Ausstellung

Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung

Der Ort der Präsentation könnte passender nicht sein. »Die Ausstellung ›Jüdische Juristinnen und Juristinnen jüdischer Herkunft‹ ist die erste, die wir im Fritz-Bauer-Foyer zeigen«, sagt Christine Lambrecht, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV), zur Eröffnung am vergangenen Donnerstag in Berlin-Mitte.

Erst vor wenigen Wochen hatte man den Innenhof nach dem hessischen Generalstaatsanwalt und Initiator des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses benannt. »Auf diese Weise wollten wir zeigen, dass Fritz Bauer heute ein Vorbild für unser Haus ist und wir es uns ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, den nationalsozialistischen Einfluss auf das Ministerium näher zu untersuchen und sichtbar zu machen.«

Vor genau diesem Hintergrund erhält das Schicksal der jüdischen Juristinnen besondere Bedeutung. Denn zum einen werden über die Biografien die gesetzlichen Ausgrenzungsmechanismen sichtbar, die dazu führten, dass sie aus ihren Berufen als Rechtsanwältinnen und Richterinnen verdrängt wurden. Zum anderen haben es sich die Organisatoren zur Aufgabe gemacht, auf deren Pionierrolle als Vorkämpferinnen um Gleichstellung in Gesellschaft und Justiz hinzuweisen.

EMIGRATION Porträtiert werden 17 Frauen, die stellvertretend für viele weitere Juristinnen ihrer Generation stehen. In der Weimarer Republik mussten sie sich ihr Jurastudium und ihre Berufstätigkeit oft hart erkämpfen. Zwar wurden Frauen in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Jurastudium zugelassen. Doch erst ab 1922 bestand die Möglichkeit, an den Staatsexamina teilzunehmen – eine Voraussetzung, um überhaupt als Rechtsanwältin und Richterin zu arbeiten. So kam es zu der absurden Situation, dass Frauen vor 1922 die Universität mit einem Doktortitel verließen, ihre beruflichen Möglichkeiten aber eingeschränkt blieben.

»Die Ausstellung erzählt von jüdischen Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hatten und für ihre Rechte zu kämpfen begannen«, bringt es Ministerin Lambrecht auf den Punkt. »Der Lebensweg von Margarete Berent zeigt das ganz exemplarisch.«

Nach ihrer Rückkehr musste Erna Proskauer, die zuvor nach Palästina geflohen war, um Wiedereinstellung in den deutschen Justizdienst kämpfen.

1887 in Berlin geboren, schloss sie »magna cum laude« ihr Jurastudium an der Universität Erlangen ab. 1914 gründete sie gemeinsam mit Marie Funk und Margarete Muehsam-Edelheim den Deutschen Juristinnen-Verein (DJV), den Vorläufer des heutigen Deutschen Juristinnenbundes (DJB). 1925 wurde sie die zweite in Deutschland zugelassene Rechtsanwältin. 1933 erfolgte das von den Nationalsozialisten erlassene Berufsverbot, woraufhin sie in die USA emigrierte. Dort begann Berent quasi bei null, musste noch einmal ein Jurastudium absolvieren, um schließlich als Rechtsanwältin in New York arbeiten zu können. Kein Einzelfall, wie DJB-Präsidentin Maria Wersig betont.

TITEL »Der Nationalsozialismus zerstörte die Karrieren dieser Frauen, die oft gerade erst begonnen hatten.« Zugleich erklärt sie auch, warum der Titel der Ausstellung etwas sperrig klingt. Die NS-Machthaber interessierte es nicht, ob diese Juristinnen sich als Jüdinnen verstanden oder aus halachischer Perspektive jüdisch waren. Schon die Existenz eines jüdischen Großelternteils reichte aus, um sie zu verfolgen. Daher der Zusatz »Juristinnen jüdischer Herkunft«.

Viele flohen ins Ausland, einige konnten versteckt in Deutschland überleben, andere wurden ermordet oder in den Suizid getrieben. Die wenigen, die nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, so wie Erna Proskauer, die zuvor nach Palästina geflohen war, mussten oftmals um eine Wiedereinstellung in den Justizdienst kämpfen.

»Fast ein Drittel der 85 Juristinnen, die 1919 im DJV aktiv waren, hatte einen jüdischen Familienhintergrund.« Von ihren Erfolgen und Verdiensten, aber auch von ihren Demütigungen vermittelt die Ausstellung ein eindrucksvolles Bild.

Erinnerung

Vor aller Augen

Stadt und Israelitische Kultusgemeinde gedachten der ersten Deportation von Münchner Juden am 20. November 1941 nach Kaunas

von Helmut Reister  27.11.2021

Porträt der Woche

Mit Klischees aufräumen

Ariella Naischul studiert Jura in Heidelberg und setzt sich für Inklusion ein

von Brigitte Jähnigen  27.11.2021

Ratsversammlung

Signale für die Zukunft

Das oberste Entscheidungsgremium des Zentralrats tagte in Frankfurt – ohne Gäste und mit 2G plus

von Detlef David Kauschke, Eugen El  25.11.2021

Sport

»Eine große Euphorie«

Himar Ojeda über das Basketballspiel Alba-Maccabi, zwei neue Spieler und israelische Fans

von Ralf Balke  25.11.2021

Neukölln

Vereint im Aleph

Das Muslimisch-Jüdische Festival Berlin gab Einblicke in die Vielfalt der Communitys

von Jérôme Lombard  25.11.2021

Jüdische Kulturtage

Zwölf vorsichtige Tage

Die Veranstalter ziehen der Lage entsprechend eine positive Bilanz

von Joshua Schultheis  25.11.2021

Bildung

Corona bestimmt den Stundenplan

Wie gehen Schulen mit der vierten Welle um? Wir haben in Düsseldorf, Frankfurt und Berlin nachgefragt

von Christine Schmitt  25.11.2021

Auszeichnung

Geschichtswettbewerb in Bellevue

Zwei Elftklässler der Frankfurter Lichtigfeld-Schule gewannen den 1. Preis des Bundespräsidenten

von Christine Schmitt  25.11.2021

Düsseldorf

»Müssen sich Juden verstecken?«

Eine Diskussion im NRW-Landtagsforum fragte nach jüdischer Lebensrealität heute

von Jan Popp-Sewing  25.11.2021