Weissenfels

Überdauert im Hinterhof

Unscheinbar ruht der grauverputzte Bau im verwilderten Hinterhof. Auf den ersten Blick kaum mehr als ein steinerner Schuppen. Die Vorderfront des großen Jugendstilhauses zieren Graffiti. Auf dem Kopfsteinpflaster rasen Autos vorbei. Wäre nicht die kleine Tafel, nichts würde auf die bewegte Vorgeschichte hinweisen. Weißenfels an einem trüben Märztag.

»Wir haben so viele Ideen!«, sagt Enrico und rückt sich das Basecap zurecht. Er schiebt eine Holzpalette beiseite, leuchtet in einen dunklen Raum hinein. Zerbrochene Balken hängen kreuz und quer von der Decke, Spinnenweben und jede Menge Dreck. »Kaum zu glauben, dass da drin mal gebetet wurde.« Viel ist von der alten Synagoge in Weißenfels nicht geblieben. Einzig die vermauerten Bögen über den Fenstern lassen sie noch erahnen. Dass der Bau die Pogromnacht 1938 überstand, verdankt er wohl seiner Hinterhoflage. Zur Straße hin hatte Kantor Simon Rau seine Wohnung. Von seinem Schlafzimmer aus hatte er einen direkten Zugang zur Synagoge.

Seit Jahren engagiert sich Enrico Kabisch im Kampf gegen Neonazismus. Bei der Gedenkfeier anlässlich der Pogromnacht 1938 begegnete er auf dem Jüdischen Friedhof dem Sozialpädagogen Dieter Bernecker. Gibt es in Weißenfels nicht noch diese alte Synagoge? Kann man die nicht wieder herrichten, ein Ort des Erinnerns daraus machen? Enrico begeisterte Freunde für das Projekt. Darunter auch einige aus dem Antifa-Spektrum.

Erinnern Im April 2008 wurde schließlich auf Vereinsbasis in Erinnerung an den ehemaligen Kantor das Simon-Rau-Zentrum gegründet. »Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für das, was es hier einmal gab. An die Nazizeit erinnern. Und nichts mehr unter den Teppich kehren«, sagt die Kunstlehrerin Uta Bernecker. Das hehre Ziel des kleinen Vereins: ein Dokumentations- und zugleich Präventionszentrum. Und warum nicht in der alten Synagoge oder im Wohnhaus des von seiner Gemeinde einst so geliebten Kantors?

Simon Rau war nicht nur Kantor, sondern auch Schächter. Mutig obendrein. Viele Kinder verdanken seinem aufopferungsvollen Einsatz ihr Leben. Rau selbst gelang mit seiner Familie Ende 1939 noch die Flucht über Holland nach Amerika. Dabei konnte er sogar eine von zwei beschlagnahmten Torarollen mitnehmen. Er hatte sie der Gestapo abgetrotzt. Zu Eric Rau, dem Sohn des einstigen Kantors, hat der Verein einen regen Kontakt.

Auch zu Reinhard Schramm, der als Kind die Schoa überlebt hat und lange Zeit Professor an der TH in Ilmenau war. Seinen Recherchen zur Geschichte seiner Familie und Freunde in Weißenfels verdankt der Verein viel. Inzwischen hat Enrico Kabisch auch Überlebende und Nachfahren in Israel und den USA aufgespürt. Gemeinsam mit der Historikerin Katharina Krüger wird er über die Lebenswege der jüdischen Familien aus Weißenfels einen Dokumentarfilm drehen. »Wir machen ein bisschen Familienzusammenführung.«

Aufpolieren Das über der Stadt thronende Schloss, die Marienkirche, all die feingeputzten Bürgerhäuser: In Weißenfels hat sich seit dem Ende der DDR und dem Zusammenbruch des berüchtigten Chemiedreiecks südlich von Leipzig und Halle viel getan. Jede Menge Fördermittel brachten neuen Glanz in die heute noch knapp 25.000 Einwohner zählende Stadt, einst ein Symbol der »Schuhwarenindustrie«.

Und doch liegt die Region wie im Niemandsland. Viele Fernzüge rauschen längst durch die verwitterten Bahnhöfe. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 20 Prozent. Perspektiven gibt es kaum. Ausgerechnet hierher sollen sich Touristen verirren? Vom Schwedenkönig Gustav Adolf, über Heinrich Schütz bis Novalis, viele Namen verbinden sich mit Weißenfels. Darunter auch Benjamin Halevi, Richter im Jerusalemer Eichmannprozess 1961 oder Max Fränkel, Pulitzer-Preisträger und langjähriger Chefredakteur der New York Times. »Die Stadt«, meint Uta Bernecker, »könnte mit ihren Pfunden wuchern. Doch sie tut nichts. Man gibt sich mit Mittelmaß zufrieden.«

Finden Die Spuren der jüdischen Vergangenheit sind in Weißenfels größtenteils verweht. Aber die Nordstraße 14 mit der Synagoge im Hof beweist, dass sich Dinge noch immer finden lassen. Vor 1933 lebten in der Stadt an der Saale, die wohl zum Schönsten des mitteldeutschen Barock zählt, gut 150 Juden. In Erfurt lagert noch ein mittelalterlicher Hochzeitsring aus Weißenfels. Und im Stadtmuseum stieß der Verein auf die originalen Schächtmesser von Simon Rau.

Eric Rau hat seine Zusage für die Namensgebung an eine Bedingung geknüpft: Das Zentrum dürfe sich explizit nicht gegen Israel wenden. Antifa steht vielerorts eben auch für Antizionismus. »Das ist hier ein ziemlich unkomplizierter und toleranter Haufen«, scherzt Uta Bernecker. Fast hätte der Verein das Haus in der Nordstraße 14 bei einer Zwangsversteigerung erwerben können. »Wir hatten dem Bürgermeister sogar schon detaillierte Entwürfe zu einem Nutzungskonzept präsentiert«, ärgert sich Enrico. Aber sie konnten das Geld nicht so schnell auftreiben.

Bisher finanziert sich der Verein über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Fördergelder. Mehr als gute Worte flossen von offizieller Seite der Stadt bislang nicht. Man brauche eben Geduld und einen langen Atem. »Was Mut macht«, sagt Uta Bernecker, »ist die vielfältige private Unterstützung. Vor allem auch durch Familie Rau in Amerika.« Vielleicht werde man ja irgendwann noch die seit 1938 verschollene zweite Torarolle finden, die man in der wiedererrichteten Synagoge ausstellen könnte.

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