Köln

Von Adenauer bis Benedikt

Da vorne bin ich reingekommen. Auf einem blauen Kissen habe ich den Schlüssel für die Synagoge gebracht», erzählt Ernst Goldschmidt seinem Gesprächspartner und fügt mit einer Handbewegung hinzu: «Ich war damals fünf Jahre alt. Und da in der ersten Reihe saß wohl irgendwo Ihr prominenter Großvater.»

Festakt Der hieß Konrad Adenauer – genauso wie der Mann, mit dem Ernst Goldschmidt sich gerade unterhält. Beim Festakt zur Feier des 60. Jahrestags der Wiedereröffnung der Synagoge an der Roonstraße in Köln trafen sich die beiden Männer zum ersten Mal.

Ernst Goldschmidt ist der Sohn von Helmut Goldschmidt, der seinerzeit als Architekt den Wiederaufbau der Synagoge realisierte. Konrad Adenauer ist der Enkel des ehemaligen Bundeskanzlers und Kölner Oberbürgermeisters, ohne den der Wiederaufbau wohl nicht zustande gekommen wäre.

Finanzierung Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass Adenauer beim Hinweis auf die problematische Finanzierung des Wiederaufbaus lapidar und in seinem typisch rheinischen Tonfall geantwortet habe. «Dat lassen Se mal meine Sorge sein.» Neben Adenauer, der großen Wert darauf legte, dass nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust die erste Synagoge Deutschlands in seiner Heimatstadt Köln wiedererrichtet wurde, war es das Land Nordrhein-Westfalen, das den Aufbau tatkräftig unterstützte.

Das Land NRW hat den Wiederaufbau der Synagoge unterstützt.

Am 20. September 1959 wurde der markante neoromanische Bau, der 1899 als liberale Synagoge eröffnet hatte und in der Pogromnacht 1938 weitgehend zerstört worden war, wieder geöffnet. Adenauer äußerte damals «die Hoffnung, die Gewissheit auf eine andere, gute Zukunft». Doch wie sehr die Vergangenheit zwischen den Menschen stand, zeigte sich schon wenige Wochen später. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember wurde das Gebäude durch Hakenkreuzschmierereien geschändet – 700 weitere derartige Aktionen in ganz Deutschland sollten folgen.

Nur 14 Jahre nach dem Ende des Holocaust war es alles andere als selbstverständlich, dass jüdisches Leben sichtbar wurde. 11.000 Juden der ehemals fünftgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland waren von den Nationalsozialisten ermordet worden. «Wir werden toleriert. Das ist alles», stellte nüchtern der erste Rabbiner der Synagogen-Gemeinde (SGK), Avi Asaria, fest und warnte, es sei noch zu früh, von einer Zukunft der jüdischen Gemeinde in Köln zu sprechen.

Verdrängung NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kommentierte dies folgendermaßen: «Die 50er-Jahre waren so etwas wie die Verdrängungsjahre, die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Holocaust begann erst einige Jahre später mit den Auschwitz-Prozessen.»

Eigentlich war die Synagoge für die Gemeinde damals zu groß dimensioniert. «Heute können wir dankbar dafür sein», merkte Lehrer mit Blick auf das vielfältige blühende Gemeindeleben an. Zahlreiche hochrangige Vertreter aus der Bundes-, Landes und Kommunalpolitik, bedeutender gesellschaftlicher Einrichtungen sowie viele Vertreter des jüdischen Lebens in Deutschland waren zum Fest erschienen.

Lehrer erinnerte dankbar an herausragende freudige Anlässe, die mit dem Gebäude in Verbindung stehen. Etwa die Wiedereinbringung der beiden Torarollen von 1902. Sie waren 1938 von dem katholischen Priester Gustav Meinertz aus der brennenden Synagoge gerettet und der Gemeinde nach dem Krieg zurückgegeben worden. 2007 wurden die Torarollen auf Initiative des damaligen Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner und mit finanziellen Mitteln des Erzbistums Köln in Israel wiederhergestellt. Beim damaligen Gedenken an die Pogromnacht wurden sie in Anwesenheit der beiden Oberrabbiner Israels eingebracht.

Papstbesuch Ein weiteres herausragendes Datum war 2014 die Ordination von vier jungen Männer zu Rabbinern. «Das war ein besonderer Moment für die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland.» Und neben den Visiten verschiedener Bundeskanzler und Bundespräsidenten war es der Besuch des katholischen Kirchenoberhaupts Benedikt XVI. im Jahr 2005. «Ein weltweit beachtetes Ereignis, von dem die Stadt, das Land und die Gemeinde bis heute profitieren», hob Lehrer hervor. Bei seiner Visite hatte der damalige Papst die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen hervorgehoben und jeglichen Antisemitismus verurteilt.

Der gegenwärtig seit Jahren immer offener zutage tretende Judenhass war denn auch ein Aspekt, den alle Redner thematisierten. «Wer Deutschland liebt, ist Antisemit», zitierte der Zentralratsvize Parolen aus der rechten Szene. Ministerpräsident Armin Laschet bekannte: «Der Antisemitismus war nie weg.» Es sei zu einfach, ihn nur mit eingewandertem Antisemitismus zu begründen. Seine Rede wurde mit Applaus unterbrochen, als er forderte: «Überall in Deutschland muss man zu jeder Tages- und Nachtzeit die Kippa tragen dürfen.»

«Der Antisemitismus
war nie weg.» Ministerpräsident Armin Laschet

Allen Rednern war es wichtig, zu betonen, welche Bedeutung die nachweislich älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen im Leben der Rheinmetropole und darüber hinaus besitzt. «Wir sind stolz darauf, dass das jüdische Leben bei uns in Nordrhein-Westfalen seit vielen Jahren nicht nur einen festen Platz hat, sondern dass unser Land für immer mehr Menschen jüdischen Glaubens zur Heimat geworden ist», betonte Laschet und ergänzte: «Das ist ein erfreuliches und vor allem wichtiges Signal, gerade in Zeiten von zunehmendem Antisemitismus und Fremdenhass.» Die Synagogen-Gemeinde sei essenzieller Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Köln. «Durch ihre vielen sozialen Angebote trägt die Gemeinde zu einem friedlichen und bereichernden Miteinander bei.»

zukunft Dies griff auch Gemeinderabbiner Yechiel Brukner auf. Er teilte die zurückliegenden sechs Jahrzehnte in zwei Phasen ein. Die ersten 30 Jahre haben im Zeichen der Etablierung gestanden: «Zögernd und mit Misstrauen und doch im Glauben an eine Zukunft.» Die zweiten 30 Jahre stellte die Gemeinde vor allem vor die Herausforderung der Integration vieler osteuropäischer Juden nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. «Was sind die Herausforderungen für die nächsten 30 Jahre?», fragte Brukner und fügte hinzu: «Werden wir doch wieder zum Wanderstab greifen müssen?»

Gleichwohl blickte der Gemeinderabbiner optimistisch voraus und nannte Lehre, Gottesdienst und Gebet sowie Wohltätigkeit als den existenziellen Mikrokosmos für die SGK. Es komme darauf an, den Weg jüdischer Traditionen, authentischen Judentums sowie der Lebensrealität zu gehen. «Wir stehen und sind standhaft auf Kölner Boden und beten Richtung Jerusalem», sagte der Rabbiner.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) würdigte die engen Beziehungen zwischen der Stadt Köln und der Gemeinde. «Die Synagoge gehört zu Köln wie der Dom und der Rhein.» Mit Blick auf den Anstieg antisemitischer Straftaten diagnostizierte sie eine «Verschiebung der Grenzen des Sagbaren» und mahnte zu Wachsamkeit. Trotz Initiativen gegen rechts und Hilfsangeboten sei Zivilcourage gefordert. Diese solle sich auch in Taten zeigen.

Miqua Das Kölner Stadtoberhaupt sicherte zu, alles dafür zu tun, dass die «MiQua», das geplante jüdische Museum im Archäologischen Quartier in der Kölner Altstadt, bis zum Jubiläumsjahr 2021 der Öffentlichkeit übergeben werden könne. Auch die seit Jahren diskutierte Einrichtung eines jüdischen Gymnasiums in der Rheinmetropole thematisierte die Oberbürgermeisterin zum wiederholten Male. «Wir wünschen uns, dass die Stadt bald auf uns zukommt und uns eine rasche Lösung unterbreitet», sagte Abraham Lehrer.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, leitete seine Festrede mit dem Hinweis ein, dass «wir uns heute in einer ambivalenten Situation befinden, so wie die wechselvolle Geschichte dieser Synagoge. Freude und Leid liegen gerade hier in Köln nah zusammen.» Einerseits seien die Gemeinden in der Bundesrepublik auf einem positiven Weg in die Zukunft. Andererseits werde das Klima in der Gesellschaft judenfeindlicher.

Vorausblickend auf das Jahr 2021, in dem sich die erste Erwähnung der Kölner Gemeinde durch ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahre 321 jährt, sagte Schuster optimistisch: «Diese 1700 Jahre machen deutlich, wie lange das Judentum schon in Deutschland präsent und prägend ist.» Andererseits könne der Blick auf die Zahlen antisemitischer Straftaten sowie die jüngsten Ergebnisse von Landtagswahlen «einem die Festtagsstimmung vermiesen». Daher stelle sich die grundsätzliche Frage nach der Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland. Es sei ein «politischer Klimawandel» notwendig.

Zivilgesellschaft Dass es diesen geben könne, machte der Zentralratspräsident daran fest, dass der Staat – anders als vor 80 Jahren – und bedeutende Gruppen der Zivilgesellschaft verlässlich an der Seite der jüdischen Gemeinde stehen. Staat und die Strafverfolgungsbehörden nähmen Vorfälle und Übergriffe gegen Juden und jüdische Einrichtungen sehr ernst. Auch die Kirchen nähmen ihre «Schlüsselrolle» an und setzten sich verlässlich und solidarisch für die jüdischen Menschen und Gemeinden ein. Eine weitere Schlüsselrolle wies Schuster den Vertretern der Medien zu und mahnte sie zu einem «ausgeprägten Verantwortungsgefühl gegenüber Israel».

Besonders wichtig war es Schuster, auf die Bedeutung von Schulen und Ausbildung hinzuweisen. Judentum dürfe nicht immer nur im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und damit in der Opferrolle gelehrt werden. «Es gilt, die Lehrerausbildung breiter aufzustellen und fundierter die Inhalte über jüdische Religion, Kultur und Geschichte zu vermitteln.» Der Zentralrat habe dazu schon verschiedene Projekte angeschoben.

Staat, Polizei und Medien kommen besonders wichtige Rollen zu.

«Wir müssen die florierende Kultur angesichts des steigenden Antisemitismus weiter schützen», hatte Armin Laschet betont. In diesem Sinne erinnerte Oberbürgermeisterin Reker daran, dass die Gemeinde die Hoffnung nie verloren habe.

Verbindung Nur so lasse sich das «Wunder» der Neugründung nach dem kompletten Verlust jüdischen Lebens erklären. «Die Juden, die nach Köln zurückkehrten, haben trotz unermesslichen Leids ihre Hand ausgestreckt, die Kraft zum Neuaufbau gefunden und an eine Zukunft in Köln geglaubt.» Das Jahr 1959 markiere den Beginn der Renaissance der Gemeinde sowie die seitdem immer enger werdende Verbindung mit der Stadt. Die Gemeinde habe sich selbstbewusst und wachsend als fester Bestandteil und Bereicherung in die Stadtgesellschaft eingebracht.

In der Freude über das Synagogenjubiläum wurde aber auch jene ambivalente Situation spürbar, die Schuster ausgemacht hatte. Nüchtern wies er darauf hin, dass sich zwar die Mehrheit in Deutschland für Freiheit, Demokratie und eine tolerante Gesellschaft einsetze und der Staat auch die notwendigen Rahmenbedingungen für ein derartiges gesellschaftliches Engagement geschaffen habe.

«Jedoch dürfen wir Juden nie wieder den Fehler machen, die Situation schönzureden.» Die Juden befanden sich 1945 nicht nur in Köln in einer seelischen Trümmerlandschaft. «Vom Mut der damaligen Generation sollten wir uns ein Stück für die Zukunft abschneiden.» In diese blickt Schuster «beunruhigt, nicht pessimistisch».

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