Porträt der Woche

Um acht auf dem Amt

Verstehen sich auch ohne Sprache: Michal Henig-Litani (30) und ihr Hund Bijo Foto: Gregor Zielke

Porträt der Woche

Um acht auf dem Amt

Michal Henig-Litani hilft Israelis bei Übersetzungen und Behördengängen

von Christine Schmitt  04.05.2015 20:36 Uhr

Montags, dienstags, donnerstags und freitags bin ich um acht Uhr bei der Behörde, die für die Vergabe der Aufenthaltserlaubnis zuständig ist. Dann ist es noch relativ leer, und man kommt einigermaßen schnell dran. Deshalb sage ich zu meinen Klienten immer, dass wir am besten so früh wie möglich dort zusammen hingehen müssen. Ich helfe ihnen, die Formulare richtig auszufüllen. Etliche Israelis können noch kein Deutsch, wenn sie hier ankommen, und brauchen Unterstützung, die Fragen auf den Formularen überhaupt zu verstehen und sie entsprechend zu beantworten. Ich begleite meine Klienten zu den Terminen und berate sie, welche sozialen Leistungen für sie infrage kommen könnten.

Da ich für die Arbeit im sozialen Bereich ausgebildet bin, kam mir die Idee, Einwanderern bei Behördengängen zu helfen. Mittlerweile kann ich davon sogar leben. Mein kleines Unternehmen möchte ich weiter aufbauen, vielleicht kann ich irgendwann sogar noch jemanden einstellen. Auf jeden Fall habe ich eine Website und bin auch über Facebook zu finden.

Nachmittags bin ich wieder unterwegs und kümmere mich um diejenigen, die Hilfe brauchen, um die Post von den Ämtern zu verstehen. Wir gehen etwa den Mietvertrag durch oder lesen zusammen Zeitungen. An einigen Nachmittagen erledige ich auch noch meinen eigenen Bürokram.

Sprache Manchmal muss ich daran denken, wie ich selbst vor zwei Jahren aus Israel nach Berlin kam – zusammen mit meinem Mann und unserem Hund. Ich war damals 28 Jahre alt. Mein Mann und ich konnten beide kein Wort Deutsch und mussten hart arbeiten, um es so schnell wie möglich zu lernen. Deshalb belegten wir einen Deutschkurs an der Volkshochschule – leider nicht an der Jüdischen Volkshochschule, denn der Weg wäre zu weit gewesen. Man muss aber auch bereit sein, sich zu integrieren.

Bei den Anträgen auf Aufenthaltserlaubnis gibt es drei Gruppen von Israelis. Die, die über einen israelischen und einen europäischen Pass verfügen, andere, die früher in Deutschland Familienangehörige hatten, und Menschen wie mich, die nur israelisch sind. Meine Mutter hatte mir vor Kurzem erzählt, dass ich schon als kleines Mädchen Deutsch gelernt hätte. Meine Großmutter väterlicherseits stammt aus Österreich und war rechtzeitig vor den Nazis geflohen. Mein Großvater kommt ebenfalls aus Wien. Meine Oma redete mit mir so lange Deutsch, bis meine Mutter ein Veto einlegte. Warum sie das tat, weiß ich eigentlich nicht.

Etliche Verwandte meiner Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Mein Vater gab mir einige Briefe von meiner Urgroßmutter, die sie aus dem Ghetto geschrieben hat. Sie hat sie alle in ihrer Muttersprache geschrieben, und ich konnte nun alle lesen und verstehen. Das war ein ganz anderer Zugang.

Die Familie meiner Mutter stammt aus Marokko. Ich selbst wuchs in Jerusalem auf. Dort hörte ich Englisch, Italienisch, Arabisch und natürlich meine Hauptsprache Hebräisch. Von der Familie meiner Mutter kam noch ein spezieller Dialekt Marokkos hinzu, der mit dem Jiddischen zu vergleichen ist.

Psychologie Eigentlich habe ich mehrere Ausbildungen absolviert, die ich nun zu einem Job zusammenfasse. In Israel studierte ich Psychologie und arbeitete anschließend als Sozialpädagogin. Außerdem bin ich Dolmetscherin für Englisch und Hebräisch. Nun brauche ich alles. Die Sozialpädagogin in mir berät und betreut Klienten, und mit meinen Sprachkenntnissen kann ich diese Menschen unterstützen. Ich werde nicht müde, sie immer wieder zu motivieren, die Sprache zu lernen. »Ich mache es nicht für dich, sondern wir machen es zusammen«, sage ich gerne.

Wer die Sprache nicht kann, ist von den Informationen ausgeschlossen. Ich freue mich immer wieder, dass ich hier ins Kino oder in eine Theatervorstellung gehen kann, weil ich alles verstehe. Ich kann auch Lesungen besuchen oder mich mit Menschen treffen, die nur Deutsch sprechen. Mein derzeitiges Lieblingsbuch ist Das Rosie-Projekt. Das habe ich regelrecht verschlungen. Auf Englisch fällt es mir viel schwerer, Literatur zu lesen, als auf Deutsch. Aber allzu viel Zeit habe ich nun leider gar nicht mehr zum Schmökern, weil meine Arbeit so gefragt ist.

Job In Israel arbeitete ich auch mit Jugendlichen in sozialen Brennpunkten und mit Menschen, die psychisch krank sind und beruflich rehabilitiert werden sollten. Diese Arbeit ist dort privatisiert – und das hieß für mich, dass ich schlechte Arbeitsbedingungen hatte und von dem Job nicht wirklich leben konnte. Es gab für mich keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr, obwohl ich schon im Management gearbeitet hatte. Wer seinen Ort ändert, ändert auch sein Glück, dachte ich mir. So ist in mir die Entscheidung gereift, Israel zu verlassen.

Meinen Mann habe ich vor Jahren durch Freunde kennengelernt. Mit Mitte 20 feierten wir unsere Hochzeit richtig groß – wie es in Jerusalem üblich ist. In Berlin habe ich gemerkt, dass man auch in kleinerem Rahmen feiern kann, was mir sehr gut gefällt. Bevor wir auswanderten, lebten wir in Tel Aviv, sogar in einer halbwegs bezahlbaren kleinen Wohnung. Heute kostet sie bestimmt viel mehr. Die Vermieter wissen natürlich, dass sie viel Geld verlangen können, denn sie werden die Wohnungen ja immer los.

Bevor wir auswanderten, ließen wir unseren Hund impfen und füllten die entsprechenden Formulare für ihn aus. Er ist ein Mischling und hört auf den Namen Bijo. Wir verließen unsere Heimat, um in Berlin eine neue zu finden. Für zwei Monate kamen wir erst einmal als Untermieter unter, bis wir unsere jetzige Wohnung fanden. Und ich denke, dass wir richtig Glück hatten.

Gewohnheit Morgens stehe ich immer gegen 6.30 Uhr auf, damit ich noch mit dem Hund spazierengehen kann, bevor ich mich auf den Weg zur Behörde mache. Nachmittags nehme ich Bijo oft mit, denn er ist ein ganz lieber Hund und zu allen sehr freundlich. Wenn wir verreisen, kommt er vorübergehend in eine Hundepension.

Ich hatte nicht erwartet, dass unsere Auswanderung einfach werden würde. Und so war es auch. Das erste Jahr bestand aus harter Arbeit, um richtig Deutsch zu lernen und ein Leben hier aufzubauen. Ich mag es, mit unseren Nachbarn zu plaudern, denn ich bin sehr kontaktfreudig. Mittlerweile habe ich auch Freunde gefunden. Einmal im Jahr fahre ich nach Israel zu meinen Eltern und meiner Schwester. Doch ich habe beobachtet, dass der Spruch stimmt, der besagt, dass man sich ändert, wenn man auswandert. Auch die Rückkehr in das alte Zuhause ist dadurch anders geworden.

Stadt Ich habe eine neue Kultur kennengelernt – und die hat ihre Spuren hinterlassen. Ich mag das Leben in Berlin sehr. Im Winter ist die Stadt oft grau, und die kalte Zeit erscheint endlos. Aber ich finde, es ist ruhig hier, was ich sehr genieße. In dieser Stadt kann jeder machen, was er will. Man kann sich entwickeln und seine Ideen verwirklichen.

Wir sind ein Teil des Ganzen geworden, ich fühle mich längst nicht mehr als Migrantin, sondern dazugehörig. In Tel Aviv ist das Leben anstrengender. Und den Lärm, den muss man aushalten. Nur das Meer, das fehlt mir schon manchmal. Aber Berlin ist mein – und unser – Zuhause geworden.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt.

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