Tourismus

Von Normalität keine Spur

Seit den Corona-Lockerungen könnte man annehmen, dass in Berlin die Normalität wieder eingekehrt ist: Touristen spazieren durch die Stadt, Restaurants sind gut besucht, die Straßen sind voll, Stadtrundfahrten per Bus und Schiff finden wieder statt. Kurzum: Ist doch wieder alles in bester Ordnung oder wenigstens auf dem Weg dorthin?
»Leider nein«, sagt Asaf Leshem.

Pandemie Der 45-Jährige bietet seit 2010 Fahrradtouren durch Berlin und Brandenburg an. Seit Ausbruch der Pandemie sei sein Geschäft vollständig eingebrochen. Ein Tourguide – das war er einmal. Nun nutzt er die Zeit, um seine Doktorarbeit fertig zu schreiben. »Auch nicht verkehrt«, sagt er.

Doch die Sommermonate hatte er sich anders vorgestellt. »Das ist normalerweise unsere Hochsaison, das sind die Monate, in denen ich mein Jahreseinkommen verzeichne.« Das gehe nun gegen null, sagt der gebürtige Israeli.

REGION Die finanzielle Lage sei das eine Problem. »Das andere ist, dass der Job weggefallen ist – ein Job, den ich liebe«, sagt Asaf Leshem. »Ich liebe es, Menschen zu treffen, ihnen die Region zu zeigen, ihnen von der jüdischen Geschichte zu erzählen und unterwegs zu sein.« Er schätzt, dass es vor der Corona-Krise etwa 500 bis 600 Vollzeit-Tourguides in der Hauptstadt gegeben hat. »Ich denke, viele von denen werden jetzt versuchen, woanders Fuß zu fassen«, sagt der Wahl-Berliner.

Die Krise für einen Karrierewechsel zu nutzen – das ist ein Schritt, den Tamar Gablinger gemacht hat. Mit ihrem Ehemann Nadav führt sie seit einigen Jahren vor allem Touristen aus den USA und Israel durch die Hauptstadt. »Im März haben wir dann entschieden, dass sie ihre Lehrerinnentätigkeit aufnimmt«, sagt der 47-jährige Nadav. Das Studium werde sie in einem Jahr abschließen, doch schon jetzt dürfe sie unterrichten. »Einen Job zu bekommen, war nicht schwer«, sagt er. »Da haben wir Glück gehabt.« Seine Aufgabe sei es nun, sich um die Betreuung der beiden Kinder zu kümmern.

Vor der Krise gab es etwa 600 Vollzeit-Guides in der Stadt.

Mehr Zeit zu haben, mache ihn glücklich. »Dank Corona habe ich auch zum ersten Mal wieder richtigen Urlaub gemacht, seit 14 Jahren war das nicht mehr der Fall. Ich habe weder Anrufe auf meinem Handy entgegengenommen noch E-Mails gelesen und beantwortet«, sagt Nadav Gablinger. »Was habe ich diese Zeit genossen«, schwärmt er.

Er nimmt nicht an, dass er seine Tätigkeit als Tourguide zeitnah wieder voll ausüben kann. »Vielleicht kommt es 2021 zurück, vielleicht dauert es aber noch viel, viel länger«, sagt er. Die Mehrzahl seiner Kunden seien ältere Menschen gewesen. »Ob die bald wieder reisen werden?«, fragt er sich.

Von digitalen Touren hält der 47-Jährige nicht viel. »Ich habe es ausprobiert und verstanden, dass das nicht meins ist«, sagt Nadav Gablinger. »Ich brauche die Augen, ein Gegenüber, wenn ich spreche und durch die Stadt führe.«

Um seinen Job nicht gänzlich aufzugeben, bietet er seit Kurzem Touren in deutscher Sprache an. Ein-, zweimal im Monat komme eine kleine Gruppe zusammen. Das sei besser als nichts, meint er.

KIEZ-TOUREN Den Kopf nicht in den Sand stecken – das ist auch Shlomit Laskys Motto. Sie möchte nun ebenfalls deutschsprachige Touren anbieten. Derzeit bereitet sie sich auf zwei Führungen vor: Die eine werde im Bezirk Prenzlauer Berg stattfinden, die andere in Schöneberg. Mit den Teilnehmern die jüdische Geschichte dort zu entdecken, das sei ihr Ziel.

Keiner kann derzeit groß verreisen, da fangen einige an, die eigene Stadt zu erkunden.

Lasky setzt dabei auf die Neugier der Einheimischen. »Keiner kann derzeit groß verreisen, da werden hoffentlich einige anfangen, die eigene Stadt erkunden zu wollen und sie aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen«, sagt die 42-Jährige.

Shlomit Lasky lebt seit 2010 in Berlin. Sie wurde in Israel geboren, wuchs in Hongkong auf und studierte in Tel Aviv und London. »Man könnte sagen, die Welt ist mein Zuhause, ich bin eine wandernde Jüdin«, sagt sie. Wie viele ihrer Kollegen liebe sie an ihrer Guide-Tätigkeit vor allem den Kontakt zu den Menschen. »Das vermisse ich sehr.«

Auch wenn sie derzeit ihre Kieztouren plant und im Alltag gut beschäftigt ist – sie arbeitet außerdem als Autorin –, macht sie sich dennoch Sorgen. »Es gibt auch harte Momente, in denen ich denke, dass es vielleicht nichts wird«, sagt sie. Aber ihr Antrieb überwiegt: »Ich möchte einfach nicht damit aufhören.«

Manche satteln beruflich um, andere probieren neue Konzepte aus.

Jörg Benario, 53 Jahre alt, sitzt während des Telefoninterviews mit der Jüdischen Allgemeinen am Plauer See in Mecklenburg-Vorpommern. Campen mit seiner Tochter – das wäre Anfang August für gewöhnlich nicht der Fall gewesen. Auch für ihn gehören die Sommermonate zur Hauptsaison.

VERANSTALTUNGEN Jörg Benario ist seit 35 Jahren Stadtführer. »Meine erste Stadtrundfahrt hatte ich am Jahrestag der Befreiung, dem 8. Mai 1985, da war ich 17. Die Truppe bestand aus 40 russischen Kindern, die zum Tag des Sieges nach Berlin gekommen waren«, sagt der gebürtige Berliner, der in der DDR aufgewachsen ist.

Die Tätigkeit hat ihn immer begleitet, auch in jener Zeit, als er Galerie- und Kneipenbesitzer war: Von 1994 bis 1998 handelte er erst mit Kunst, dann eröffnete er ein Lokal in Prenzlauer Berg, das eine Mischung aus Eckkneipe und Cocktailbar war. Als sich die Gegend immer mehr veränderte, ein Haus nach dem anderen verkauft und saniert wurde, schloss er mit dem Projekt ab und widmete sich von nun an ganz der Stadtführung. Das war 2008.

Jörg Benarios Kundschaft bestand vor allem aus Teilnehmern von Veranstaltungen, Kongressen und Tagungen. Für größere Firmen hat er Stadt-Rallyes und Teambuilding-Maßnahmen konzipiert. »Das ist jetzt alles weggefallen«, sagt er. »Ich hoffe, dass es irgendwann irgendwie weitergeht.«

SCHEUNENVIERTEL Seine Guide-Tätigkeit hat er dennoch nicht gänzlich an den Nagel gehängt. »Alle paar Wochen zeige ich Interessierten das jüdische Berlin, das sind aber keine festen Touren, ich nenne das eher ein missionsbedingtes Angebot«, sagt der 53-Jährige.

Ihm sei aufgefallen, dass es unter seinen Kollegen auch schwarze Schafe gebe, »die erzählen dann allerlei Unsinn, wie oft habe ich zum Beispiel schon gehört, dass das Scheunenviertel in Mitte ein jüdisches Viertel gewesen sein soll. So ein Quatsch!«, sagt er. Aufzuklären und die Geschichte richtig darzustellen – dazu fühlt er sich noch heute verpflichtet.

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