Lockdown

Vorübergehend geschlossen

Die Farblithografie »Our Foremothers« (1995) von Joan Snyder ist in der Ausstellung »Die weibliche Seite Gottes« des Jüdischen Museums Frankfurt zu sehen. Foto: Digital Image © 2010 MoMA, N.Y.


Zählen Nutzer von sozialen Medien auf, was sie derzeit coronabedingt am meisten vermissen, gehören Museumsbesuche unbedingt da­zu. Dabei ist es mittlerweile vielerorts möglich, Ausstellungen und Vorträge digital zu besuchen, aber das physische Erleben fehlt eben doch.

Wie ergeht es aber den jüdischen Museen selbst, die oft eine wichtige Rolle bei der örtlichen Bildungsarbeit spielen? Beim Jüdischen Museum Frankfurt beispielsweise hatte man sich das Jahr 2020 eigentlich ganz anders vorgestellt: »Für uns war die Situation noch einmal besonders«, sagt Theresa Gehring. Kaum, dass das Haus nach fünfjähriger Umbauphase im Oktober wiedereröffnet wurde, musste es nach nur elf Tagen wieder schließen und schwenkte auf digitale Angebote um.

»Wir sehen die Digitalisierung als zusätzliche Chance und nicht als neue Art des Museumsgenusses«, beschreibt Theresa Gehring vom Jüdischen Museum Frankfurt die momentane Situation.

Familienangebote Dabei nutzten die Frankfurter schon den ersten Lockdown für die Digitalisierung. Mittlerweile informiert ein Blog auf der Webseite Besucher über das umfangreiche Angebot, das von Online-Vorträgen bis zur Vorstellung der Museums-Lieblingsstücke der Guides reicht. Ein wichtiger Punkt sei schließlich, »an die Familien zu denken, die nun mit ihren Kindern zu Hause sitzen, und sie aktiv mit Bildungsangeboten zu unterstützen«.

»Wir freuen uns, dass den Museen hohes Gewicht beigemessen wird«, erklärt Theresa Gehring vom Jüdischen Museum Frankfurt.

Die aktuelle Ausstellung Die weibliche Seite Gottes lässt sich auch im Rahmen einer sechsteiligen filmischen Führung erkunden. Baldige Lockerungen der Regelungen für Museumsbesuche sind nicht ausgeschlossen. »Wir verfolgen natürlich, was auf der Politikebene derzeit diskutiert wird, und freuen uns, dass den Museen hohes Gewicht beigemessen wird«, erklärt Theresa Gehring. Dennoch sei die Vorfreude auf eine mögliche Wiedereröffnung der Museen verhalten, »denn wir sagen natürlich auch, dass die Gesundheit vor allem steht«, auch wenn es schön wäre, »wenn wir dann länger als elf Tage am Stück geöffnet sein könnten«.

Digitale Teilhabe bleibe auch unabhängig von Corona essenziell, »aber wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass wir soziale Wesen sind und den räumlichen Kontakt mit anderen brauchen«.

Lehrhäuser 2010 war die Alte Synagoge Essen nach zweijährigem Umbau neu eröffnet worden. Ein wesentliches Angebot ist die Bildungsarbeit. Sogenannte Lehrhäuser für Kinder und Jugendliche bieten kostenlose Angebote für Schüler aller Altersstufen. Jeweils drei Stunden lang lernen sie vor Ort und spielerisch die jüdische Kultur kennen, für die Älteren stehen Themen wie »Jüdische Geschichte im Osmanischen Reich« auf dem Programm.

Uri Kaufmann von der Alten Synagoge Essen ärgert, dass Bildungsangebote zum Thema Judentum und Antisemitismus ausgerechnet in diesen Zeiten nicht mehr stattfinden dürfen.

»Das Erlebnis des Gebäudes ist wichtig«, betont Uri Kaufmann, Leiter der Alten Synagoge. »Das Vermittelte bleibt an diesem außerordentlichen Schulort einfach besser haften.« Umso bedauerlicher sei es, dass die Workshops nun schon so lange nicht mehr in der Alten Synagoge stattfinden konnten. »Dass die außerschulische Bildung einfach per Anweisung außer Kraft gesetzt wurde, finde ich problematisch«, sagt Kaufmann.

Besonders ärgert ihn, »dass Bildungsangebote zum Thema Judentum und Antisemitismus nun ausgerechnet in diesen Zeiten, in denen Verschwörungstheorien blühen, nicht mehr stattfinden dürfen«. Dabei sei die Alte Synagoge Essen immerhin das größte freistehende Synagogengebäude nördlich der Alpen, ein sicherer Ort. »In unserem Gebäude mit seiner hohen Kuppel und den großen Räumen wären Kinder und Jugendliche geschützter vor Ansteckungen mit dem Coronavirus als in jedem Klassenzimmer.«

Aber auch wenn die Bildungsarbeit vor Ort im Moment nicht stattfinden kann, werden in Essen weitere Angebote vorbereitet. Zum Jubiläum »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« plant man gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland ein Streaming-Event. Vorträge werden derzeit digital angeboten. Außerdem schreibe man in diesem Jahr 30 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Essen und Tel Aviv. »Wir sind schon schwer mit der Planung für ›All about Tel Aviv und Jaffa‹ beschäftigt«, verrät Uri Kaufmann, »hoffentlich werden bis dahin, also Ende des Jahres, wieder Besuche bei uns möglich sein.«

Das Digitale ist während der Corona-Pandemie das Normale geworden, meint Christine Hartung von der Alten Synagoge Wupperal.

Nicht nur der Museumsbesuch werde vermisst: »Wir haben ein kleines Café, wo jüdische Zeitungen ausliegen, das ist sehr beliebt. Immer wieder werden wir gefragt, wann es denn endlich wieder öffnet«, erzählt Kaufmann. Wenn dies möglich wäre, würde er gern »ein jüdisches Kaffeehaus« anbieten, »an einem Sonntag, mit Lesungen« und bei sommerlichen Temperaturen im Freien vor der Alten Synagoge.

Seit dem 11. April 2011 ist die 1994 eingeweihte Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal ein jüdisches Museum. Ein Tag der offenen Tür zum Geburtstag mit vielen Besuchern und großem Programm wäre schön, sagt Leiterin Christine Hartung, »aber ob das zu diesem Zeitpunkt möglich sein wird, weiß niemand«.

Film Auf der Webseite informieren Filme über das Judentum und interessante Ausstellungsstücke. »Die Idee dazu gab es schon länger, aber bis zum Beginn der Pandemie war sie noch nicht so konkret, es gab ja auch eigentlich keinen Bedarf.« Im Sommer konnte während der Lockerungen gedreht werden. Drei Wuppertaler Kinder erkunden in diesen Filmen das Museum und seine Geschichte. »Die Reaktionen sind bisher sehr positiv«, freut sich Christine Hartung, »und schön ist auch, dass wir damit die Schwelle etwas herabsenken konnten.« Mittlerweile interessieren sich längst nicht nur Menschen aus dem Bergischen Land für das Museum, online sehen sich Leute aus ganz Deutschland das Angebot an, »die Streuung wird größer, und das ist natürlich gut«.

Das Digitale sei während Corona eben das Normale geworden, meint Christine Hartung. »Bei uns ging es mit einem geplanten Vortrag von Julia Bernstein los, damals zu Beginn der Pandemie überschlugen sich die Ereignisse. Aber rasch wurde klar, dass Präsenzveranstaltungen mit Publikum nicht mehr möglich sein würden.« Online-Veranstaltungen seien manchmal sogar aufwendiger. »Wir haben einen großen Stab ehrenamtlicher Mitarbeiter. Alles per Mail zu koordinieren, ist schon etwas komplizierter.« Auf der anderen Seite »ist bei Vorträgen der Arbeitsaufwand geringer, wenn dann der große Mehrzweckraum extra hergerichtet werden muss, das entfällt jetzt natürlich«.

Wird das Digitale denn möglicherweise den Museumsbesuch eines Tages ersetzen? »Es wird«, sagt Christine Hartung, »wohl beides weiterhin geben, nun kann man halt aussuchen, welches Format für welchen Inhalt am sinnvollsten ist.«

3D-Tour Fast alle jüdischen Museen in Deutschland präsentieren sich auch im Internet. Rendsburg bietet beispielsweise eine 3D-Tour durch die Ausstellung Gerettet, aber nicht befreit, in der die Geschichten von Schoa-Überlebenden aus Schleswig-Holstein gezeigt werden. Auf der Seite des Museums Augsburg Schwaben ist der Podcast »Let’s talk, Sisters« verfügbar, parallel zur Ausstellung Schalom Sisters über die weibliche Seite des Judentums.

Und in Berlin wird die für das Frühjahr geplante Eröffnung des Kindermuseums Anoha auch eine kindgerechte Webpräsenz erhalten.

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