Dmitrij Kapitelman nach München einzuladen, war schon lange ein Wunsch des IKG-Kulturzentrums gewesen. Im Rahmen des Kulturprogramms des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde dies nun möglich, wobei es gar nicht viel Überredungskunst brauchte. Wie Kapitelman, der in München die Deutsche Journalistenschule besuchte, erzählte, ist er München-Fan geworden. Diese Stadt sei so anders als das, was er bis dahin kannte: erst seine frühe Kindheit in Kyjiw, dann die Plattenbausiedlung in Leipzig mit ihren Neonazis. In München lernte er Selbstverständlichkeit kennen, genoss es über den Viktualienmarkt zu gehen, fand die richtigen Freunde und Gefallen am »Slang«, seine Bezeichnung für die typische Münchner Ausdrucksweise.
Selbstverständliches, Unkompliziertes, Beiläufiges sind keine Begriffe, mit denen sich das Leben von Dmitrij Kapitelman assoziieren lässt. Seine bisherigen drei Bücher legen Zeugnis ab vom Entwurzelt-werden, Neuanfängen, von kulturellem Fremdbleiben, das seinen Eltern mehr zu schaffen machte als dem Sohn, der mit acht Jahren als »jüdischer Kontingentflüchtling« nach Leipzig verpflanzt wurde.
Wie perfekt er sich in die deutsche Sprache einfand, wurde im Auftritt Kapitelmans im Jüdischen Gemeindezentrum deutlich, nicht nur, weil er seine eigenen Texte nuanciert und pointiert in Deutsch vortragen kann, sondern auch das sächsische Lokalkolorit der ostdeutschen Kundschaft im »Magazin«, dem russischen Spezialitätengeschäft der Eltern, perfekt nachahmt; und weil er anschaulich die persönlichen Momente mit größeren Vorkommnissen im Weltgeschehen meisterhaft verbindet.
Sein erstes Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters ist diesem Elternteil und einer ersten gemeinsamen Israel-Reise gewidmet. Im zweiten ging es um Eine Formalie in Kiew, eine neue Geburtsurkunde als Voraussetzung für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft, im dritten, Russische Spezialitäten, um den Mikrokosmos im elterlichen Geschäft, der mit dem Ausbruch von Corona kaputtging und der Reise von Kapitelman jr. in die Ukraine nach der russischen Invasion von 2022. Der Autor betrachtet diese Trilogie als »politische Chronik«. Denn das erste Buch handle nicht nur von der Identitätssuche des Vater-Sohn-Gespanns, sondern auch davon, dass Israelis und Palästinenser nicht so tun könnten, als ob es die jeweils anderen nicht gäbe.
Ursprünglich habe er nur über das 1995 in Leipzig eröffnete Geschäft »Magazin« schreiben wollen
Im zweiten Buch ging es vordergründig um die Staatsbürgerschaft, dies jedoch in einem Bundesland, in dem die AfD schon fast 40 Prozent erreicht habe und man nicht als ausländisch und erst recht nicht als jüdischer Kontingentflüchtling gelistet sein wolle. Dieses Buch ende im Epilog, wie Kapitelman resümierte, mit einer Warnung vor Nationalismus und autoritärer Gewalt. Wohin diese führe, zeige sein drittes Buch am Beispiel der russischen Invasion in der Ukraine.
Ursprünglich habe er nur über das 1995 in Leipzig eröffnete Geschäft »Magazin« schreiben wollen. Zu dieser Zeit war die Sowjetunion erst seit wenigen Jahren nicht mehr existent, »der Staub aus ihrem Zerfall«, so formulierte es Kapitelman, »stand noch in der Luft«. Für viele Osteuropäer, postsowjetische und andere Diaspora-Nationalitäten des früheren Ostblocks – Ukrainer, Bulgaren, Russen, Weißrussen, Georgier, Rumänen, Letten, aber auch Ostdeutsche – sei dieser Laden zu ihrem Ort geworden. Dieser Hort politischer Selbstverortung bedeutete eine vermeintliche Nostalgie des Zusammengehörens, die – so Kapitelman – »so toxisch ist, die heute auch vom russischen Regime missbraucht wird«.
Stoff für Geschichten drängt sich überall in das Leben des Journalisten und Schriftstellers.
Bei den russischen Spezialitäten geht es also nicht nur um russische Lebensmittel, sondern auch um Zumutungen, solche, die Russland den Nachbarländern antut, ebenso wie innerfamiliäre. Wie etwa die, dass Kapitelmans Mutter dem russischen Staatsfernsehen glaubt und sogar im Moment eines Raketenangriffs über Kyjiw, bei dem sie ihren Sohn schließlich im Hotelbunker erreicht, diesen beruhigt, es bestehe keine richtige Gefahr. Russland beschieße ja ausschließlich militärische Ziele.
Stoff für Geschichten drängt sich überall ins Leben des Journalisten und Schriftstellers Dmitrij Kapitelman. Die Veranstaltung in München fand am vierten Jahrestag des Beginns der Vollinvasion in der Ukraine statt. Die Infrastruktur müsste nicht so zerstört sein, meint er, wenn man das angegriffene Land zu seinem Schutz besser unterstützt hätte. Für Kapitelman ist das Traurigste, nicht zu wissen, »wie viele solcher Jahrestage uns noch bevorstehen«.
Und doch kam auch das Komische nicht zu kurz. Am Ende des Abends schenkte der Autor einem Besucher sein eigenes Buch, versehen mit einer erklärenden Widmung. Der Mann war, nachdem er und seine Freunde hierfür Geld gesammelt hatten, nämlich mit 200 Euro gekommen, um russische Spezialitäten zu kaufen, und fand sich zu seiner Überraschung in einer deutschsprachigen Kulturveranstaltung wieder – ganz ohne Kolbasa, Smetana und Kwas.