Rothenburg

Unter dem Pflaster

Ihre Mauern waren etwa einen Meter dick, sie bildeten einen rechteckigen Grundriss von 16 mal elf Meter und waren damit typisch für die aschkenasischen Synagogen der Romanik. So wie die bekannten Synagogen in Köln, Worms oder Speyer. Zwischen 320 und 380 Personen hatten im Innenraum Platz. »Sie zählt damit zu den größten nachgewiesenen Synagogen des Hoch- und Spätmittelalters, was für die herausragende Bedeutung der jüdischen Gemeinde Rothenburgs im Heiligen Römischen Reich spricht.« Zu diesem Schluss kommt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) Anfang März, etwa ein halbes Jahr, nachdem am Kapellenplatz in der nordbayerischen Stadt Rothenburg ob der Tauber bei Grabungsarbeiten die Fundamente der mittelalterlichen Synagoge entdeckt wurden.

Es war eine archäologische Sensation, damals im Juli 2025, denn damit, so das Landesamt, »lag der erste archäologische Nachweis für die bis dahin nur durch schriftliche Quellen belegte erste Synagoge der Stadt vor«. Mithilfe eines Bodenradars, eines dreirädrigen Gestells, konnten diese präzisen Messergebnisse, wie die Dicke der Mauern, die Länge und die Breite, bestimmt werden. Sie zeugen von der »Relevanz der ehemaligen jüdischen Gelehrtenstadt und ihrer Blütezeit im Hoch- und Spätmittelalter«. Es sei »eine Art Röntgenaufnahme der obersten Erdschichten«, erklärt Mathias Pfeil, BLfD-Generalkonservator. Auf diese Weise sei es möglich, »neue Erkenntnisse zu sammeln, ohne das Bodendenkmal durch Ausgrabungen weiter zu zerstören: In Rothenburg konnten wir so den Grundriss der nur in Teilen ausgegrabenen Synagoge vervollständigen und den Annex für den Toraschrein und die mittig gelegene Bima lokalisieren«, sagt der Denkmalpfleger.

Rothenburg, das ist Geschichte pur. »Die Stadt als Ganzes ist Denkmal«, hat im Jahr 1908 schon der Kunsthistoriker Georg Dehio über Rothenburg geschrieben. Die Stadt an der sogenannten Romantischen Straße, seit 1802 zum Kurfürstentum Bayern gehörend, heute mittelfränkisch, ist mit ihren gerade einmal 11.000 Einwohnern ein internationaler touristischer Magnet: die weltberühmte Stadtmauer, die Tore und Türme, die Gassen und Häuser, die Vielzahl von kunsthistorisch bedeutsamen Schätzen. Hinter Türmen und Toren verbirgt sich eine bedeutende Geschichte, auch eine jüdische Geschichte der Stadt.

Bis zu 380 Personen hatten im Innenraum der Synagoge Platz.

Und der widmet sich das RothenburgMuseum mit seiner Judaika-Sammlung. Schon 1180 sind Juden in Rothenburg ansässig, vor allem aber im 13. Jahrhundert siedelten sie sich aus dem Rheinland, von wo sie vertrieben worden waren, hier an. In der Sammlung finden sich jüdische Grabsteine aus dem Mittelalter, die erst 1914 entdeckt wurden. Es gibt eine Fülle von Informationen zu Rabbi Meir ben Baruch, einem bedeutenden Talmudgelehrten, der in Worms geboren wurde und 1293 in Ensisheim in Frankreich starb. 40 Jahre hat er in Rothenburg gelebt und gewirkt – er unterrichtete Schüler aus ganz Europa. Zu dieser Zeit lebten etwa 500 Juden in Rothenburg – sie machten etwa zehn Prozent der damaligen Stadtbevölkerung aus. Das Gedenken an Rabbi Meir von Rothenburg, wie er genannt wird, ist in der Stadt präsent: Seine Talmudschule befand sich am heutigen Kapellenplatz, wo eine Bronzetafel an den Rabbiner erinnert. Hier befand sich das Zentrum der jüdischen Gemeinde mit Synagoge und Festsaal.

Viele Exponate des ehemals pulsierenden jüdischen Lebens in Franken zeigt das Museum, Ritualgegenstände – oder auch einen bedeutenden Pogromstein, der in hebräischer Schrift von den Opfern des Pogroms des Jahres 1298 berichtet. Mehr als 450 Juden wurden in Rothenburg ermordet. Initiiert wurde das Pogrom von dem Röttinger Bürger und »Judenschläger« Rintfleisch wegen einer angeblichen »Hostienschändung«. Das Museum schildert die Geschichte der Juden in Rothenburg, die zeitweise nur geduldet waren und oft auf das Schlimmste verfolgt wurden.

Dabei war Rothenburg, das an der Handelsstraße von Würzburg nach Augsburg lag, im Mittelalter ein Anziehungspunkt für jüdische Händler. Eine neue Synagoge entstand ein wenig nördlicher nahe dem jüdischen Friedhof. Ab etwa 1370 zogen Juden vornehmlich in die neue Judengasse, doch schon 1520 wurde es ihnen wieder verboten, die Stadt zu betreten. Die verbliebenen jüdischen Bürger wurden vertrieben. Erst im Jahr 1870 ließen sich wieder jüdische Familien in Rothenburg nieder.

In der Stadt gibt es noch viele Orte, die an die Verfolgungsgeschichte erinnern, wie etwa den Burggarten und die Blasius-Kapelle: Orte des Massakers an der jüdischen Bevölkerung. Ein Gedenkstein erinnert an das »Judenpogrom« von 1298. Der Festsaal Ecke Judengasse/Weißer Turm, das ehemalige »Judentanzhaus«, erinnert ebenfalls noch an die Gemeinde. Sein Gebäude ist genau wie das Rabbi-Meir-Gärtchen ein Nachbau.

Der Meir von Rothenburg ist bis heute einer der bekanntesten Rabbiner.

Ein bedeutsamer Ort jüdischer Geschichte ist auch die evangelische St.-Jakobs-Kirche, denn ihre Glasfenster im Ostchor, geschaffen um 1390, zeigen die sogenannte Manna-Lese.

Das jüdische Rothenburg, das ist nicht nur Mittelalter, sondern auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Geschichte einer radikal entfesselten Moderne. Seit 1937 wurden jüdische Bürger entrechtet und ausgewiesen.

Alsbald wurde in der Stadt ein »Freudenfest« anlässlich der »Befreiung von den Juden« gefeiert. Noch vor der Pogromnacht zerstörten Rothenburger Bürger die Einrichtung der Synagoge. Im November 1938 wurden die Juden aus Rothenburg vertrieben – dies war das Ende der jüdischen Gemeinde.

Das bislang wichtigste jüdische Baudenkmal der Stadt ist das Haus Judengasse 10, das im Keller das wohl älteste jüdische Ritualbad Bayerns beherbergt. Es stammt aus dem Jahr 1409. Das Haus Judengasse 10 ist Teil der Führung »Reinheit ob der Tauber«. Das Rothenburger Judenviertel ist nahezu vollständig erhalten. Ehemals lebten hier Juden und Christen zusammen – viele Handwerker hatten sich in dem Stadtviertel angesiedelt.In den vergangenen Jahren hat sich der Münchner Verein »Kulturerbe Bayern« des Hauses angenommen – unterstützt vom hier schon lange wirkenden Verein »Alt-Rothenburg«.

Rothenburg ob der Tauber gilt als Inbegriff mittelalterlicher Geschlossenheit. Die Mauern, Gassen und Fachwerkfassaden der Stadt scheinen eine harmonische, nahezu zeitlose Vergangenheit zu konservieren. Doch gerade diese Verdichtung lädt dazu ein, genauer hinzusehen: Hinter der touristischen Oberfläche verbirgt sich eine vielschichtige Geschichte. Wie die, die wieder an den Kapellenplatz führt, denn dort haben Radarmessungen ergeben, dass im frühen 15. Jahrhundert eine Synagoge zu einer christlichen Kapelle umgebaut wurde.

Zu sehen sei, dass »der Kernbau der Synagoge dabei erhalten blieb und fortan als Langhaus diente«, heißt es. »An die Ostseite wurde ein mehreckiger Chor im gotischen Stil angesetzt. Der erfasste Grundriss der Marienkapelle stimmt mit den überlieferten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert überein.« Das Tourismus-Büro Rothenburg zählt die Top Five der jüdischen Orte in der Stadt auf. Mit der jüngst entdeckten Synagoge hat die Stadt nun einen sechsten Ort.

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