Reaktionen

Was junge Juden nach Halle beschäftigt

Benjamin Fischer, Referent bei der ZWST und Gründungsmitglied der JSUD Foto: Christian Rudnik

Hasskommentare in den sozialen Medien und Polizeiautos vor Synagogen - junge Juden sind mit Antisemitismus in Deutschland groß geworden. »Halle war für mich keine Überraschung, aber trotzdem ein absoluter Schock«, sagt Avital Grinberg (23), Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Seit dem tödlichen Anschlag eines bekennenden Antisemiten in Halle haben zahlreiche Funktionäre der jüdischen Gemeinden ihr Entsetzen geäußert. Stimmen junger Juden - und vor allem Jüdinnen - waren zumindest in den klassischen Medien kaum zu vernehmen.

AUSMASS »Erst drei Tage später habe ich wirklich das Ausmaß des Ganzen erfassen können«, berichtet die Studentin der Kunstgeschichte in Düsseldorf. Der Angriff erfolgte an Jom Kippur, Grinberg, die in Berlin studiert, hatte gefastet, war geschwächt und blieb offline.

Erst am nächsten Morgen erfuhr sie aus den Nachrichten: Stephan B. wollte »Juden« und »Kanaken« töten und verabscheut Feminismus. Grinberg, die in der JSUD für feministische Themen zuständig ist, hat das Gefühl zwei Kämpfe austragen zu müssen: als Frau und als Jüdin.

»Ich treffe die Entscheidung, wann ich mich  als Jude zu erkennen gebe und wann nicht, sehr bewusst«, sagt Benjamin Fischer von der ZWST.

Tatsächlich werden vor allem Männer Opfer antisemitischer Gewalt: Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden im vergangenen Jahr bei 49 einschlägigen Straftaten vor allem Männer verletzt. In NRW richteten sich alle vier antisemitischen Gewaltdelikte des ersten Halbjahres 2019 gegen Männer. Drei von ihnen seien jünger als 27 Jahre gewesen, so eine Sprecherin des Landesinnenministeriums.

»Das liegt an der Kippa, sie dient als ›Rassifizierungsmerkmal‹, um jüdische Männer als Fremde zu markieren«, erklärt der Antisemitismus- und Rassismusforscher Ozan Zakariya Keskinkilic von der Alice Salomon Hochschule Berlin. Nordrhein-Westfalens Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger liegen »derzeit keine Fälle sexualisierter antisemitischer Gewalt vor«. Allerdings komme es vor, »dass insbesondere Männer gegenüber anderen Männern volksverhetzende Beleidigungen wie «Ich ficke Israel» äußern«, berichtet sie.

JSUD Während Grinberg nicht als Jüdin auf der Straße erkannt wird, ist es bei Benjamin Fischer zumindest manchmal anders. Der 28-jährige arbeitet bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und gehört zu den Gründungsmitgliedern der JSUD. »Ich treffe die Entscheidung, wann ich mich mit zum Beispiel der Kippa als Jude zu erkennen gebe und wann nicht, sehr bewusst«.

»Halle war für mich keine Überraschung, aber trotzdem ein absoluter Schock«, sagt Avital Grinberg von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Er habe andere Antisemitismus-Erfahrungen als seine Eltern und Großeltern gemacht, schildert Fischer. Das habe schon in der jüdischen Schule mit Terrortrainingsübungen angefangen und setze sich in Hasskommentaren in den sozialen Medien fort. Mit Antisemitismus ist er groß geworden. Seine Mutter habe ihm früher gesagt, er solle nach dem Synagogen-Besuch die Kippa abnehmen. Die Polizeiautos vor der Tür - für ihn immer Alltag gewesen.

Die Sicherung jüdischer Einrichtungen ist Ländersache. Während Synagogen im Westen hohe Sicherheitsstandards genießen, sieht es im Osten anders aus - wie sich etwa an der fehlenden Polizeiwache an Jom Kippur in Halle gezeigt hat. Dagegen wird die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands in Düsseldorf seit einem Anschlag mit Molotow-Cocktails vor neunzehn Jahren rund um die Uhr bewacht.

SICHERHEIT Der gebürtige Hamburger Fischer hat früher durch Synagogen geführt. Viele hätten ihm die Frage gestellt, ob es wirklich nötig sei, die Gotteshäuser so stark zu bewachen. »Ja, leider«, meint Fischer. Er fordert auch heute mehr Sicherheit und mehr Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen.

Eine repräsentative Befragung der Europäischen Grundrechteagentur zu Erfahrungen junger Juden in Europa zeigt, dass 17 Prozent der Befragten zwischen 16 und 34 Jahren die Strategien ihrer Regierungen gegen Antisemitismus »definitiv« für unzureichend halten. Vier von zehn der Befragten würden demnach sogar eine Auswanderung in Betracht ziehen.

Für die jüdische Gemeinde werde Halle »ein enormes Trauma« bleiben, meint Grinberg.

Leutheusser-Schnarrenberger kritisiert, leider habe man diese Sorgen gerade junger Menschen nicht ernst genommen. Jetzt komme es darauf an, mit Bildung und Aufklärung gegen Judenhass zu arbeiten und für die Demokratie einzustehen. »Antisemitismus ist nie aus der Mitte der Gesellschaft verschwunden«, stellt die FDP-Politikerin fest. »Juden fühlten sich bereits vor Halle in Teilen sehr unsicher.«

Auswandern wollen weder Benjamin Fischer noch Avital Grinberg. Für die jüdische Gemeinde werde Halle aber »ein enormes Trauma« bleiben, meint Grinberg. Die schwere Holztür der Synagoge hatte den Schüssen der selbstgebauten Waffe des Attentäters zwar standgehalten, aber davor starben zwei Menschen.

Freunde von ihr seien dort gewesen, erzählt Grinberg. Als sie einen danach gefragt habe, wie es ihm jetzt gehe, habe er die bittere Antwort gegeben, dass ihm klar sei, wem die Schüsse gegolten hätten: »Zwei Leute wurden mit Patronen getötet, die mir gehörten.« Für Avital Grinberg unvergessliche Worte.

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