Buch

Viele Gründe zu bleiben

Erste Anfänge: Gemeindemitglieder versammeln sich am 20. März 1946 am Börneplatz. Foto: verlag

Mit Recherchen in Archiven und Lesen von Dokumenten und Interviews mit Zeitzeugen hätte Helga Krohn »noch viele Jahre« verbringen können. Sie hat sich aber diszipliniert und ihr Projekt nach zwei Jahren abgeschlossen. Es war richtig, wieder anzufangen. Juden in Frankfurt seit 1945, unter diesem Titel liegt das Ergebnis als Buch vor. Die Frankfurter Historikerin spannt darin den Bogen von den ersten Nachkriegsjahren bis heute. Das 370 Seiten umfassende Werk enthält neben dem Rück- und Überblick auch viele Illustrationen sowie Auszüge aus Gesprächen und Aufzeichnungen von Zeitzeugen.

Einladung Detailliert schildert Helga Krohn den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg und widmet sich etwa dem Rückkehraufruf des Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb, der 1952 im Jewish Travel Guide veröffentlicht wurde. »Diese einzige offizielle Einladung eines Bürgermeisters an jüdische Emigranten zur Rückkehr fand ein sehr geteiltes Echo, und zwar bei Juden wie Nichtjuden«, hält Krohn nach intensiver Recherche fest.

»Das Ende der Nachkriegsgeschichte?«, mit dieser Frage ist das elfte und letzte Kapitel des Buches überschrieben. Die Antwort lässt sich so zusammenfassen: Mit der russisch-jüdischen Zuwanderung nach 1989 ist das Ende der Nachkriegsgeschichte der Frankfurter Gemeinde eingeläutet worden; nicht zuletzt, weil es »den Alltag und den Charakter der Frankfurter Gemeinde sowie die zu bewältigenden Aufgaben wesentlich verändert hat«.

Religion In Frankfurt sei aber im Gegensatz zu anderen jüdischen Gemeinden »der Realität Rechnung getragen« worden, »dass nur ein Teil der Mitglieder ihre Mitgliedschaft mit einer aktiven Religionsausübung verbindet, und dass diejenigen, die die Religion praktizieren wollen, unterschiedliche Vorstellungen davon haben«.

Krohn geht es vor allem darum, einen Überblick zu geben. Das Buch richte sich an eine nichtjüdische Öffentlichkeit, »die wenig über die Geschichte der hier lebenden Juden weiß, aber immer wieder Fragen stellt«, schreibt Krohn. Auf diesen Leserkreis sollte der Band aber nicht beschränkt werden. Denn auch manch ein jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa dürfte wenig über die Zeit wissen, die Krohn den »Überlebenskampf nach dem Überleben« nennt.

Mit der Geschichte der Juden in Deutschland beschäftigt sich Helga Krohn seit mehr als 40 Jahren. Die Idee für dieses Buchprojekt hatte die promovierte Historikerin schon lange. Ermuntert hat sie eine Ausschreibung für den Rosl-und-Paul Arnsberg-Preis, den die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt 2008 erstmals ausschrieb. Krohn reichte ein Exposé über ihr Buchprojekt ein und überzeugte damit die Jury. Das Preisgeld ermöglichte ihr die Recherchen.

Helga Krohn: »Es war richtig, wieder anzufangen. Juden in Frankfurt seit 1945«. Brandes & Apsel, Frankfurt 2011, 368 S. 29,90 €

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 01.11.2026

Universität

Angst auf dem Campus

Eine Studie zeigt, wie stark jüdische Studierende unter Antisemitismus leiden – und welche Folgen das für ihre psychische Gesundheit hat

von Alicia Rust  01.11.2026

Porträt der Woche

Reihe 9, außen

Diana Sims-Silbermann spielt Cello und ist Theaterärztin. Sie hat immer denselben Platz

von Claudia Irle-Utsch  01.11.2026

Gesellschaft

Die Welt retten? Fangen wir klein an

Am 22. November findet der Mitzvah Day statt. Unter dem Motto »Gemeinsam. Füreinander« engagieren sich Gemeinden, Schulen und Gruppen für soziale Projekte. Die Anmeldungen laufen

von Katrin Richter  01.11.2026

Wettbewerb

Mehr als ein Bibelquiz

Erstmals wurde der »Chidon Hatanach« in der bayerischen Hauptstadt auf lokaler Ebene ausgetragen

von Luis Gruhler  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Berlin

Wundersame Rückkehr

Eine Delegation des Temple Chai aus Phoenix, Arizona, brachte einen Wimpel und eine Parochet, die 88 Jahre verschollen waren, zurück in die Synagoge Oranienburger Straße

von Alicia Rust  29.10.2026

Frankfurt am Main

L’Chaim! Auf das Leben

Die Gala »WIZO Night for Children« brachte mehr als 560 Patenschaften

von Eugen El  29.10.2026