München

Wenn Hass tötet

Mit dem Blick zurück auf den 13. Februar 1970, der in München und darüber hinaus das jüdische Leben veränderte, ist es genau 50 Jahre später nicht getan. Die Mechanismen, die dem bis heute unbekannten Mörder damals die Hand führten, funktionieren wie eh und je. Beim Gedenkakt im Alten Rathaus zum 50. Jahrestag des Anschlags waren sich darin alle Redner einig.

Die beeindruckende Veranstaltung, der eine Überlebende des Attentats sowie an den Löscharbeiten beteiligte Feuerwehrmänner eine hoch emotionale Note verliehen, hatte der Münchner Kabarettist und Autor Christian Springer organisiert. Ihm ist das 50 Jahre zurückliegende Verbrechen mit dem antisemitischen Hintergrund ein Dorn im Auge, vor allem auch deshalb, weil es bis heute nicht aufgeklärt ist.

Viele Jahre lang war der mörderische Anschlag, zu dessen Opfern zwei Schoa-Überlebende zählten, größtenteils aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verschwunden, wie es Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) formulierte.

Viele Jahre lang war der mörderische Anschlag, zu dessen Opfern zwei Schoa-Überlebende zählten, größtenteils aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verschwunden.

Er wundert sich darüber auch deshalb, weil sich der Brandanschlag in der Reichenbachstraße in eine ganze Reihe von antisemitischen Anschlägen eingefügt habe: vom Attentat auf die Passagiere einer EL-AL-Maschine am Flughafen München-Riem 1970 über die Ermordung von elf israelischen Sportlern während der Olympischen Spiele 1972 bis hin zu den Anschlagsplanungen von Münchner Neonazis auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Gemeindezentrums am Jakobsplatz im Jahr 2003.

kontinuität Auf das »Gesicht« des Antisemitismus, das Esther Schapira, Abteilungsleiterin für Politik und Zeitgeschichte beim Hessischen Rundfunk, in ihrer Gedenkrede demaskierte, ging auch Oberbürgermeister Reiter ein. »Alle diese Anschläge, ebenso wie der von Halle im vergangenen Jahr«, sagte er, »zeigen die Kontinuität, Wandlungsfähigkeit und fortwährende Gefahr des Antisemitismus auf erschreckende Weise.«

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, ging in ihrer Rede auf die Notwendigkeit einer ausgeprägten Erinnerungskultur ein. »Wir erinnern«, analysierte sie, »damit wir wissen, welche Fehler sich nicht wiederholen dürfen.«

Angesichts des unverkennbar zunehmenden Judenhasses brauche es nach Überzeugung der IKG-Präsidentin nicht nur die richtigen Worte, vor allem brauche es Handeln – nicht irgendwann, nicht bald, sondern jetzt: »Die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit ist und bleibt notwendig. Sie ist aber kein Selbstzweck. Gemeinsames Gedenken muss zu tatkräftigem Handeln werden, sonst bleibt es ohne Bedeutung.«

rückblick Auch Bayerns Kultusminister Michael Piazolo kam an der Erkenntnis von wiedererstarkendem Antisemitismus und Extremismus nicht vorbei. Im Rückblick auf das Attentat in der Reichenbachstraße erklärte er als Vertreter von Ministerpräsident Markus Söder: »Unsere Lehre aus dem Attentat ist: Wir müssen jüdische Menschen in Deutschland schützen. Wir müssen alles dafür tun, dass sie hier frei und sicher leben können.«

Kultusminister Piazolo sicherte Unterstützung bei der Sanierung der historischen Synagoge zu.

Piazolo wies in der Gedenkstunde auch auf die Bedeutung des Bildungssystems bei der Vermittlung von Werten an künftige Generationen hin. »Unsere Schulen«, erklärte er, »tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie vermitteln Wissen über demokratische Prozesse und regen unsere jungen Menschen zu gesellschaftlichem Engagement an.« Aus diesen Gründen werde die politische Bildung sowie die Demokratie- und Werteerziehung an den bayerischen Schulen weiter gestärkt.

Für die jüdische Gemeinde in München hatte Minister Piazolo ein besonderes Geschenk ins Alte Rathaus mitgebracht, wo einst Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels mit einer Hetzrede die Pogromnacht ausgelöst hatte. Piazolo sicherte die Unterstützung der Staatsregierung bei der Erhaltung und Sanierung der historischen Synagoge in der Reichenbachstraße zu.

zukunft Charlotte Knobloch konnte am Ende der Gedenkveranstaltung ein positives Fazit ziehen. Trotz aller Angriffe habe das jüdische Leben in München heute einen festen Platz, stellte sie fest und brachte »als Optimistin« die Hoffnung zum Ausdruck, dass das Vertrauen der jüdischen Menschen in ihre Zukunft in diesem Land wieder gefestigt werden könne.

»Der heutige Abend«, erklärte Knob­loch, »bestärkt mich darin, dass das möglich ist.« Oberbürgermeister Dieter Reiter zeigte sich zumindest insofern zuversichtlich, dass die Gedenkveranstaltung dazu beigetragen habe, die Sensibilität für gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus und das Bewusstsein für deren Bedrohungspotenzial zu schärfen.

Lauder Tichon

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