Interview

Unikate und Exlibris

Susanne Riexinger studierte Germanistik mit Schwerpunkt Mediävistik. Foto: IKG München und Oberbayern

Frau Riexinger, Sie arbeiten seit September 2020 in der Gemeindebibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). Was genau umfasst Ihre Tätigkeit hier?
Meine Aufgabe ist es, den umfangreichen Bestand der Gemeindebibliothek zu katalogisieren und für den Endbenutzer systematisch zu erschließen, so wie man es auch aus größeren Bibliotheken kennt. Das bedeutete für mich zunächst einmal, den Bestand zu sichten. Das musste erst grob thematisch geschehen, um die grundsätzlichen Fragen zu beantworten, etwa, wo welche Bücher überhaupt stehen und welche Bedarfsgruppen abgedeckt sind. Im nächsten Schritt kommt jetzt die Systematisierung, was eine eigene Herausforderung darstellt. Es handelt sich hier um eine jüdische und damit um eine Spezialbibliothek. Deshalb muss zunächst geklärt werden, welche Bücher überhaupt dauerhaft aufgenommen werden können und sollen. Insgesamt würde ich den Bestand heute auf etwa 30.000 Bücher schätzen, davon sind bislang etwa 5000 Bücher katalogisiert. Es ist eine große Aufgabe.

Ihr Arbeitsstart fiel mitten in die Corona-Sperrzeit. Wie haben Sie das damals erlebt?
In der Bibliothek gab es im Spätsommer 2020 zwar keinen Parteiverkehr, aber meine Stelle erforderte natürlich Präsenz­arbeit. Der schnelle, wenn auch natürlich vorsichtige Austausch mit den Kollegen sorgte dafür, dass von Anfang an nie ein Gefühl der Einsamkeit aufkam. Insbesondere Ellen Presser vom Kulturzentrum hat mich in der Zeit sehr herzlich in Empfang genommen und unterstützt.

Wie kamen Sie zur IKG?
Steven Guttmann, der Geschäftsführer der IKG, wollte den Bestand inventarisiert wissen und damit diese Bibliothek nutzbar machen. Er setzte sich für das Zustande­kommen einer Stelle für die Katalogisierung ein. Ich wusste davon allerdings nichts, sondern hatte mich zufällig zur selben Zeit auf eigene Initiative bei der Gemeinde beworben. Ich habe Germanistik mit Schwerpunkt Mediävistik studiert, meine Leidenschaft für jiddische Literatur trieb mich zu dieser Bewerbung. So kamen wir zusammen. Herr Guttmann empfing mich sehr freundlich und zeigte mir die Bibliothek, und es hat gleich gepasst. Wir haben uns sozusagen zum richtigen Zeitpunkt gefunden.

Wie geht die Systematisierung vonstatten, und was sind die Besonderheiten daran?
Die Systematisierung geschieht vor allem nach Themenschwerpunkten. Das sind Lexika, allgemeine Nachschlagewerke, Schwerpunkte zu Religion, Geschichte oder Belletristik und natürlich auch Kunst. Das System erlaubt es, sowohl hebräische und jiddische als auch zum Beispiel russischsprachige Titel im Originalalphabet aufzunehmen. Das setzt aber umgekehrt die Möglichkeit voraus, auch mit Transliterationen zu recherchieren. Zwar konnten die Systematiken anderer Bibliotheken als Vorbild dienen, wie etwa die des Jüdischen Museums in Berlin oder der Münchner Stadtbibliothek, trotzdem musste ich für unsere Bibliothek ein eigenständiges Konzept erarbeiten.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Gemeinde eine Schüler- und Lehrerbibliothek.

Wie sieht der reguläre Betrieb für Sie aus?
Die Bibliothek ist zweigeteilt, im Eingangsbereich befindet sich der russischsprachige Teil, der stark besucht ist. Die Bibliothek selbst ist, weil viele Bücher Unikate sind, eine Präsenzbibliothek ohne Ausleihe. Dadurch sind die meisten Besucher solche, die regelmäßig und längerfristig kommen, insbesondere auch Studierende.

Können Sie etwas Näheres zur Geschichte der Bibliothek sagen?
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Gemeinde eine Schüler- und Lehrerbibliothek. Als 1906 der damalige Gemeinde­rabbiner Cossmann Werner seine Privatbib­liothek der Gemeinde schenkte, wuchs der Bestand schlagartig an. Damals umfasste er bereits 2500 Bücher und über 10.000 Broschüren. Durch Schenkungen wurde die Bibliothek kontinuierlich größer und nach Werners Tod 1918 schließlich nach ihm benannt. Das Jahr 1938 bildete dann eine Zäsur. Während der Pogromnacht am 9. November transportierten die Nationalsozialisten 10.000 Bände in 170 Kisten ab, 1200 Bücher davon konnte man nach dem Krieg in der Münchner Stadtbibliothek wiederfinden. Mit diesen Exemplaren begann 1950 der Wiederaufbau einer Gemeindebibliothek in der Reichenbachstraße. Beim Brandanschlag 1970 wurde auch die Bibliothek schwer in Mitleidenschaft gezogen, ein großer Teil der Bücher verbrannte oder war durch Löschwasser beschädigt. Seit 1973 wächst die Bibliothek wieder stetig und ist im Jüdischen Gemeindezentrum heute mit dem Buchbestand des Kulturzentrums der IKG aus der Prinzregentenstraße fusioniert. Wir erhalten immer wieder Nachlässe und Restitutionen, darunter verloren geglaubte Bücher aus dem Bestand von Cossmann Werner.

Kann man diese Geschichte in den Büchern nachvollziehen? Gibt es Kleinode, die Ihnen bei Ihrer Arbeit in der Bibliothek begegnen?
Man sieht diese wechselhafte Geschichte in vielerlei Hinsicht an den Büchern, insbesondere an den Provenienzen und Stempeln. Wir finden Exlibris aus DP-Camps oder der Cossmann-Werner-Bibliothek, manche Bücher enthalten sogar Stempel aus der NS-Zeit. Einige zeigen noch Brandspuren oder Beschädigungen. Die ältesten Bücher stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind Unikate. Auch ein kleiner Nachlass der Dichterin Gerty Spies ist Teil des Bestandes, mit handschriftlichen Widmungen. Die Bücher erzählen nicht nur Geschichten, sie haben selbst eine Geschichte.

Erhält die Bibliothek auch Förderung von außen?
Natürlich spielt die Unterstützung aus der Gemeinde eine wichtige Rolle, dazu kommen die Nachlässe. Aber auch von außerhalb treffen immer wieder Spenden ein. Der Verlag C.H. Beck ist hier zu nennen, und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland hat uns im Rahmen ihrer Digitalisierungsinitiative unterstützt. In der Zeit des Umzugs an den Jakobsplatz gab es auch eine großzügige Privatspende in Form einer finanziellen Zuwendung und interessanter Bücher. Wir sind natürlich weiterhin anstellig bei Stiftungen, die jüdische Bibliotheken fördern könnten.

Mit der Germanistin sprach Luis Gruhler.

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