Sankt Ottilien

Unter Mönchen

Es gibt etwa 400 jüdische Menschen, in deren Geburtsurkunde sich der Eintrag »Geburtsort: Sankt Ottilien« findet. Sankt Ottilien ist ein stattliches Benediktinerkloster im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech. Von München ist es eine knappe Fahrstunde entfernt.

Die dort Geborenen sind heute zwischen 70 und 73 Jahre alt. Sie sind Kinder von Überlebenden, von jüdischen Displaced Persons (DPs), die von 1945 bis 1948 in Sankt Ottilien Zwischenstation gemacht haben. Sie sind die sogenannten Ottilien‐Babys. Ihre Mütter hatten die Gräuel der Schoa hinter sich; vor ihnen lag ein ungewisser, aber sehnlichst herbeigewünschter Neuanfang, wozu eben auch die »Mashiakhskinder« gehörten.

forschung Erst seit den 90er‐Jahren widmet sich die Forschung verstärkt den DPs, den Menschen, die durch den Krieg und die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten heimatlos wurden, und entdeckt jüdisches Leben, das sich trotz alledem in den ersten Nachkriegsjahren stark geregt hat. Sie nimmt dabei Menschen wahr, die den Deutschen und der Welt sehr deutlich gemacht haben: »Mir zeynen do.«

Sankt Ottilien stand diese Entdeckung noch bevor. Das Kloster sah die drei Jahre bis 1948, in dem es in Teilen zu einem DP‐Lager umgewandelt worden war, lange nur »als unliebsame Unterbrechung des Klosteralltags« an. Der jüdische Friedhof, direkt neben dem Klosterfriedhof gelegen, wurde ignoriert.
Erst 1995 interessierten sich zwei jüdische Ärzte für das Krankenhaus auf der Klosteranlage.

»Was einen nicht interessiert, das nimmt man auch nicht wahr«, sagt Pater Cyrill Schäfer. Seither hat sich einiges geändert. Die jüdische Geschichte ist präsent im Kloster. »Dabei hat alles damit angefangen, dass 1995 zwei jüdische Ärzte hierherkamen und mich baten, sie herumzuführen, ihnen zu zeigen, wo das Krankenhaus war, und ich eigentlich keine Ahnung hatte«, erzählt Pater Cyrill. Er wandte sich an Jutta Fleckenstein vom Jüdischen Museum München und an den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig‐Maximilians‐Universität. Schließlich wird aus Pater Cyrills Initiative ein Forschungsprojekt, an dem sich Studenten unter Federführung der Dozentin und Jiddisch‐Lektorin Evita Wiecki beteiligen und gemeinsam daran gehen, die Geschichte des DP‐Lagers Sankt Ottilien aufzuarbeiten.

Bombardierung Die Vorgeschichte beginnt in den letzten Kriegstagen. Am 27. April 1945 bombardieren die amerikanischen Alliierten bei Schwabhausen einen Zug, in dem sich jüdische Häftlinge auf dem Weg von den Kauferinger Außenlagern ins KZ Dachau befinden. 150 Menschen kommen dabei um, Hunderte werden verletzt, viele davon sehr schwer. Man bringt die Verletzten nach Sankt Ottilien, denn da gibt es seit 1941 ein gut ausgestattetes Wehrmachtslazarett. In den Krankenbetten liegen zu der Zeit 1000 Soldaten. Nach der Befreiung durch die Alliierten werden die Soldaten weggeschickt, aus dem Wehrmachtskrankenhaus wird ein jüdisches Krankenhaus.

Zusätzlich entstehen ein Geburtshaus, ein Kindergarten, eine Talmudschule, eine Betschule, eine Bibliothek, fast eine gesamte jüdische Infrastruktur. Am Ende werden es 5000 jüdische Überlebende aus Osteuropa sein, die sich in Sankt Ottilien irgendwie eingerichtet haben. Sche’erit Hapleta, Übriggebliebene eben, die auf ihr Leben danach warten.

Sankt Ottilien ist anders als die anderen DP‐Lager: Es ist relativ klein und von Anfang an nur von jüdischen DPs bewohnt. Es besaß neben dem eigenen Krankenhaus eine koscher‐zertifizierte Küche und das Recht zu schächten, außerdem konnte es überraschend schnell eine gut funktionierende Selbstverwaltung vorweisen.

neuanfang »Der Blick war nach vorne gerichtet«, sagt Evita Wiecki. Der religiöse Neuanfang fand Ausdruck in einem »Überlebenden‐Talmud«, den zwei Rabbiner 1946 mit amerikanischer Hilfe haben nachdrucken lassen – der erste hebräische Druck auf deutschem Boden nach 1945. Das Befreiungskonzert vom 27. Mai 1945 setzte ein kulturelles Zeichen.

Dahinter wie hinter anderen Initiativen und Einrichtungen im DP‐Lager Sankt Ottilien steckte der aus dem litauischen Kaunas stammende Arzt Zalman Grinberg. Seit Juli 1945 war er Präsident des »Zentralkomitees der befreiten Juden in Bayern«. Nach Berichten haben nicht wenige dem Konzert, das überlebende Mitglieder des Ghetto‐Orchesters Kaunas gegeben haben und das im Freien stattfand, der Musik vom Fenster aus gelauscht. Sie waren zu schwach, um auf den Platz zu kommen.

musik Was man musikalisch darbot, spiegelte die Lebenssituation wider. Auf dem Programm standen jiddische Ghetto‐Lieder, die Hymnen der Alliierten, hebräisches Liedgut – darunter auch die Hatikwa –, Stücke von Grieg und Bizet. »Der eigentliche Meilenstein«, sagt Wiecki, sei in Sankt Ottilien allerdings die »erste Konferenz der jüdischen Überlebenden der britisch‐amerikanischen Besatzungszone« gewesen, auf der man am 25. Juli 1945 über die Klostermauern hinweg die Öffentlichkeit mit den Forderungen der Überlebenden konfrontierte.

Innerhalb der Mauern blieben Konflikte allerdings auch nicht aus. In Protokollen wurden sie festgehalten. Während die amerikanische Militärverwaltung sich unterstützend hinter die Überlebenden stellte, schlug sich die aufkommende deutsche Verwaltung eher auf die Seite der Mönche. Es ging da zum Beispiel um den großen Bedarf an Kohle für die Wäscherei, damit die Windeln heiß genug gewaschen werden konnten. Es ging um Frauen, die sommerlich gekleidet ein Sonnenbad nahmen, was die Mönche ebenso störte wie die frechen Jungs, die in ihrem Klostergarten Äpfel stahlen.

Zeitzeugen, die diese »Vorkommnisse« bestätigen könnten, waren kaum zu finden, berichten die Studenten der Forschungsgruppe, und wenn man doch einmal jemanden fand, sagt Wiecki, hatte dieser zu seiner Zeit in Sankt Ottilien oft nicht besonders viel zu sagen. »Es war einfach so ein Übergangsort, der im Gedächtnis keine richtigen Spuren hinterlassen hat«, heißt es. Trotzdem hat man einiges entdeckt, hat schriftliche Quellen ausgewertet, die vor allem auf Jiddisch abgefasst waren, was bisher wohl die Zugänglichkeit erschwert hatte.

Die Ergebnisse der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Sankt Ottiliens lassen sich – mit dokumentierenden wie assoziierenden Fotos des israelischen, in Berlin lebenden Künstlers Benyamin Reich – im Jüdischen Museum in München verfolgen, ebenso in der Ausstellung und in einem Rundgang in Sankt Ottilien. Außerdem findet vom 10. bis 12. Juni 2018 in Sankt Ottilien ein internationales Symposium zum Thema statt.

Jüdisches Museum München, St.-Jakobs-Platz 16: »Sankt Ottilien, das Benediktinerkloster und seine jüdische Geschichte 1945–48«, bis 23. September. Rundgänge ab 10. Juni.

www.sankt-ottilien.org

Niedersachsen

Brandanschlag auf jüdisches Ehepaar

Nach dem judenfeindlichen Angriff hat der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen

 20.05.2019

Auszeichnungen

Angela Merkel erhält Buber‐Rosenzweig‐Medaille

Die Bundeskanzlerin wird 2020 für ihren Einsatz gegen Antisemitismus und für die Erinnerung an die Schoa geehrt

 20.05.2019

Fürstenfeldbruck

Die Legende vom Freund und Helfer

Eine Ausstellung dokumentiert die Verstrickung der Polizei in die NS‐Tötungsmaschinerie

von Frederik Schindler  19.05.2019