Kunst

Von Aal bis Zwirn

Es sind auf den ersten Blick zunächst unscheinbare Bilder: Namen in fortlaufender Schrift, darüber Bildumrisse, ein Vogel zum Beispiel, ein Schmetterling, Trauben. Sie verwandeln die Namen zu kunstvollen Bildern. 30 Werke, geschaffen von Renate Rosenberg aus Nürnberg, sind noch bis zum 25. März im Foyer des Jüdischen Gemeindezentrums zu sehen. »Von Arthur Aal bis Rosa Zwirn – die schönsten jüdischen Namen deutscher Sprache« lautet der Titel. Wie diese Kunstwerke entstanden sind, erläuterte der Publizist und Ehemann der Künstlerin, Leibl Rosenberg. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit im Münchner Gemeindezentrum statt.

Dialog Der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit, Abi Pitum, zugleich Vorstandsmitglied der IKG, begrüßte die Gäste. Zum Referenten des Abends gewandt, betonte er, dass auch dieser »der aktive Dialog zwischen deutschen Juden und anderen Deutschen wichtig« ist. Dazu brauche es gegenseitigen Respekt. Das nun präsentierte Projekt jüdischer Namen hat, so Leibl Rosenberg, seinen Anfang vor rund 15 Jahren genommen. Ihnen war die Schönheit jüdischer Namen bewusst geworden, erzählte der Referent: »Gleichzeitig kamen die Erinnerungen an Menschen, die wir kannten und kennen oder auch gerne kennengelernt hätten, die großartige Namen trugen oder tragen. Ich begann, wie besessen Listen anzulegen und damit den neuerworbenen Computer zu füttern.« Die Namen fanden sie in Adressbüchern, Mitgliederlisten jüdischer Gemeinden, Gedenkbüchern und Deportationslis- ten, später auch im Internet.

Dabei war es den beiden Sammlern immer wichtig, dass es echte Namen sein mussten: »Kein Name ist erfunden, geändert oder manipuliert. So viel Respekt erwarten wir alle für uns selbst, so viel Respekt gebürt auch den Namensträgern«, unterstrich Rosenberg. Und diese Namen sollten vollständig sein, sowohl Vorname als auch Familienname mussten bekannt sein oder ermittelt werden. Genau wie die beiden Titelgeber der Ausstellung, die am Anfang und am Ende der langen Liste stehen: Arthur Aal war Rechtsanwalt in Nürnberg, hatte 1901 über das preußische Rentengut promoviert und am 4. August 1912 die Nürnbergerin Charlotte Lauinger geheiratet. Rosa Zwirn wurde 1905 in Turek im russisch-polnischen Gouvernement Kalisz geboren. 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.

leckerei Aber wie sind all diese rund 10.000 kunstvoll auf Papier notierten Menschen zu ihren Namen gekommen? Leibl Rosenberg unternahm mit seinen Zuhörern einen Ausflug in die Historie: Da gibt es den Verweis auf die Eltern wie Mendelsohn oder Esthersohn, Herkunftshinweise wie Frankfurter oder Österreicher. Dazu kämen die Verweise auf ein bestimmtes Handwerk. Rosenberg führte Beispiele an wie Knöpfelmacher, Schuster oder Metzger. Heiterkeit und wohl auch Lust auf Leckereien löste beim Publikum der Name Lekachmacher aus. Wie aber kommen eher seltene Namen wie Schmetterling und Wieseltier, Sonnenblick und Regenstreif in die Register? Nachnamen als solche seien bei Juden erst seit rund 200 Jahren üblich, führte Rosenberg aus.

Im Jahr 1785 beschloss Joseph I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dass seine Untertanen »nachvollziehbare und kontrollierbare Namen« bekommen sollten. Die ausführende Staatsmacht bestand in vielen Fällen, insbesondere in kleinen Orten allenfalls aus dem Polizisten und dem Lehrer. Letzterem waren neben der Bibel nur der »Orbis Sensuarium Pictus« (Die sichtbare Welt) zugänglich, ein Buch, in dem Johann Amos Comenius alles damals Wissenswerte festgehalten hat. Daraus konnten die Namensregistrierer schöpfen. Um einen Namen zu einem Kunstwerk zu machen, hat Renate Rosenberg dieses Sprachbild mit Illustrationen zum Klingen gebracht.

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 30.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Düsseldorf

Attacke auf Juden wird Thema im Landtag NRW

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Juden am vergangenen Dienstag sucht die Polizei weiter nach den Tätern. Nun soll Innenminister Reul (CDU) im Innenausschuss Auskunft geben

 28.09.2026

Architektur

Von Brandenburg nach Haifa

In Finow wird ein historisches Kupfer-Haus restauriert. Einst von Walter Gropius modernisiert, zogen die mobilen, industriell gefertigten Bauten mit ihren Eigentümern bis nach Palästina

von Mark Feldon  27.09.2026

Literatur

Wenn Fiktion zur Geschichtsschreibung wird

Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani stellte im Gespräch mit Richard C. Schneider seinen neuen Roman »Nicht« vor

von Nora Niemann  27.09.2026

München

»Ihr Licht ist nicht verloschen«

Die Frauen-Mikwe der Gemeinde trägt seit Kurzem den Namen von Rebbetzin Shoshana Brodman

von Luis Gruhler  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026