Schwerin

Virtuell durch die ehemalige Synagoge

Virtueller Blick in die Synagoge Foto: TU Darmstadt

»Ich habe mich gefühlt wie eine Dame, die Anfang des 20. Jahrhunderts in die Synagoge kam und am Gottesdienst teilgenommen hat.« Das sagte Janina Kirchner, als sie das erste Mal die Virtual-Reality-Brille aufgesetzt und für rund zwei Minuten im ehemaligen Schweriner Gotteshaus »zu Gast« war. Die Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde lebt inzwischen seit fast drei Jahrzehnten in Schwerin, sie kam 1994 aus dem ukrainischen Czernowitz nach Deutschland.

So wie Janina Kirchner geht es auch allen anderen Gemeindemitgliedern und Schweriner Nichtjuden – niemand weiß mehr, wie die ehemalige Synagoge genau ausgesehen hat. Denn in der Pogromnacht 1938 wurde der Fachwerkbau am Schweriner Schlachtermarkt von Nazihorden so verwüstet, dass er wenig später abgerissen wurde.

Idee 85 Jahre später und auch 250 Jahre nach ihrer Erbauung ist diese Synagoge nun wieder erlebbar geworden. Die Idee dazu entstand vor rund zwei Jahren, im Februar 2021, bei der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Deren Landesvorsitzende ist Maria Schümann, und sie wusste, dass es nur zwei Fotos von der alten Synagoge gibt, darüber hinaus aber kaum Informationen.

Gemeinsam mit Experten der TU Darmstadt machte sie sich auf Spurensuche: »Wir brauchten Dokumente, also Fotos, Beschreibungen von der Farbgebung des Gebäudes. Eben alles, was mit Bau und Ausstattung zu tun hatte.« Maria Schümann recherchierte in Archiven und korrespondierte mit Einrichtungen in Israel.

Es waren vor allem Details, mit denen Marc Grellert dann weiterarbeiten konnte. Der Leiter des Forschungsbereichs Virtuelle Rekonstruktion an der TU Darmstadt ist zugleich Mitbegründer der Firma »Architectura Virtualis«. In den vergangenen Jahren konnten bereits rund 30 Synagogen deutschlandweit in Bild, Video und Modell wiederaufgebaut werden, unter anderem Gebäude in Berlin, Mannheim, Plauen und Frankfurt am Main. In Norddeutschland wurde bislang lediglich die Synagoge am Hamburger Bornplatz rekonstruiert, allerdings nur von außen.

Anfang der 1990er-Jahre entstand wieder eine lebendige jüdische Gemeinde in Schwerin.

Für das Schweriner Gotteshaus ergab sich eine besondere Herausforderung, so Marc Grellert: »Wir hatten eine Fotografie des Innenraums, wo die wesentlichen Ausstattungselemente einer Synagoge–- der Toraschrein, die Bima – relativ gut abgebildeten waren. Man hat auch die Ornamentik gesehen, aber man wusste nichts über die Farbigkeit der Synagoge.«

archive Einige Textquellen in den Archiven gaben Hinweise darauf, dass die Synagoge ein blaues Gewölbe mit goldenen Sternen hatte, zudem mehrere bronzene Leuchter und Bänke aus Holz. Die Experten nahmen dann Anleihen aus anderen Synagogen. »Wir haben uns für zwei Farbfassungen entschieden, eine haben wir dann besonders gut gefunden und diese dann als hypothetische Farbfassung verwendet«, sagt Marc Grellert.

Mit dieser Virtual-Reality-Brille kann nun jeder die Synagoge »besuchen«, er sitzt entweder in einer Bank im unteren Gebäudeteil oder auf der Frauenempore. Der Betrachter erhält einen realistischen Einblick und ein Gefühl für die Größe der Schweriner Synagoge. So, wie sie sich nach der Umgestaltung Mitte des 19. Jahrhunderts präsentierte.

Schwerins Stadtarchivar Bernd Kasten kennt sich mit der Geschichte des Gebäudes bestens aus. Wann die Synagoge genau eingeweiht wurde, ist allerdings nicht nachgewiesen: »Wir haben lediglich den Einweihungstermin. Und eigentlich nur, weil es eine kleine gedruckte Einweihungsfestschrift gibt, die nach dem jüdischen Kalender auf das Jahr 1773 datiert ist, sonst haben wir nichts.«

stil 1866, knapp 100 Jahre später, wurde die Synagoge dann im Inneren umgebaut, sie erhielt eine Verschönerung im maurischen Stil. Bis zur Pogromnacht im November 1938 blieb sie mitten im Schweriner Stadtzentrum erhalten.

Erst mit dem Zuzug jüdischer Emigranten Anfang der 90er-Jahre entstand wieder eine lebendige jüdische Gemeinde in Schwerin. Der nach dem Zweiten Weltkrieg errichte Betraum im Gemeindezentrum wurde zu klein, und so konnte 2008 eine neue Synagoge gebaut werden – an gleicher Stelle und auf dem historischen Fundament der alten Synagoge.

Neben der »Stiftung Mecklenburg« erhielt auch die Schweriner Jüdische Gemeinde eine Virtual-Reality-Brille, um Gemeindemitgliedern und Besuchern den Blick in die Vergangenheit zu ermöglichen. Der Förderverein Jüdisches Gemeindezentrum überlegt bereits, noch weitere Brillen anzuschaffen, sodass sich künftig gleich mehrere Interessenten gleichzeitig ein Bild davon machen können, wie die alte Schweriner Synagoge einmal ausgesehen hat. Axel Seitz

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