Porträt der Woche

Welt aus Gips

Viel Schlaf brauche ich nicht. Sechs Stunden reichen. Um Mitternacht gehe ich ins Bett, und zwischen sechs und halb sieben stehe ich auf. Ich mache Kaffee, ein Käsebrot für meine Frau, ein Brot mit Wurst oder Fleisch für mich. Fürs Frühstück bin ich zuständig, fürs Mittag- und Abendessen meine Frau. Feste Termine habe ich nicht die Woche über.

Ich bin 75 Jahre alt, und das Arbeitsleben liegt hinter mir. 48 Jahre lang habe ich gearbeitet. In Sibirien, in Omsk, habe ich das Schlosserhandwerk gelernt und mich immer weiter nach oben gearbeitet bis zum Leiter. Ich konnte mit allen Werkzeugmaschinen umgehen. Meine Frau war auch in diesem Bereich tätig, sie stand als Mechanikerin an den Drehmaschinen. Auch sie hat dort Karriere gemacht.

omsk Wir hatten ein gutes Leben in Sibirien, und ich trage Omsk in meinem Herzen. Geboren wurde ich in der Ukraine. Doch während des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk, für das mein Vater arbeitete, nach Sibirien verlegt. Das ist damals mit vielen Industriebetrieben passiert.

In Sibirien bin ich aufgewachsen und habe dort die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Bis zum Jahr 2000. Dann ist meine Familie nach München gezogen: meine Frau, meine große Tochter (50), mein Sohn (45) und meine jüngere Tochter (39). Alle haben Arbeit. Sie sind strebsam und vernünftig. Auch der Schwiegersohn und die Schwiegertochter.

Ich habe vier Enkelkinder, das jüngste ist 14, das älteste 20. Der eine Enkelsohn macht demnächst Abitur. Er hilft mir, wenn es am Telefon um etwas Wichtiges geht und ich mit der Sprache nicht zurechtkomme. Mit über 60 Jahren eine neue Sprache zu lernen, ist alles andere als einfach! Natürlich habe ich Kurse belegt. Ich wollte ja Deutsch lernen. Aber ich habe festgestellt, dass in meinen Kopf nicht mehr so viele Wörter hineinpassen. Kaum habe ich mir ein neues Wort gemerkt, habe ich ein altes vergessen. Der Deutschlehrer wollte uns einen Basiswortschatz mitgeben, den wir dann im täglichen Leben beim Reden ausbauen sollten. Dazu ist es bei mir aber nicht gekommen.

Dafür tun sich meine Enkel mit dem Russischen schwer. Mit jedem Enkel lassen die Kenntnisse nach. Schade, dass sie ihre Muttersprache vergessen. Aber was soll man machen? Aus Russland habe ich meine wunderbare Bibliothek mitgebracht mit all den Klassikern, Puschkin, Tschechow und so weiter. Aber wenn ich den Kindern sage: »Holt euch Bücher und lest«, sagen sie: »Opa, das geht auch am Computer.«

Meine große Familie ist über ganz München verstreut. Ich zum Beispiel wohne in Hadern, das ist im Westen. Aber wir besuchen uns oft. Wir gehen sehr freundlich miteinander um. Die Enkel kommen häufig zu uns, und wir sprechen viel miteinander.

werkstatt Nach dem Frühstück haben meine Frau und ich Zeit. Manchmal müssen wir etwas einkaufen, danach lese ich die Zeitung, sehe ein bisschen fern, oder ich spiele am Computer, bis es Mittagessen gibt. An manchen Tagen gehe ich auch in die Gemeinde. Dort ist man für uns da, wenn es Probleme gibt. Nach dem Mittagessen hält meine Frau ihren Mittagsschlaf, sie ist Diabetikerin und muss sich mehrmals am Tag spritzen.

Während meine Frau schläft, gehört die Küche mir. Sie ist jetzt mein Reich, meine Werkstatt. Ich arbeite mit Gips, meinem liebsten Material. Ich fülle damit Formen aus Latex und mache daraus kleine Figuren. Wenn sie getrocknet sind, male ich sie an und lackiere sie. Es kann sein, dass mich irgendeine Figur, die ich sehe, anregt. Manchmal werde ich auch nachts im Schlaf inspiriert. Weil vor 200 Jahren Napoleon mit seinen Soldaten nach Russland zog, forme ich Napoleon, wie er auf seinem Pferd sitzt, und die Soldaten stehen um ihn herum. Informationen zu historischen Feinheiten hole ich mir aus dem Internet, manchmal lasse ich aber auch meiner Fantasie und meinem Erfindergeist freien Lauf. Einmal habe ich mir ein paar kleine Wasserpistolen gekauft und um sie herum Delfine aus Gips gegossen. Sie stehen auf einem Stativ und können Wasser speien.

Irgendwann wacht dann meine Frau von ihrem Mittagsschlaf auf und kommt in die Küche. »Willst du mich vertreiben?«, jammert sie. »Will ich nicht«, sage ich. »Wenn du etwas zu essen zubereiten willst, räume ich alles weg und putze den Tisch.« Aber manchmal reicht das meiner Frau nicht. Sie sagt: »Was sollen wir mit all den Figuren machen? Verkauf sie! Mach ein Geschäft!«

Das habe ich versucht, aber ich bin ein schlechter Verkäufer. Also verschenke ich die Figuren. Zu meiner Sammlung gehören übrigens auch kleine, dicke Mönche. Die passen zu München.

skepsis Für mich ist es gut, mit den Händen zu arbeiten, und ich bin davon überzeugt, dass das auch für Kinder gut ist. Also bin ich zur Gemeinde gegangen und habe den Vorschlag gemacht, mit Kindern zu arbeiten. Zuerst war man ein bisschen skeptisch. Figuren aus Gips? Ob die Kinder so etwas wollen, ob sie so etwas hinbekommen, und was, wenn eine Figur hinunterfällt? Aber jetzt mache ich das jeden Sonntag, und es kommen immer so zwischen fünf und zehn Kinder. Sind die Figuren – Hündchen, Kätzchen, Drachen – bemalt, nehme ich sie mit nach Hause und lackiere sie. Ich möchte nicht, dass die Kinder die ungesunden Lackdämpfe einatmen.

Neben meiner Arbeit mit den Kindern gehöre ich zum Erfinderclub der Gemeinde. »Impuls« heißt der. Ich treffe mich mit Physikern, Chemikern und anderen Wissenschaftlern, und wir tüfteln. Ein spezielles Fahrrad, eine Art Rikscha auf drei Rädern mit zusammenfaltbaren Sitzen, habe ich mir ausgedacht und einen raffinierten Einkaufskorb. Drei Gebrauchsmuster von mir stehen bereit und warten auf ein Patent.

Auf diese Weise halte ich Kontakt mit der Gemeinde. In die Synagoge gehe ich nicht, die jüdischen Feiertage begehen wir ein bisschen. In Sibirien waren wir alle Atheisten. Aus diesem Grund gab es dort keinen Antisemitismus. Unser Leben war atheistisch, und es war gut. Ich hatte russische Freunde, ich hatte jüdische Freunde, und was sie waren, spielte keine Rolle. Meine Eltern haben wohl manchmal von früher erzählt, von einem jüdischen Leben, aber das war vorbei.

Allerdings hat meine Mutter noch Jiddisch gesprochen, und mit der deutschen Mutter meiner Schwiegertochter hat sie sich prächtig verstanden. Sie wollte gar nicht mehr aufhören zu reden, so gut hat ihr das getan. Jiddisch und Deutsch sind eben eng verwandt. Heute liegen meine Eltern auf dem jüdischen Friedhof in Sibirien, und wenn ich dort bin, gehe ich hin und sehe nach dem Rechten.

Konflikte Ich reise immer wieder mal nach Omsk. Da habe ich meine Freunde. Ich kann bei ihnen wohnen, es gibt dort immer ein Zimmer für mich. Zwei Wochen bleibe ich, dann kehre ich zurück nach Deutschland. Warum ich weggegangen bin aus Sibirien? Aus wirtschaftlichen Gründen, damit meine Enkel eine gute Zukunft haben und damit sie nicht zum Wehrdienst müssen. Die Zustände beim Militär sind schrecklich und die Konflikte unberechenbar.

Meine Schwester ist vor Jahren nach Israel ausgewandert. Sie lebt dort mit ihrer Tochter. Auch andere Verwandte von mir sind in Israel. Ich habe sie schon besucht, aber das Land ist nichts für mich. Die Politik ist dort so schwierig.

Was ich mir wünsche, ist eine Ausstellung. Eine Ausstellung für meine Figuren. Ich überlege, wie man so etwas organisieren kann. Immerhin, ein paar Figuren von mir kann man im Moment im Jüdischen Museum ansehen. All die anderen warten zu Hause auf dem Küchentisch. Aber nicht nur dort. Sie stehen überall herum.

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