Literatur

Weltsprache ohne Heimat

Lehrt in Düsseldorf Jiddisch: Efrat Gal-Ed Foto: Rosa Frank

Literatur

Weltsprache ohne Heimat

Die Professorin Efrat Gal-Ed stellte im Gemeindezentrum ihre Anthologie jiddischer Erzählungen vor

von Ellen Presser  27.12.2021 08:16 Uhr

Es heißt, die Münchner Kehilla habe die meisten jiddisch verstehenden Mitglieder hierzulande. An der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gibt es – im Gegensatz zu Düsseldorf und Trier – zwar keinen eigenen Jiddisch-Lehrstuhl, doch im Rahmen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur ist Jiddisch ein wichtiger Fachbereich.

Jährlich findet in Kooperation mit der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ein Vortrag in Jiddisch statt. Der Lehrstuhlinhaber Michael Brenner und die Jiddisch-Dozentin Evita Wiec­ki holen dazu Referenten aus aller Welt in die bayerische Landeshauptstadt.

vernetzung Dank der guten Vernetzung der Jiddisten-Szene besteht in Deutschland ein enger Kontakt zwischen den Spezialisten. Efrat Gal-Ed, Professorin für Jiddisch an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, entwickelte für ihre Studierenden ein spezielles Lehrprogramm. Dazu gehören Heimatkunde und lokale Geschichte, aber auch russische Orthografie, der die jiddischen Texte häufig folgen.

Die Herausgabe des vierten Bandes in der Reihe Jiddistik Edition & Forschung, eine Sammlung von 62 Erzählungen aus der Feder von 33 Jiddisch schreibenden Autorinnen und Autoren, führte zur Einladung der Literaturwissenschaftlerin Efrat Gal-Ed ins Jüdische Gemeindezentrum. Wer ihr zuhört, versteht schnell, wie weit jiddische Literatur in ihrer vielfältigen Stilistik, die von realistisch über surrealistisch bis expressionistisch reicht, entfernt ist von »prostem« (einfachem) Jiddisch.

Im Gespräch mit der Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Carmen Reichert, die derzeit Jiddisch an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrt und für die Europäische Janusz Korczak Akademie arbeitet, erläuterte Gal-Ed die Textauswahl für die Anthologie. Reichert, die ihre Dissertation über »Poetische Selbstbilder: deutsch-jüdische und jiddische Lyrikanthologien 1900–1938« schrieb, übernimmt im Mai 2022 die Leitung des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben.

schreibweise Der Titel Iber der grenets geht auf eine gleichnamige Erzählung von Schalom Asch zurück. Infrage kamen für die Sammlung nur Kurzgeschichten, weshalb Mendele Mojcher Sforim, der nichts in Kurzform hinterließ, darin fehlt. Stattdessen versammelt der Band Stimmen aus aller Welt – von Moyshe Altman bis Yisroel-Yoyshue Zinger, dem Bruder von Isaac Bashevis Singer. Die Schreibweise des komplett in Jiddisch publizierten Buches orientiert sich an der des 1925 in Wilna gegründeten und seit 1940 in New York ansässigen YIVO-Instituts.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es reichlich Setzer, die sowohl des Jiddischen als auch der hebräischen Schrift mächtig waren. Heute ist das nicht mehr der Fall, weshalb Efrat Gal-Ed die Setzer-Arbeit selbst übernahm. In akribischer Kleinarbeit hat sie mit ihrem studentischen Übersetzerkollektiv »chaljastre« (Jiddisch: Bande) schon einige Kurzgeschichten übersetzt.

Die Autorin Fradl Shtok (1890–1952) überzeugt in ihrer Geschichte »Friedrich Schiller«, die von einer wahnhaften Liebe zu diesem deutschen Dichter handelt. Jitzchok Lejbusch Peretz (1852–1915) könnte eine Reise zu dem Text »Die tote Stadt« inspiriert haben. Der Sprecher Gert Heidenreich trug Auszüge daraus vor. Ellen Presser

Efrat Gal-Ed, Simon Neuberg und Da­ria Vakhrushova (Hrsg.): »Iber der grenets. Antologye fun moderne yidishe dertseylungen. Über die Grenze. Anthologie moderner jiddischer Kurzgeschichten«. Walter de Gruyter (düsseldorf university press), Berlin 2021, 552 S., 39,95 €

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