Mordechai Gebirtig

Vater des jiddischen Volkslieds

Leistete Pionierarbeit: das Buch von Uwe von Seltmann über Mordechai Gebirtig

Mordechai Gebirtig

Vater des jiddischen Volkslieds

Der Journalist Uwe von Seltmann legt mit »Es brennt« eine literarische Biografie des Dichters vor

von Anett Böttger  13.01.2019 09:00 Uhr

»S’brent« (Es brennt) ist wohl das bekannteste Lied von Mordechai Gebirtig (1877–1942). Der jüdische Dichter aus Krakau schrieb es 1938 nach einem Pogrom in der polnischen Kleinstadt Przytyk. »Steht nicht, Brüder, löscht das Feuer – unser Städtchen brennt!«, heißt es am Ende des Textes, der bis heute in Zeiten von zunehmender Geschichtsvergessenheit und wachsendem Nationalismus nichts an aktueller Brisanz verloren hat.

»S’brent« war während des Nationalsozialismus die inoffizielle Hymne jüdischer Widerstandskämpfer, heute wird sie in Israel alljährlich zum Holocaust-Gedenktag angestimmt. Nicht zufällig wurde Es brennt auch als Titel für das Buch gewählt, in dem Uwe von Seltmann Mordechai Gebirtig als Vater des jiddischen Volkslieds auf 400 Seiten detailreich vorstellt.

Es ist keineswegs eine Übertreibung, wenn von Seltmanns Buch als Pionierarbeit bezeichnet.

Tischler Autor von Seltmann hat sich intensiv mit dem Dichter und seinem Werk beschäftigt. Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Journalist legt nun die erste deutschsprachige Biografie über den Mann vor, der als Tischler tagsüber an Möbeln und nachts am jiddischen Lied hobelte, wie man über ihn sagte. Das einzige vergleichbare Werk stammt von Natan Gross und kam 2000 auf Polnisch heraus.

Es scheint nicht übertrieben, wenn von Seltmanns Buch als Pionierarbeit bezeichnet wird. Akribisch hat der Autor Archive in Europa, Israel und den USA nach Zeugnissen aus dem Leben Gebirtigs durchforstet. Vielen galt Gebirtig als der »Bert Brecht von Krakau«. Er lebte und arbeitete in Kazimierz, dem jüdischen Viertel der Stadt, und wurde am 4. Juni 1942 von Nationalsozialisten im Krakauer Ghetto erschossen.

Viele Lieder wurden für das Buch erstmals aus dem Jiddischen ins Deutsche übertragen.

Dokumentarfilm Ursprünglich wollte Uwe von Seltmann einen musikalischen Dokumentarfilm über Gebirtig produzieren, der möglichst zu dessen 75. Todestag 2017 Premiere haben sollte. Doch für das Projekt kam nicht ausreichend Geld zusammen. Daher entschloss sich von Seltmann, das bereits in großem Umfang zusammengetragene Material in einem Buch zu veröffentlichen. Der Homunculus-Verlag in Erlangen brachte die literarische Biografie schließlich heraus.

Viele von Gebirtigs Liedern wurden dafür erstmals aus dem Jiddischen ins Deutsche übertragen. Neben Liedbeispielen illustrieren historische Fotos, Zeitdokumente und Faksimiles das aufwendig gestaltete Buch. Rund 170 von Gebirtigs Werken haben die Schoa überstanden, darunter Wiegen- und Schlaflieder, Kinder- und Liebeslieder.

Auch wenn sie bis heute von namhaften Künstlern weltweit interpretiert werden, blieb ihr Schöpfer bisher weitgehend unbekannt. Insofern ist die Biografie Es brennt ein Versuch, das Vermächtnis von Mordechai Gebirtig und die jiddische Sprache vor dem Vergessen zu bewahren.

Uwe von Seltmann: »Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes«. Homunculus, Erlangen 2018, 400 S., 38 €

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