Mittelfranken

Und es gibt sie noch

Es gab Zeiten, da war jeder fünfte Wilhermsdorfer Bürger Jude. Die ersten Juden dürften im 14. Jahrhundert aus Nürnberg in den Markt im mittelfränkischen Landkreis Fürth gekommen sein – ob freiwillig oder ob sie vor dem Pogrom 1349 in Nürnberg flohen, ist unklar. Auf einem Grabstein im Ort wurde die Jahreszahl 5212 jüdischer Zeitrechnung entdeckt. Das entspricht 1452 gregorianischer Zeit.

Der letzte Jude, der auf dem Friedhof beerdigt wurde, war der Viehhändler Naphtali Gottlieb: Das war am 5. April 1936. Zu seiner Erinnerung wurde jedoch kein »Stein der Toten« mehr errichtet. Zum Friedhof gelangte seine Leiche nur, weil ein christlicher Nachbar einen Leiterwagen zur Verfügung stellte. Damit widersetzte er sich dem Naziverbot, Juden zu unterstützen.

Robert Hollenbacher (76) ist ein ausgewiesener Kenner der jüdischen Geschichte seines Heimatortes. Seit der Hauptschullehrer 2004 in Pension ging, beschäftigt er sich intensiv mit dem jüdischen Leben und Sterben in Wilhermsdorf. Und auch mit den Gebäuden, die Juden gehörten – wenigstens bis 1938 noch.

ARchive Die Quellen des Hobbyforschers Hollenbacher sind vielfältig: vom Bayerischen Staatsarchiv Nürnberg bis zum Hohenlohe‐Zentralarchiv Neuenstein, von Internetdaten bis zu jeder Menge Literatur. Und er stellte fest: »Mein Urgroßvater war für die Pläne und den Bau der Synagoge verantwortlich.«
Hollenbacher forschte in Staatsarchiven, im Internet und in Büchern.

Der 1893 errichtete rote Backsteinbau hat allerdings viel von seinem ursprünglichen Glanz verloren. Heute wäre es ohne Zweifel sehr aufwendig, aus dem einst sehr repräsentativen Haus wieder ein Schmuckstück entstehen zu lassen. Vor allem im Innenausbau: Dort wurde eine Zwischendecke eingezogen, um kleinere Wohneinheiten zu schaffen.

Trotz des schlechten Zustands des Gebäudes empfahl der Weißenburger Architekt Johannes Geisenhof 1998 im Rahmen seiner Städtebau‐Voruntersuchung, die Synagoge auf die Bayerische Denkmalschutzliste zu setzen. Inzwischen sind darüber 20 Jahre vergangen. Erst 17 Jahre später, 2015, nahm das Landesamt für Denkmalpflege Geisenhofs Vorschlag überhaupt wahr, möglicherweise erinnert durch einen Artikel in der Presse. Im Mai dieses Jahres erhielt die Synagoge schließlich die Denkmalnummer D-5–73-133–47. Obwohl die Entscheidung, das Gebäude als erhaltenswert zu erachten, reichlich spät fiel, ist Geisenhof sehr froh darüber.

Arisierung Das Haus auf dem Hof hinter der ehemaligen jüdischen Schule war 1938 »arisiert« worden – ein Euphemismus für die Enteignung jüdischen Eigentums. 2000 Reichsmark zahlte die Gemeinde dem jüdischen Vorbesitzer. Sechs Tage später verkaufte sie das Haus an Privatleute für 2600 Reichsmark weiter.
Die Kommune wurde somit Gewinnler der Judenpogrome von Wilhermsdorf, worüber sich Robert Hollenbacher heute noch erregt.

Er erzählt: »Hier gab es am 19. Oktober 1938 eine vorgezogene Reichskristallnacht.« Doch während die Synagogen am 10. November fast überall in Deutschland brannten, wurden in Wilhermsdorf »nur die Einrichtung und die Fenster« des Gotteshauses zerstört. »Vielleicht dachte schon jemand daran, später damit Reibach zu machen? Genau weiß das aber niemand«, sagt Hollenbacher.

Für seine Forschungen hat der pensionierte Lehrer 20 Zeitzeugen befragt. Nicht nur von ihnen erfuhr er, dass zahlreiche ehemalige jüdische Wilhermsdorfer Bürger in verschiedenen Konzentrationslagern von den Nazis ermordet wurden: Hollenbacher kennt die Namen, die Häuser, die sie bewohnten, ihre Berufe und Ehrenämter, die sie einst bekleideten. Aber er hat auch Kontakt zu Nachkommen aufgenommen. Denn einige, gerade jüngere Juden konnten während der Naziherrschaft in die USA oder nach Israel fliehen.

Nachfahren Einige der Nachfahren konnte Hollenbacher überzeugen, Wilhermsdorf im kommenden Herbst zu besuchen. Unter ihnen werden auch zwei Enkel des letzten Lehrers der gemeindeeigenen jüdischen Schule sein. Dieses Gebäude ist zum Teil noch erhalten und steht an der Hauptstraße vor der Synagoge. Die Lehrer bekleideten damals oft auch das Amt des Vorbeters in den Gottesdiensten. Eigene Rabbiner hatte die Gemeinde offenbar nicht.

Der Grund für die Einladung: Die Marktgemeinde will laut Bürgermeister Uwe Emmert (CSU) über ihre lange jüdische Geschichte »nicht mehr hinwegschweigen«. Deshalb werde es einen Empfang für die Gäste geben, und im Ehrenhain soll eine Tafel mit 43 Namen Ermordeter aufgestellt werden. Außerdem werden an einigen Häusern entsprechende Infotafeln angebracht werden, sagt Emmert.

Für die Synagoge und weitere einst jüdische Immobilien seien Überlegungen im Gange, diese einem sinnvollen Zweck zuzuführen. Genaueres kann der Bürgermeister jedoch noch nicht sagen. »Wir werden mit unserer Sanierungsberaterin darüber sprechen«, kündigte Emmert aber an.

Vortrag Vielleicht kann ja auch Wolfgang Mück ein paar Ideen beitragen. Der Neustädter Altbürgermeister hat sich als Autor zur Regionalgeschichte einen Namen gemacht. Zuletzt veröffentlichte er das Buch NS‐Hochburg in Mittelfranken über das »völkische Erwachen« in Neustadt/Aisch und Umgebung zwischen 1922 und 1933. Darin kommt auch Wilhermsdorf vor.

Das lag bis zur Gebietsreform 1971 im Landkreis Neustadt an der Aisch. Nun hat Mück mit der Gemeinde vereinbart, im Herbst vor Ort einen Vortrag darüber zu halten. Wohl noch vor dem geschichtsträchtigen Datum 19. Oktober.

Die Synagoge für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, dürfte nicht leicht werden: Von der Hauptstraße her ist sie nicht zu erreichen. Und vom Nachbargrundstück ist sie durch zwei hohe Zäune getrennt. Ein allgemeiner freier Zugang scheint ausgeschlossen. Für die Nachfahren früherer Wilhermsdorfer solle der Zugang zum ehemaligen Gotteshaus jedoch ermöglicht werden, heißt es. Genau 80 Jahre nach der Vertreibung der letzten elf jüdischen Wilhermsdorfer. Seitdem leben hier keine Juden mehr.

www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/u-z/2096-wilhermsdorf-mittelfranken-bayern

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