Mitzvah Day

Überall wird angepackt

»Die Kinder sind schon ganz aufgeregt, wenn sie die grünen Mitzvah-Day-T-Shirts und die Ballons sehen«, sagt Sofia Boymenblit, Leiterin des Aachener Jugendzentrums. Auch freuen sie sich, dass sie »Teil einer deutschlandweiten Aktion sind«. Sofia ist ebenfalls voller Vorfreude, denn der Mitzvah Day am kommenden Sonntag ist ein Magnet und zieht die Kids ins Jugendzentrum. »So eine Aktion verbindet.«

Mittlerweile sind mehr als 100 Projekte gelistet beim Mitzvah Day, an dem in ganz Deutschland jüdische Organisationen zu gemeinnützigen Aktivitäten aufrufen. Ein paar Tausend Menschen werden unterwegs sein, um gemeinsam Bäume zu pflanzen, anderen ein paar unterhaltsame Stunden zu schenken oder Müll auf Spielplätzen aufzusammeln. Immer mehr Interessierte beteiligen sich an dem Aktionstag, der vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert wird.

Betergemeinschaften, Schulklassen, Studierendenverbände oder Jugendzentren haben ihre Projekte angemeldet. In diesem Jahr gibt es auch wieder Rubriken wie »Sonnenschein für Senioren«, »Shoppen für andere«, »Renovieren«, »Backen«, »Basteln« und »Vogelfutterkanonen«.

»Aber auch, wenn wir die Tüten nur abgeben können – Hauptsache ist, dass sie sich freuen.«

Sofia Boymenblit, Leiterin des Aachener Jugendzentrums

Die Aachener Madrichim haben sich überlegt, dass die kleineren Kinder Vogelhäuschen bauen, während die Größeren Grußkarten schreiben, sie zusammen mit Süßigkeiten in Tüten stecken und diese in ein Kinderheim bringen. Im vergangenen Jahr hat sich das Jugendzentrum zum ersten Mal am Mitzvah Day beteiligt. »Da haben wir uns ganz dem Vogelfutter gewidmet«, sagt Sofia.

Tüten Nun wollen sie etwas Neues ausprobieren. Sie hatten sich gewünscht, die Tüten mit israelischen Süßigkeiten zu bestücken, aber die sind bisher noch nicht eingetroffen. »Es soll Lieferschwierigkeiten geben«, bedauert Sofia. Sie hatte sich gewünscht, dass die Kinder auch auf diese Weise ein Stück Israel kennenlernen.

Unklar ist auch noch, ob sie die Tüten persönlich überreichen können, da in den Einrichtungen immer noch Corona-Maßnahmen gelten. »Aber auch, wenn wir die Tüten nur abgeben können – Hauptsache ist, dass sie sich freuen.« In dem Heim leben Kinder, die als schwer erziehbar gelten oder deren Familien nicht in der Lage sind, sich adäquat um sie zu kümmern.

Etwa 20 Kinder kommen sonntags ins Jugendzentrum. Sie selbst habe, wie sie sagt, ihre »ganze Kindheit« dort verbracht und möchte ihre guten Erfahrungen weitergeben.

baden-baden Seit acht Monaten ist die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden im Einsatz für die ukrainischen Geflüchteten. Das Grundstück, das für den Bau einer Synagoge erworben wurde, liegt noch brach, sodass es für ein Zeltlager genutzt werden kann, in dem Sachspenden für die Geflüchteten aufbewahrt werden. Etliche Menschen bringen neben Geld auch Kleidung, Spiele und Hygieneartikel.

»Alle Städte in der Umgebung wie Rastatt und Brühl engagieren sich ebenfalls bei diesem Projekt«, sagt Irina Grinberg, Mitarbeiterin der Gemeinde. Für kommenden Sonntag planen sie noch einmal eine große Aktion und werden Sachen entgegennehmen, vor allem Winterkleidung werde nun dringend benötigt.

Es haben sich viele Einzelpersonen und Organisationen angeschlossen. »Wir spenden unsere Zeit und unser Geld«, so Irina Grinberg. Neben ihr und Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev werden sich etwa 30 Menschen die grünen T-Shirts überstreifen.

Leipzig Die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig ist seit vielen Jahren beim Mitzvah Day dabei. »Wir haben schon vieles ausprobiert«, sagt Marina Charnis von der Gemeinde. Doch diesmal haben sich die Ehrenamtlichen etwas Neues ausgedacht. Warum nicht mal ein Konzert für die Senioren anbieten? Und zwar nicht von Profis, sondern von den Kindern.

»Wir haben eine aktive Gruppe von Kindern und Jugendlichen, von denen viele ein Instrument spielen oder tanzen.« Und das werden sie am Sonntag in der Gemeinde präsentieren. Wer nicht auf der Bühne stehen möchte, backt Plätzchen oder einen Kuchen und hilft beim Buffet. »Leider ist der Saal nicht so groß«, bedauert Marina Charnis. Aber es sei netter in einem kleineren Raum als in dem für ein paar Hundert Menschen. Und die Kinder kennen den Raum von anderen Aufführungen.

Bis dahin wird auch der Klavierstimmer dagewesen sein, damit am Sonntag der Klang stimmt. Die Kinder spielen neben Klavier auch Geige und Gitarre. Außerdem wird ein Junge Breakdance performen und ein Mädchen eine Ballettnummer präsentieren.

Die Ehrenamtlichen der Gemeinde Unna hatten die Idee, Geflüchteten etwas Gutes zu tun.

Bereits mehr als 80 Anmeldungen hat die Jüdische Gemeinde »haKochaw« in Unna für ihren geselligen Nachmittag angenommen. »Die ukrainischen Geflüchteten haben so viele Sorgen, weshalb wir ihnen ein paar schöne Stunden bereiten wollen«, sagt die Vorsitzende Alexandra Khariakova.

Die Gemeinde betreut etwa 200 Geflüchtete. Nun lädt sie zum Mitzvah Day ein, es gibt Kaffee und Kuchen, und zusammen sollen ein paar Lieder gesungen werden. »Und die ukrainischen Kinder spielen uns etwas vor«, sagt sie.

Die Ehrenamtlichen hatten die Idee, den Geflüchteten etwas Gutes zu tun, damit sie nicht »immer nur an ihre Liebsten in der Heimat denken müssen«. Die Ukrainer gingen unterschiedlich mit ihrer Situation um. Einige würden auf gepackten Koffern sitzen und auf eine Rückreise hoffen. Deren Kinder nehmen am Online-Unterricht ihrer dortigen Schulen teil. Andere seien glücklich, hier in Sicherheit leben zu können. »Doch entspannt sind sie leider alle nicht. Aber vielleicht am Sonntag ein bisschen.« Alle seien unabhängig von ihrer Religion willkommen. Gleichzeitig bittet die Gemeinde um Geldspenden für ein ukrainisches Krankenhaus, damit ein Generator und Medikamente gekauft werden können.

Streuobstwiese »Wir spenden Obstbäume«, sagt Rafi Rothenberg von der Kölner Gemeinde Gescher LaMassoret. Weitere 50 Bäume sollen auf die Streuobstwiese in Köln-Longerich. Die Gemeinde übernimmt die Kosten von 150 Euro pro Baum. Auch im vergangenen Jahr hatten sie schon einige ausgebracht. 200 Mitglieder zählt die Gemeinde, von denen etliche ihr Kommen angekündigt haben. Mithilfe der Aktiven des Naturschutzbundes Nabu sollen die Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume gepflanzt werden.

»Ich habe auch schon viel dabei gelernt, beispielsweise, dass man Gitter um den Wurzelballen machen muss, damit die Wühlmäuse nicht an die Wurzeln herankommen«, so Rothenberg. Da es eine öffentlich zugängliche Wiese ist, kann jeder das reife Obst pflücken. Wer mag, kann auch eine Widmung dazukaufen. »Manche wählen als Inschrift ein besonderes Ereignis oder die Namen der Eltern oder anderer Verwandter, die den Holocaust nicht überlebt haben.«

Auch die Schüler einer Gesamtschule im hessischen Felsberg sind bereits seit Längerem am Basteln, denn es sollen kleine Winterdörfer mit einer Kirche, einer Moschee und einer Synagoge entstehen. »Unser Projekt ist ein Trialog«, sagt Sarah-Elisa Krasnov, Vorsitzende der Jüdischen Liberalen Gemeinde »Emet weSchalom«. So werden die Schüler, die Kinder der Jüdischen Gemeinde und die Bewohner einer Behinderteneinrichtung zusammen agieren.

»Wir möchten viele Menschen zusammenbringen«, sagt Sarah-Elisa Krasnov vom der Jüdischen Liberalen Gemeinde »Emet weSchalom«.

Die Häuser werden von den Schülern gebaut, sodass sie sie am Mitzvah Day mitnehmen können zu den Menschen mit Behinderungen. Zusammen möchten sie die Häuschen bemalen. Später kann sich jeder, der mag, eines auf die Fensterbank oder auf den Tisch stellen.

»Wir möchten viele Menschen zusammenbringen«, sagt Krasnov. Die behinderten Menschen leben in Wohngemeinschaften in einem Heim. Sie sind 20 bis 70 Jahre alt, die Schüler besuchen die neunte und zehnte Klasse.

Berlin Auch 15 Kinder aus dem Berliner Rollberg-Kiez sind bereits zum Mitzvah Day angemeldet. Die Mitglieder der Synagoge Fraenkelufer möchten Kindern, die aus »benachteiligten Haushalten« stammen, einen schönen Tag bereiten und mit ihnen in die Biosphäre Potsdam fahren.

»Manche Kids kommen gar nicht aus ihrem Kiez heraus«, sagt Susanne Stephan, die die Aktion mitorganisiert. Die Kids sind zwischen acht und 14 Jahren alt. Die Führung ist bereits gebucht. Zustande gekommen ist das Projekt auch durch die Zusammenarbeit mit Shalom Rollberg, ein Begegnungsort in Neukölln, in dem sich jüdische Berliner engagieren, darunter viele Israelis.

www.mitzvah-day.de

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