Tendenz

Versiegender Strom

Ein Bild aus alten Zeiten: Jüdische Kontingentflüchtlinge stehen mit ihrem Hab und Gut in der NRW-Landesstelle für Aussiedler in Unna – 2001. Foto: ddp

Die Mitgliederstatistik der jüdischen Gemeinden in Deutschland für das Jahr 2012 ist noch nicht ganz fertig. Heike von Bassewitz, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), arbeitet gerade daran. Ein paar druckfrische Zahlen kann sie trotzdem schon zur Verfügung stellen, die zeigen, dass es beim »mehr oder weniger starken Abwärtstrend« der Zuwanderung von Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten und bei den sinkenden »Zugängen« für die jüdischen Gemeinden Deutschlands geblieben ist.

Insgesamt haben zwischen 1990 und 2011 etwa 100.000 Menschen in die jüdischen Gemeinden Deutschlands gefunden. Waren es im Jahr 1999 noch fast 9000 »Kontingentflüchtlinge« gewesen, die die Möglichkeit der Ausreise nach Deutschland genutzt haben, pendelt sich ihre Zahl seit 2008 bei unter 1000 pro Jahr ein, Tendenz weiterhin fallend.

Es sind also nach dem Ansturm seit den 90ern in den vergangenen Jahren überschaubar wenige geworden, die aus dem Osten kommend an die Türen der Gemeinden geklopft haben. 2011 gerade mal zwölf in Berlin, 36 in München, sechs in Frankfurt, insgesamt 600, verteilt auf alle Gemeinden.

Überalterung Innerhalb Deutschlands gebe es allerdings gleichzeitig auch eine leichte Fluktuation zu beobachten, weg von den kleineren, hin zu den größeren Gemeinden, stellt Heike von Bassewitz fest, was dafür sorge, dass manche Gemeinde doch wieder einen leichten Anstieg erfahre. Das »Problem« der »Überalterung« in den Gemeinden sei geblieben. Und obgleich die Zahlen der »Zugänge« aus den ehemaligen Sowjetstaaten im Laufe der Zeit so drastisch gesunken sind, bleiben die Sterbefälle in den Gemeinden auf einem relativ hohen Niveau, das weist die Statistik der ZWST von 2011 aus – ein deutlicher Hinweis auf die Überalterung der Gemeinden.

»Natürlich sind viele alte Menschen zu uns gekommen, selbstredend gibt es die Überalterung in unseren Gemeinden, aber viele von ihnen haben auch ihre Kinder mitgebracht, und die kriegen wieder Kinder, sodass wir auch einen Verjüngungsprozess sehen«, sagt Michel Rodzynek, Pressesprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburg. »Willkommen sind sie alle.« Den Grund dafür, dass die Einwanderungszahlen zurückgehen, sieht er nicht in Deutschland. »Mit Deutschland hat das nichts zu tun. Hier hat sich ja seither nicht viel verändert. Aber das Leben in Russland, das hat sich verändert.«

Erleichterungen Juden hätten es heute leichter dort. Von nachlassendem Antisemitismus sprechen auch die, die bereits vor Jahren in den deutschen Gemeinden angekommen sind, aber noch Kontakt mit ihrer alten Heimat haben. »Trotzdem. Das Leben bleibt schwierig.«

Und immer wieder wird auf das Jahr 2005 hingewiesen, das Jahr, in dem die »Kontingentflüchtlingsregelung« durch das »Zuwanderungsgesetz« ersetzt wurde, das Juden anderen Migranten gleichstellte. Nach Protesten von jüdischer Seite regulierte die Innenministerkonferenz zwar noch ein wenig nach, was Altersbeschränkung oder das Thema Familienzusammenführung anbelangte, die Einwanderung nach Deutschland wurde aber seither ohne Frage schwieriger.

Die Ablehnungsquote der eingegangenen Anträge stieg, auch weil die Antragsteller häufig ihre jüdische Abstammung nicht anforderungsgemäß nachweisen konnten. Die Bedingungen glichen fast einem Verbot, sagen manche von denen, die es Anfang der 90er-Jahre noch leichter hatten.

»Wer hat schon die Zeit und das Geld für die geforderten Sprachkurse? Vielleicht ein paar Junge, mit einer guten Ausbildung, die können punkten, aber was ist mit den Alten?« Natürlich, es gibt diesen Paragrafen, der bestimmt, dass es für Antragsteller, die vor 1945 geboren wurden, wesentlich einfacher ist, auszureisen. Diese Menschen brauchen weder eine »Integrationsprognose«, noch müssen sie deutsche Sprachkenntnisse nachweisen.

»Aber was ist mit dem, der am 2. Januar 1945 geboren wurde?« Die Frage steht im Raum. In den ehemaligen Sowjetstaaten lautet die Antwort darauf ganz einfach: Diese Menschen hätten ja vor 2005 gehen können, als alles noch unproblematischer war. So behandele man die alten Menschen heute – habe man sagen hören.

Interreligiöse Ehen »Gesetz ist Gesetz, und man spricht nicht wirklich viel darüber«, heißt es immer häufiger, wenn man in den Gemeinden unter denjenigen nachfragt, die sich in Deutschland längst ihr neues Zuhause eingerichtet haben. Doch die Menschen erinnern sich daran, wie sie vor Jahren angekommen sind, und beginnen zu plaudern. Viele alte Leute seien es damals gewesen, die mit ihnen in Deutschland angekommen sind, die hätten aber natürlich auch ihre fast erwachsenen Kinder mit im Schlepptau gehabt. »Die heiraten heute hier, kriegen selbst Kinder.« Dabei passiere es natürlich auch, dass der jüdische junge Mann, ein nichtjüdisches junges Mädchen zur Frau nähme. Und was dann?

Vergangenes Jahr zählte Michael Rosenbach vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg und Gruppenleiter für »Maßnahmen der Integrationsförderung, Jüdische Zuwanderung, Migrationsberatung« in einem Interview Gründe auf, die er hinter dem Rückgang der Einwanderung sah. Das Erlernen der deutschen Sprache stelle eine hohe Hürde dar, daneben der Nachweis der jüdischen Abstammung. Aber auch die Sorge »um die Eingliederung in die deutsche Arbeitswelt« mache zu schaffen und damit die Angst vor dem »beruflichen Abstieg«. Außerdem könne man davon ausgehen, »dass die meisten ausreisewilligen Juden inzwischen schon nach Deutschland übergesiedelt sein dürften«.

Persönliche Umstände Angesprochen auf die Überlegungen, die man angestellt habe, als es um die schwierige Frage »Gehen oder bleiben?« gegangen sei, weisen nicht wenige Zugewanderte darauf hin, dass für ihre Entscheidung letztendlich persönliche Umstände ausschlaggebend gewesen seien und nicht irgendein System. Das dürfte heute nicht anders sein, und doch spielen ganz sicher gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Vorgänge hier wie dort mit hinein in die Einschätzung der Lage.

»Was da heute genau in der ehemaligen Sowjetunion läuft, weiß man nicht«, sagt Schoschana Maitek-Drzevitzky, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim. Da zu mutmaßen, sei »Spekulation«. Die großen Gemeinden seien jedenfalls »gut ausgestattet«, um auf das, was geschehe, reagieren zu können, meint Maitek-Drzevitzky. Bei den kleinen, wisse sie das nicht. Und auch Alexander Mazo, Präsident der Augsburger Gemeinde, kann den Trend, dass immer weniger kommen, bestätigen, »da ist Augsburg keine Ausnahme«. Ein äußerst empfindliches Thema sei das, hinter dem sich viel Politik verberge. Viel Politik und viele Menschen.

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