Kultur

Warten auf Lockerungen

Seit Wochen sind alle Galerien, Theater und Kinos wegen der Corona-Krise geschlossen. Foto: imago images/Emmanuele Contini

Keine Auftritte, keine Ausstellungen, kein Einkommen – auf diese Formel ließe sich derzeit die Situation vieler Künstler bringen. Denn seit Wochen sind alle Galerien, Theater und Kinos wegen der Corona-Krise geschlossen.

Und es dürfte wohl noch eine ganze Weile dauern, bis Konzerte oder Musikfestivals vor einem Publikum wie gewohnt stattfinden können – kurzum, das gesamte kulturelle Leben in Deutschland, das sich normalerweise im öffentlichen Raum abspielt, ist im März zum völligen Erliegen gekommen.

MALER Wer als Maler, Sänger oder Schauspieler keine Festanstellung hat – und das dürfte wohl die Mehrheit sein –, steht nicht selten vor existenziellen Problemen. Verschärft wird die Lage dadurch, dass alles ganz plötzlich geschah. So wie bei Lior Stern.

Das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg weicht in den digitalen Raum aus.

»Schritt für Schritt wurde alles abgesagt, und zwar in kürzester Zeit«, erzählt die israelische Sopranistin, die seit mehr als sieben Jahren in Berlin lebt. »Eigentlich sollte ich im Frühjahr in drei Aufführungen von Verdis Requiem im Hamburger Opernhaus mitspielen«, erzählt sie. Doch nach einer war bereits Feierabend, weil die Pandemie zum Shutdown zwang.

»Sofort habe ich auch viele weitere Engagements verloren«, bedauert die Künstlerin. »Dieses Jahr sollte ich allein an drei Produktionen in Bayreuth mitwirken, in Die Meistersinger von Nürnberg, Tannhäuser und Lohengrin.« Doch das Virus machte auch vor dieser Festspieltradition nicht halt. »Das ist fast unglaublich«, sagt Stern.

Außerdem wurden alle anderen Projekte, an denen sie beteiligt war, ebenfalls abgesagt, darunter Der Zauberer von Oz in der Komischen Oper Berlin oder Auftritte an der Deutschen Oper. »Momentan lebe ich von Erspartem, unterrichte Gesang via ›Zoom‹ und nutze die Zeit, ein neues Repertoire einzuüben.« Sie hofft, dass es spätestens in der Saison im kommenden Jahr wieder anders aussehen wird. »Man muss einfach Geduld haben.«

ZWANGSPAUSE Drastische Veränderungen in seinem Alltag erlebte auch Daniel Laufer. »Ausstellungen wurden abgesagt, und Seminare konnten nicht stattfinden.« Ihn betraf das gleich in doppelter Weise. Zum einen als Kollegleiter und Kurator von DAGESH, dem Kunstprogramm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES).

»Eigentlich sollte in diesem Monat unser Kolleg ›Kunst und Märkte‹ stattfinden – mit praxisbezogenen Themen, die im Studium oft zu kurz kommen, etwa, wie Kooperationen mit Institutionen aussehen können oder Förderanträge und Projektbeschreibungen formuliert werden.« Zum anderen ist er selbst Künstler. Doch weil Laufer viel mit Film arbeitet, ist es für ihn einfacher, auf Online-Alternativen zurückzugreifen. »Zum Beispiel in der digitalen Ausstellung Das Biedermeier-Phantasma/Deep Fake im Droste-Museum auf Burg Hülshoff.«

Gezeigt wird dort sein Film Timeline, der Rauminszenierungen und das Bewusstsein beim Verstreichen von Zeit reflektieren soll. »Zugleich freue ich mich über die beeindruckende Solidarität, die sich in dieser für viele Kulturschaffende schwierigen Phase zeigt.« So hat sich unter anderem die Plattform KunstNothilfe zusammengefunden, in der auch die ELES-Alumna Anna Schapiro im Beirat vertreten ist.

Wer das neue Programm des Deutsch-Jüdischen Theaters sehen möchte, kann es unterstützen und Gutscheine erwerben.

Auf Solidarität setzt auch das Deutsch-Jüdische Theater in Berlin. Zwar kann der Spielbetrieb nicht stattfinden, dennoch will man nicht untätig bleiben und nach der Corona-Zwangspause ein neues Programm anbieten. Genau daran arbeitet das Ensemble bereits. Und wer es sehen möchte, kann durch den Erwerb von Gutscheinen über das Portal HilfeLokal.de einen Beitrag dazu leisten, dass es auch stattfinden wird und das Haus eine Zukunft hat.

Die Metro AG und Rabodirekt Bank legen bei jedem Gutscheinkauf zehn Euro Spende drauf. »Da unser Haus nicht institutionell gefördert wird, trifft uns das Virus sehr empfindlich«, sagt Theaterdirektorin Alexandra Julius Fröhlich. »Dank HilfeLokal.de ist unsere Liquidität bis Ende Mai gesichert.«

PUBLIKUM In den digitalen Raum ausweichen kann jedenfalls Nicola Galliner mit dem 1995 von ihr ins Leben gerufenen Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB). »Das hat den Vorteil, dass die Filme, die wir zeigen, in diesem Jahr in ganz Deutschland einem viel größeren Publikum als sonst präsentiert werden können«, erklärt sie. »Nun können auch Regisseure, Protagonisten und andere Gäste zu den Filmen aus der ganzen Welt zugeschaltet werden, was sonst aus Kostengründen nicht möglich wäre.«

Auf der anderen Seite vermisst sie natürlich die gewohnte Atmosphäre in den Kinos sowie die Möglichkeiten des direkten Austauschs mit anderen darüber, was man sich gerade angeschaut hat. »Einen Film auf dem Bildschirm zu Hause zu sehen, ist einfach nicht dasselbe. Aber immerhin werden einige Beiträge auch in Kinos gezeigt, und zwar unter Beachtung aller Abstandsregeln und mit einer begrenzten Zahl von Zuschauern.«

Die Festivalchefin freut sich, dass das JFBB, das sich zum größten Forum für den jüdischen und israelischen Film in Deutschland entwickelt hat, wie geplant 2020 stattfinden wird. »In diesen nicht ganz einfachen Zeiten ist es vielleicht nötiger denn je«, betont sie.

VOLLBREMSUNG Eine quasi Vollbremsung erlebte ebenfalls Mimi Sheffer. »Erst wurde mein Flug nach Zürich gecancelt, wo ich mir den Nachlass von Maria Herz anschauen wollte«, sagt die Kantorin und Künstlerische Leiterin der Konzertreihe Living Music, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Repertoire geflüchteter jüdischer Komponisten wiederzuentdecken. »Dann kam auch noch eine Atemwegserkrankung dazu.«

Ausfallen mussten leider auch ein Artist-in-Residence-Aufenthalt im israelischen Arad und die ursprünglich geplanten Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZs Ravensbrück. Nur vor ARD-Kameras ließ sich das Kaddisch vortragen.

Was nun dieses Jahr aus Living Music wird, kann sie noch nicht sagen. Die Fördermittel vom Bundesland Brandenburg sind noch nicht in trockenen Tüchern. »Man hängt deshalb irgendwie in der Luft.« Damit bringt Sheffer stellvertretend die Stimmung wohl vieler Künstler auf den Punkt.

Max Privorozki

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