestätte findet James Simon auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee.

Als die Nationalsozialisten wenig später die Macht übernehmen, veranlassen sie die Entfernung sämtlicher Hinweise auf den jüdischen Kunstförderer – Simon gerät weitgehend in Vergessenheit. Erst mehr als 70 Jahre später besinnt sich Berlin seines einstigen Wohltäters: In der Tiergartenstraße und der Bundesallee werden Gedenktafeln enthüllt, 2007 wird eine Grünanlage in Berlin-Mitte nach ihm benannt.

Im Neuen Museum steht seit 2009 eine Simon-Büste; zeitgleich mit der Eröffnung der James-Simon-Galerie wird auch das 1938 von den Nationalsozialisten geschlossene James-Simon-Kabinett im Bode-Museum wiedererrichtet. Mit der Benennung des von David Chipperfield entworfenen zentralen Eingangsgebäudes und Besucherzentrums der Museumsinsel werden nun endlich die Verdienste des wohl bedeutendsten Berliner Mäzens und Philanthropen angemessen gewürdigt.

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