Buchvorstellung

Über die letzten Dinge

Michel Bergmann (1945–2025) starb am 15. Juni in Berlin Foto: Astrid Schmidhuber

Michel Bergmanns Mame war eine Übermutter, die ihr Kind über alles liebte. Gleichzeitig konnte er ihr nichts recht machen. Er wurde »nur« Journalist, er interessierte sich für die falschen Frauen, abgesehen davon, dass in ihren Augen keine gut genug sein konnte.

Dass er, 1945 in Riehen als Kind internierter Schoa-Überlebender geboren, ein erfolgreicher Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor, zum Beispiel von Otto – Der Katastrofenfilm (2000), wurde, hat sie gewiss noch mitbekommen; den Erfolg seiner familiengeschichtlich inspirierten, in Frankfurt angesiedelten Trilogie über Die Teilacher (2011), gefolgt von Machloikes und Herr Klee und Herr Feld, nicht mehr. Ihr Lebensmut hatte sich bereits im November 2001 restlos erschöpft.

publikum Bergmann, der mit seinem nach eigener Zählung achten Buch – sein allererstes, gemeinsam mit seiner Frau Anke Apelt verfasstes, nicht mitgerechnet – im Jüdischen Gemeindezentrum in München das Publikum begeisterte, setzte seiner Mutter Charlotte mit Mameleben ein Denkmal. Sie war einmal außergewöhnlich attraktiv und voll praktischer Intelligenz gewesen.

Als Frau des Jahrgangs 1916 war sie im Alter nicht nur rechthaberisch, das war sie gemäß Episoden aus ihrem wechselhaften Leben schon vorher, sondern depressiv und des Lebens müde geworden. Das Kind im Sohn bewunderte sie, wuchs auf »mit der Lebenslüge, man bleibt nur vorübergehend in Deutschland«, litt unter ihrem tagelangen Schweigen, wenn sie ihn treffen wollte, »die schwerste aller Strafen«.

Am Ende hat er sie beschrieben, ohne sie zu verletzen: die schwierigsten Momente einer erfolgreichen, vom Leben und von den Mitmenschen zutiefst verletzten Frau. Er tat dies mit Humor, Sympathie und (Selbst-)Erkenntnis. Bergmann kennt keine Schreibblockaden, er charakterisiert seine Arbeit als eine Mischung aus Humor und Tragik, frei nach einem Plakatspruch am einstigen großen jiddischen Theater in Wilma: »A jiddisches Leben – a Tragedie mit Musik und Tanz«.

eltern Ernst wurde es im Gespräch mit Ellen Presser, als er auf das Weiterleben seiner Eltern einging: »Ich bin am Rande eines Massengrabs groß geworden. Tote saßen mit am Tisch, mittags, abends.« Er wusste, wie viele Verwandte Vater und Mutter verloren hatten. Und er wusste es später auch vom Stiefvater, obwohl der über den Verlust seiner ersten Frau und kleinen Tochter nie sprechen wollte.

Bergmann schreibt über die letzten Dinge und setzt Flashbacks in frühere gute und schlechte Zeiten. Ob das Schreiben psychoanalytische Bedeutung habe? Das Ja mündet in eine weitere Anekdote. Der befreundete Schauspieler Anatole Taubman rief nach der Lektüre an, das Buch sei wunderbar, aber er habe sich sehr geärgert, »weil ich Tausende von Franken für Therapie bezahle und du bekommst noch Geld dafür«.

Michel Bergmann: »Mameleben oder das gestohlene Glück«. Diogenes, Zürich 2023, 244 S., 25 €

Porträt der Woche

Die Kraft der Sichtbarkeit

Rivkah Schwarzbart entwirft seit dem 7. Oktober jüdischen Schmuck und lebt in München

von Katrin Diehl  05.07.2026

Kommentar

Meine Angst

Was es heißt als Jude in Deutschland nach dem 7. Oktober zu leben. Ein Aufschrei von André Herzberg

von André Herzberg  05.07.2026

Schule

Blick nach vorn

Das Helene-Habermann-Gymnasium in München verabschiedete seine Abiturientinnen und Abiturienten – und feierte zugleich zehnjähriges Bestehen

von Ellen Presser  05.07.2026

Lesung

Sprache statt Wurzeln

Die aus dem Irak stammende Schriftstellerin Mona Yahia stellte in München ihr neues Buch über jüdisches Leben im arabischen Raum vor

von Nora Niemann  05.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026