Porträt der Woche

Vom Buch zur Bühne

»Meine Familie war eine Zeit lang die Schule, dann der Verlag und nun einige Menschen im Theater«: Abraham Teuter (76) aus Frankfurt Foto: Michael Faust

Porträt der Woche

Vom Buch zur Bühne

Abraham Teuter gründete zuerst einen Verlag und dann ein Theater

von Eugen El  06.04.2024 22:31 Uhr

Ich habe eher eine Berliner Sozialisation als eine bewusst jüdische. So habe ich in den 50er-Jahren in Steglitz die Grundschule besucht und in Schöneberg die weiterführende Schule. Jüdische Mitschüler hatte ich praktisch keine. Die Jüdische Gemeinde in Berlin bot Religionsunterricht für Kinder an, den ich zwar besucht habe, aber beeindruckt hat mich das nicht. Für meine Barmizwa hatte ich sogar einen Religionslehrer – aber danach konnte ich Hebräisch genauso wenig wie vorher.

Geboren wurde ich 1948 in München. Das war eher Zufall. Meine Eltern waren polnische Juden, die den Krieg außerhalb Polens überlebt hatten. Dorthin wollten sie nach dem Krieg nicht zurück. Deswegen gingen sie nach Deutschland – mit dem Ziel, irgendwann in den Vereinigten Staaten zu landen. Sie blieben aber in München hängen, weil sie aufgrund ihres Status Geschäfte machen konnten, die anderen eher verwehrt waren. Als sie dann endlich doch nach Amerika wollten, wo schon eine Tante von mir auf sie wartete, wurde ich krank. Da haben sie sich gedacht: Wir bleiben hier. Und seitdem leben wir dauerhaft in Deutschland. Auch mein Bruder ist hier geboren, zwei Jahre nach mir.

Meine Eltern haben darauf bestanden, dass wir miteinander Deutsch reden

Meine Eltern haben darauf bestanden, dass wir miteinander Deutsch reden, obwohl es nicht ihre Muttersprache war. Sie selbst sprachen Polnisch, wenn sie wollten, dass wir sie nicht verstehen. Aber ansonsten redeten sie Deutsch. Es gab eine Zeit, da war ich mehr an der jüdischen Gemeinde interessiert als meine Eltern. Mein Vater ist in die Synagoge gegangen – als Erinnerung an seinen Vater. Meine Mutter hat keinen Sinn darin gesehen, die Synagoge zu besuchen. Auch war unser Haushalt nicht koscher.

Die meisten in meinem Alter hatten Großeltern. Ich nicht. Warum? Sie wurden ermordet.

Als ich vier oder fünf war, sind wir von München nach West-Berlin gezogen, aus rein ökonomischen Gründen. Ich kann mich noch genau erinnern, dass meine Eltern eine Zeit lang einen Süßwarenladen an der Sektorengrenze in der Chausseestraße hatten. Das war eigentlich nur Fassade. Denn hauptsächlich haben sie irgendwie West- und Ostgeld getauscht. Das war natürlich nicht offiziell, aber wahrscheinlich konnte sich der Laden damit überhaupt über Wasser halten. Nach dem Mauerbau sind wir dann nach Frankfurt gegangen, wo ich seitdem lebe.

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt hatte in den 60er-Jahren eine Schule gegründet. Ich war der Ansicht, wenn ich gegen eine evangelische oder katholische Schule bin, dann bin ich auch gegen eine jüdische. Diese Meinung habe ich auch heute noch. Kinder, die bei uns in der Nord­endstraße wohnen, sollten mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft gemeinsam zur Schule gehen und gemeinsame Erlebnisse haben. Ich bin Jude, ja. Das ist mir auch wichtig. Aber das heißt nicht, dass meine Kinder oder meine Enkelkinder in eine jüdische Schule gehen. Denn für das Jüdischsein sind wir selbst da, nicht die Schule.

Mein Jüdischsein definiere ich nicht religiös. Als Jude lebe ich mit einer anderen Familiengeschichte. Die meisten Menschen in meinem Alter hatten Großeltern. Ich nicht. Warum? Weil sie ermordet wurden. Und ich werde das nie vergessen. Als mein Bruder und ich auf die Welt kamen, waren meine Eltern zu zweit – abgesehen von der Tante, die nach Amerika ausgewandert war.

Mir war immer klar, dass wir anders sind

Meine Kinder und meine Enkel leben mit Großeltern. Mein Verhältnis zur fünfjährigen Tochter meiner Tochter ist sehr persönlich. So etwas konnte ich selbst als Kind nicht erleben, weil ich mit meinem Bruder und meinen Eltern allein lebte. Da gab es keine Großeltern. Auch wenn ich nie im KZ saß und nur wenig Antisemitismus erleben musste, war mir immer klar, dass wir anders sind – nicht wegen der Religion, sondern wegen der anderen Geschichte.

Meine Frau und ich hatten zeitweise einen eigenen Verlag, den Alibaba Verlag. Der ursprüngliche Grund dafür waren englische Kinderbücher, die ich deutlich besser fand als die deutschen, weil sie viel weniger einschränkend-erzieherisch waren. Wir sind mit unseren damals kleinen Kindern in London in eine Buchhandlung gegangen und haben Kinderbücher gekauft. Dabei habe ich festgestellt, dass sie viel witziger und ernsthafter waren in der Geschichte, die sie erzählen – während deutsche damals, also vor fast 50 Jahren, hochgradig langweilig waren.

So sind wir auf die Idee gekommen, dass wir diese englischen Kinderbücher übersetzen und in Deutschland herausbringen. Dann hat es sich ergeben, dass wir in London den deutsch-jüdischen Autor Erich Fried besucht haben. Er freute sich, dass jemand da war, mit dem er Deutsch sprechen konnte. Und er hat uns Sachen vorgelegt, die er geschrieben hat, die aber nie veröffentlicht wurden. Also haben wir gesagt: Wir verlegen das. So kam neben den Kinderbüchern auf einmal Literatur dazu.

Aus privaten Gründen in Israel

Später waren wir aus privaten Gründen in Israel und haben dort ein weiteres Buch gefunden, das wir verlegen wollten. Der Autor war ein israelischer Politiker, der seine Geschichte erzählen wollte: die Geschichte eines jüdischen Jungen, der im Irak aufgewachsen war und sein Erwachsenenleben in Israel verbrachte. Dorthin war er ausgewandert, ohne es zu wollen.

Bis zur Gründung Israels gab es in Ländern wie Marokko und dem Irak eigentlich ein Zusammenleben zwischen jüdischen und arabischen Menschen. Nach der Staatsgründung waren diese Menschen auf einmal Zionisten – was sie im Leben nie waren! Sie wurden deswegen aus den arabischen Ländern vertrieben und zum Teil ermordet: Wenn man den Staat Israel nicht besiegen kann, besiegt man eben die Juden in Bagdad.

Irgendwann hatte ich dann auch Yoram Kaniuk und weitere israelische Autoren im Programm. Der Verlag hatte aber nicht den erhofften Erfolg. Die Bücher verkauften sich nicht so gut. Das Entscheidende aber war: Ich war Vollzeitlehrer, und als Verleger arbeitete ich im Zweitberuf. Ich hatte also eine finanzielle Absicherung, falls es mit dem Verlag nicht klappen sollte.

Meine Frau wollte mit etwas Eigenem zum Familien­einkommen beitragen

Meine Frau hatte so etwas nicht. Sie wollte mit etwas Eigenem zum Familien­einkommen beitragen. Deshalb stieg sie in den Verlag ein und glaubte, damit Geld verdienen zu können. Es stellte sich heraus, dass das nicht ging. Es war sehr deprimierend für sie. Dann bekam meine Frau das Angebot, an einer Schule in Frankfurt den Aufbauunterricht für aus Osteuropa zugewanderte Kinder zu geben.

Mit meinen Schülern habe ich einmal ein spannendes Theaterstück inszeniert, mit dem wir hier und da aufgetreten sind. So kam ich auf die Idee, das regelmäßig zu machen. Eine Zeit lang liefen so Theater und Schule nebeneinander her. Als ich 65 wurde, meinte mein Schulleiter, ich müsste gehen. Das ist jetzt elf Jahre her. Da hatte ich nur noch das Theater. Zuerst spielten wir an verschiedenen Orten. Ich suchte nach einer festen Spielstätte und fand sie im Frankfurter Stadtteil Oberrad.

Bei Schauspielern ist mir wichtig, dass sie menschlich umgänglich sind.

Die Räume erschienen überschaubar, schön und bezahlbar. Daraufhin habe ich sie mithilfe ehemaliger Schüler eingerichtet, und das Theater bekam den Namen Megalomania. Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Es kamen neue Leute dazu. Bei Schauspielern ist mir wichtig, dass sie menschlich umgänglich sind. Mit denjenigen, die ins Theater kommen, um dort zu arbeiten, will ich schließlich gern etwas gemeinsam entstehen lassen. Wenn jemand etwas auf die Beine stellen möchte, dann lasse ich ihn machen.

Eines der besten Theaterstücke, die meine Frau und ich in London gesehen hatten, heißt auf Deutsch »Mischmasch«. Es ist ein amerikanisches Stück und handelt von einer jüdischen Familie in New York. Ich fand es sehr bewegend. Dann habe ich das Stück aus dem Englischen übersetzt, und wir haben es gespielt. Trotz unserer finanziellen Probleme hätte ich gern, dass das Megalomania Theater die Stücke, die ich für den Sommer vorgesehen habe, auch spielt. Es sind alles Komödien – richtig witzige Sachen, zum Beispiel A Night at the Opera von den Marx Brothers und eine Komödie von Walter Hasenclever.

Bevor wir diese Komödien machen, arbeiten wir noch an der Wesker-Trilogie, die von der jüdischen Familie Kahn handelt, die aus Osteuropa in das sehr proletarische London gezogen ist. Das ist eine sehr spannende Sache mit erstklassigen Schauspielerinnen und Schauspielern. Aus der jüdischen Prägung erwächst bei mir eine Loyalität innerhalb einer sehr kleinen Gruppe, und zwar der Familie.

Aber eine Loyalität den jüdischen Menschen in Frankfurt gegenüber hat sich nicht ergeben. Die Menschen, mit denen ich enger verbunden bin, sind solche, die ich entweder privat oder im Rahmen des Theaters erlebt habe. Meine Familie war eine Zeit lang die Schule, dann war es unser Verlag. Nah wie meine Familie waren mir lange Menschen in der Schule – Kinder und Jugendliche noch öfter als Kollegen – und jetzt Menschen in der Theatergruppe. Aber: Meine Familie bleibt meine Familie: Kinder und Enkelkinder.

Aufgezeichnet von Eugen El

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