27. Januar

»Verantwortung annehmen«

Charlotte Knobloch während ihrer Rede zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Deutschen Bundestag Foto: IMAGO/epd

Frau Knobloch, Sie haben in Ihrer Rede zum internationalen Holocaustgedenktag 2021 im Bundestag dazu aufgerufen, die Bundesrepublik Deutschland wehrhaft zu verteidigen. Die Zahl antisemitischer Vorfälle hat sich seither fast verdoppelt. Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre erlebt?
Ich habe auf diese Rede viele positive Reaktionen aus der Politik erhalten, und sehr viele politische Entscheidungen der letzten zwei Jahre zeigen, dass das Problem verstanden wurde. Nur: Die beschlossenen Maßnahmen greifen nicht schnell genug. Der Staat reagiert zwar, aber der Judenhass, der sich zum Beispiel im Internet verbreitet, gibt momentan noch das Tempo vor. Das muss sich ändern. Die Sicherheitsbehörden brauchen die nötigen Mittel und auch einen sicheren rechtlichen Rahmen, zumal in der Justiz zuletzt verschiedene Gerichtsurteile im Bereich Antisemitismusbekämpfung ergangen sind, die ich nur akzeptieren, aber nicht wirklich verstehen kann. Insgesamt bin ich deshalb heute nicht zuversichtlicher als vor zwei Jahren.

Hat die documenta fifteen etwas für Sie verändert?
Sicherlich. Niemand innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hätte ja geglaubt, dass der Antisemitismus in Deutschland besiegt war, aber auf das Grundversprechen der Bundesrepublik, dass Judenhass zumindest klar verurteilt und wirksam bekämpft wird, haben die meisten jüdischen Menschen doch vertraut. Die documenta hat damit gebrochen. Obwohl der Judenhass hier nicht offensichtlicher sein konnte, haben die Verantwortlichen sich gewunden, geschwiegen und schöngeredet. Extra angehörte Experten wurden wortreich ignoriert. Auf der anderen Seite gab es einen öffentlichen Aufschrei, was uns gezeigt hat, dass der moralische Kompass der Gesellschaft funktioniert. Das ist beruhigend. Aber Tatsache ist eben auch: Greifbare Konsequenzen aus dem Desaster in Kassel gibt es bis heute nicht.

Was bedeutet das für Jüdinnen und Juden in Deutschland? In München?
Ich habe im Sommer mehrfach das Argument gehört, die Kunst einer indonesischen Gruppe bei einer Ausstellung in Kassel würde in München doch gar nichts ändern. So etwas meine ich mit dem Begriff »schönreden«. In Wirklichkeit hat die documenta dem Vertrauen in die Fähigkeit und Bereitschaft der Politik, gegen Judenhass vorzugehen, schweren Schaden zugefügt. Ohne dieses Vertrauen fangen die jüdischen Menschen aber früher oder später an, ihre Zukunft in diesem Land infrage zu stellen. Man kann nicht erst mit großem Aufwand »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« feiern und dann der jüdischen Bevölkerung auf diese Weise zeigen, dass ihre Sorgen keine Rolle spielen. Die Mitglieder der Gemeinden nehmen diese Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität sehr genau wahr.

Sie haben erzählt, dass Ihre Familie und Sie jahrzehntelang auf gepackten Koffern saßen. Mit der Einweihung des Jüdischen Gemeindezentrums am Jakobsplatz hat sich das geändert, Sie haben ausgepackt und sind angekommen. Nun steigt der Antisemitismus in Deutschland wieder. Hatten Sie in den vergangenen 16 Jahren einmal die Sorge, dass Sie wieder Koffer packen müssten?
Für mich selbst ist dieses Thema abgeschlossen, die Koffer sind und bleiben ausgepackt. München ist meine Heimat. Aber ich kann nur für mich sprechen. Junge Menschen in den Gemeinden stellen sich heute wieder Fragen, von denen sie gehofft hatten, dass sie nie wieder gestellt werden müssten. Wie das jüdische Leben in Deutschland in zehn oder 15 Jahren aussieht, kann ich deshalb heute überhaupt nicht sagen. Der Trend geht leider ganz klar in die falsche Richtung.

Am 9. November hat die Innenministerin Nancy Faeser eine nationale Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland angekündigt. Wie muss die Regierung handeln, um gegen diesen Hass vorzugehen?
Die Strategie der Bundesregierung ist ein wichtiges Signal und eine lange To-do-Liste der Exekutive an sich selbst. Ich kann nur appellieren, diesen Auftrag auch ernst zu nehmen, denn wie gesagt: Worte haben wir oft gehört, was es braucht, sind Taten. Aus dem Papier sind mir besonders zwei Punkte sehr wichtig: die Bildung über das Judentum – als Prävention im Kindes- und Jugendalter – und die deutliche staatliche Antwort auf Judenhass, wenn er sich äußert. Dieser Kampf muss auch die Verschwörungsdenker im Blick haben, die die Gesellschaft immer mehr bedrohen. Egal, ob »Querdenker«, »Reichsbürger« oder sonstiger Nonsens: Fast immer findet sich bei diesen demokratiefeindlichen Erzählungen ein Kern aus Judenhass. Wie gefährlich so etwas werden kann, haben wir leider schon oft gesehen.

Sie gehen als Zeitzeugin in Schulen. Welche Fragen werden Ihnen dort von Schülerinnen und Schülern gestellt?
Vor Schülern spreche ich über meine Geschichte und mein Überleben, dazu gibt es dann viele praktische Nachfragen – warum damals nicht alle Juden ausgewandert seien, warum nicht mehr Menschen so geholfen haben, wie mir geholfen wurde, und so weiter. Mir zeigt das, dass die Schüler wirklich verstehen wollen, was passiert ist. Das war vor 20 oder 30 Jahren noch ganz anders, da mussten die Lehrer ihre Schüler zu solchen Begegnungen regelrecht zwingen. Dass das heute vorbei ist, nehme ich als ermutigendes Zeichen. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust und in der Abenddämmerung der Zeitzeugen ist dieses Interesse wichtig und nötig. Ich sehe bei den jungen Menschen, dass sie die Verantwortung annehmen wollen. Das macht Hoffnung, trotz aller Herausforderungen.

Mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach Stefanie Witterauf.

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