Zionismus

Unser Israel

Landeanflug: Dem einen ist das Klima zu heiß, den anderen lockt das Gefühl, hier frei und ohne Erklärungsnöte jüdisch leben zu können. Foto: Katrin Richter

Vor 120 Jahren begeisterte die auf dem Ersten Zionistischen Weltkongress entworfene Idee einer eigenen Heimat in einem jüdischen Staat junge Juden aus aller Welt. Unter dem Motto »Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen« hatte Theodor Herzl fünf Jahre später im Roman Altneuland seine Vision dieses Staates präzisiert.

Ist der Zionismus für jüdische Jugendliche heute überhaupt noch ein Thema? Der 16‐jährige Lior Wältermann aus Oldenburg hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. »Als jüdischer Mensch sollte man das doch tun. Natürlich kann man manches kritisch sehen, aber Israel wird permanent bedroht und braucht unsere Unterstützung«, sagt er. Lior bricht gerade nach Israel auf, um dort die Schule zu besuchen, sein Abitur zu machen und zur Armee zu gehen.

Den jungen Menschen, die vor 120 Jahren aufbrachen, um das Märchen wahr werden zu lassen, fühlt sich Wältermann aber durchaus verbunden. »Im Grunde hat das Jugenddorf, in dem ich zur Schule gehen werde, Ähnlichkeit mit der Idee, die junge Zionisten damals faszinierte. Sie kamen aus allen möglichen Ländern, um zusammenzuleben und Israel zunächst landwirtschaftlich voranzubringen. Heute geht es dagegen eher um den akademischen Fortschritt – statt Aufbauarbeit Lernarbeit.«

Naale Am 5. September beginnt für Lior das neue Leben in Israel. Eigentlich hatte er nur die Schule wechseln wollen, dann aber festgestellt, dass das gar nicht so einfach ist. Durch die Abschaffung des sogenannten Turbo‐Abiturs in Niedersachsen hätte er ein Jahr länger zur Schule gehen müssen. »Das war schon nervig«, sagt er, aber dann entschied ein Zufall über seine Zukunft: »Meine Mutter hatte in der Gemeinde ein Plakat gesehen, auf dem für Naale geworben wurde«, erzählt Lior. Das vom Staat Israel und der Jewish Agency finanzierte Programm bietet jungen Menschen im Alter von 14 bis 16 Jahren die Möglichkeit, an einer von 25 unterschiedlich ausgerichteten Schulen das Abitur zu machen. Die Jugendlichen aus aller Welt werden in dieser Zeit rundum betreut und wohnen zusammen.

»Ich war sofort begeistert, denn natürlich fühle ich mich dem Land sehr verbunden«, erinnert sich Lior. »Mir ist Israel ja nicht fremd, sondern tief vertraut, es ist meine zweite Heimat, seit meiner Geburt bin ich immer wieder dort gewesen.« Er hätte es sicher bereut, wenn er eine andere Entscheidung getroffen hätte, glaubt er. Obwohl er neben der Freude über die »Super‐Gelegenheit« durchaus auch skeptisch war und sich fragte: »Werde ich das schaffen?« Sechs Jahre weg von zu Hause zu sein, ist ja nun nicht gerade einfach.

Als dann die Nachricht kam, dass Lior ein Stipendium erhalten soll, war die Freude riesig. Auch bei seinem ehemaligen Klassenlehrer: »Er ist superstolz gewesen, als ich ihm davon erzählte.« Ganz einfach wird der Wechsel nicht, weiß Lior. »Ich spreche Hebräisch besser, als ich es schreiben kann, aber jetzt in den Ferien kann ich ja noch einiges lernen.«

Veränderung Natürlich sei der Wechsel eine Herausforderung. »Ich werde mich auf jeden Fall verändern, ich werde neue Menschen kennenlernen, in einer neuen Umgebung leben, darauf bin ich schon sehr gespannt.« Gleichzeitig ist für ihn jetzt schon klar: »Auf eine Art wird es dort auch einfacher sein. In Deutschland ist man als Jude immer irgendwie etwas Besonderes, dieses Gefühl werde ich in Israel ganz sicher nicht vermissen.« Er fühle sich dort »nicht jüdischer, aber man kann sein Jüdischsein ganz selbstverständlich öffentlich zeigen, das ist schon ein großer Unterschied«.

Bleibt die Sache mit dem Heimweh. Die Familie wird ihn gleich in den Herbstferien besuchen, freut sich Lior. Und eines sei klar: »Bisher bin ich oft nach Berlin gefahren, um Dinge aus Israel zu kaufen. In Israel werde ich dann sicher auch Dinge aus Deutschland super vermissen, aber das lässt sich bestimmt irgendwie regeln.« Außerdem sei er ja in sechs Jahren wieder da: »Dann möchte ich in Berlin aufs Abraham Geiger Kolleg gehen. Ich will nämlich liberaler Rabbiner werden, und das ist in Israel nicht ganz so leicht, weil es dafür nicht so viele Ausbildungsmöglichkeiten gibt.«

Dass er auch seine Freunde verlässt, ruft in Lior gemischte Gefühle hervor. »Sie freuen sich einerseits, dass ich diese tolle Gelegenheit bekomme, andererseits sind sie natürlich traurig, dass ich gehe«, sagt er. »Gleichzeitig sind alle sehr traurig darüber, dass ich nach dem Abitur zur israelischen Armee gehen werde, denn in Deutschland gibt es ja keinen allgemeinen Wehrdienst mehr, daher hat man hier eine andere Sicht auf solche Dinge.« Für Lior war schon lange vor seinem Entschluss, in Israel das Abitur zu machen, klar, dass er später einmal zur Armee gehen würde. »Ein jüdischer Staat muss existieren, und man muss nicht mit der jeweils aktuellen Politik einverstanden sein, um in Israel den Wehrdienst abzuleisten. Es ist einfach so: Wenn ich das Recht haben möchte, in einem Land zu leben, dann sollte ich auch etwas dazu beitragen, dass ich es dort auch sicher tun kann.«

Alija »Israel ist ein Zuhause«, sagt Patrick Yoram Kelmer. »Wenigstens zweimal im Jahr muss ich dort hinfahren. Und ich möchte später definitiv Alija machen, aber erst, nachdem ich geheiratet habe.« Unter anderem, weil es für Paare leichter sei, eine Wohnung zu finden. Und davor möchte Kelmer noch seine Ausbildung abschließen. Im Moment studiert der 23‐Jährige Hebräisch, allerdings nicht in Israel, sondern an der Uni in Kopenhagen. »Meine Mutter ist Norwegerin«, erklärt er und präzisiert: »Sie ist Norwegerin, wurde aber in Dänemark geboren und dann von einer dänischen Familie adoptiert.« Ab September wird Kelmer seine Bachelorarbeit schreiben, das Thema werde »Mizrahi‐Identität, also die Darstellung der Mizrachim – der aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten stammenden Juden – im israelischen Kino« sein, erklärt er. In Israel hofft er, an einem Theater arbeiten zu können. »Aber nicht als Schauspieler, sondern hinter den Kulissen.« Leicht werde der Neustart im anderen Land sicher nicht, weiß er schon jetzt, »aber er wird die Anstrengungen und Mühen wert sein, davon bin ich überzeugt«.

Im Vergleich zu dem, was die jungen Zionisten vor mehr als 100 Jahren auf sich nahmen, sei das aber nichts. »Viele von ihnen mussten alles zurücklassen. Aber wenn man sich Israel heute ansieht, kann man sagen, ihre Opfer und Entbehrungen haben sich gelohnt.« Denn Zionismus bedeute für ihn, dass es »mit Israel ein Zuhause gibt, von uns selbst verteidigt, in dem wir unsere eigenen Entscheidung als selbstbewusstes, eigenständiges Volk treffen«.

»Ach, Israel«, seufzt dagegen Julia Zimena. »Alles, was die meisten Leute an Israel so toll finden, mag ich nicht: Das Wetter ist mir zu heiß, von Hummus bekomme ich Blähungen, und am Strand bin ich dort auch nicht gern, weil es da zu viele Leute und zu wenig Schatten gibt, in dem ich mich vor ihnen und vor der Sonne verstecken könnte.« Und außerdem, sagt die 32‐Jährige im Scherz, »mag ich die sogenannten neuen Juden nicht. Sie sind alle so gesund und so stark und so laut – ich bin demnach der alte Jude und immer blaß und schwach«.

Antizionismus Gleichwohl betont sie: »Ich bin Zionistin!« Als 15‐Jährige kam Zimena mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland. »Jüdisches Leben gab es dort nicht. Und erst später, also von hier aus, habe ich gesehen, wie ungerecht dieses winzige Land Israel behandelt wird.« In der Ukraine, so sagt sie, habe sie Antisemitismus erlebt, »aber für Israel haben sich die Antisemiten damals nicht groß interessiert. In Deutschland gibt es dagegen nicht nur Judenhass, sondern auch einen regelrechten Hass auf Israel, allerdings oft versteckt unter dem Label ›Antizionismus‹«. Deshalb engagiere sie sich eben von Deutschland aus für Israel. »Die zionistische Idee ist nach wie vor gut, und Israel muss leben. Für mich ist es wichtig, dass es ein Ersatzland gibt, in dem ich leben könnte – allerdings hoffe ich, dass die Zeiten nie so schlecht werden, dass ich es muss. Ich habe ja schon erklärt, warum.«

Auch Anastassia Pletoukhina hat nicht vor, nach Israel zu ziehen. »Ich habe ja schon Migrationserfahrung«, sagt sie lachend. Als Zwölfjährige kam sie mit ihrer Familie aus Moskau nach Deutschland. »Deswegen habe ich zum Beispiel auch während meines Studiums kein Auslandssemester eingelegt.« Gleichzeitig betont sie: »Es ist eine sehr wichtige Aufgabe von Juden in der Diaspora, Israel zu unterstützen und diejenigen zu bekämpfen, die Israel delegitimieren wollen. Da, wo ich jetzt bin, und dadurch, wie ich mich gesellschaftlich und beruflich positioniere, helfe ich Israel nicht weniger als direkt vor Ort, finde ich.«

Jewish Agency Pletoukhina ist seit Jahren erst ehrenamtlich und später auch beruflich bei der Jewish Agency tätig. Eine Zeitlang begleitete sie deren »Taglit‐Israel Experience«-Reisen, und später arbeitete sie als »Masa Israel Journey«-Repräsentantin in Deutschland. Von einem bis zwei Auslandssemestern an einer der israelischen Unis über mehrmonatige Praktika bis hin zu speziellen Angeboten für Young Professionals, also jungen karriereorientierten Menschen und im Hightech‐Sektor Tätigen, umfasst Masa ganz unterschiedliche Bereiche. »Es kommt natürlich auf die individuelle Lebensphase an, ob sich jemand für die Teilnahme an einem der Programme entschließt«, weiß Anastassia Pletoukhina. »Gerade bei den etwas Älteren ist es ja immer die Frage, ob es beruflich gerade passt, ins Ausland zu gehen, und wie das Finanzielle geregelt ist.«

Daher lege man Wert auf hochqualitative Angebote. »In Deutschland arbeiten wir mit Providern, mit denen wir schon gute Erfahrungen gemacht haben«, betont sie. »So können wir sicherstellen, dass die Leute auch das bekommen, was sie sich von ihrem Aufenthalt in Israel erhoffen. Ihr Feedback ist dazu auch ganz wichtig.« Viele Teilnehmer wollten »Israel ›anprobieren‹, also sehen, ob alles passt«, hat Pletoukhina festgestellt. »Es kann dann durchaus vorkommen, dass sie zum Beispiel nach einem Praktikum übernommen werden.«

Erfahrungen Die meisten, die in Israel blieben, kämen allerdings nicht aus Deutschland, sondern aus den ehemaligen Sowjetstaaten und aus Südamerika. »Deutsche und Juden aus den Vereinigten Staaten verbringen dort oft nur eine begrenzte Zeit und gehen dann wieder zurück – mit vielen positiven Erfahrungen im Gepäck.« Und wenn sie sich doch umentscheiden, stehe man eben mit Rat und Tat zur Seite.

Insgesamt könne sie nur dazu raten, an einem der Programme teilzunehmen, sagt Anastassia Pletoukhina. Sie erfuhr erst in Deutschland, dass sie Jüdin ist. »Darüber wurde in der Sowjetunion nicht offen geredet, ich habe also erst mit zwölf Jahren verstanden, dass unser Anderssein keine familiäre Eigenart war, sondern unser Judentum«, erinnert sie sich.

Das erste Mal in Israel zu sein, war für sie entsprechend eine »lebensverändernde Erfahrung«. »Der Aufenthalt dort hat mir so viel Kraft gegeben, unter anderem auch, weil ich die Stärke der Menschen dort gesehen habe. Das Gefühl in diesem Land, das aus dem Nichts erbaut wurde, hat mich umgehauen. Alles liegt in deinen Händen, nichts ist unmöglich.« Und so habe sie nach ihrer Rückkehr »auch sofort Schritte unternommen, die ich mich vorher nicht getraut habe, und habe vieles in meinem Leben umgekrempelt«. Diese Erfahrung, so findet sie, sollte jeder machen können.

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